„Einer für alle, alle für einen“: Wer kennt nicht das Motto der Musketiere, das Alexandre Dumas Mitte des 19. Jahrhundert mit seinem Historienroman über die degenschwingenden Helden im Dienste des französischen Sonnenkönigs berühmt machte? Athos, Porthos, Aramis und vor allem der zu ihnen stoßende Draufgänger d’Artagnan gehören immer noch zu den populärsten Figuren des Grand Siècle, dem Fakten und Fiktion munter vermischenden Dumas und den von ihm inspirierten Mantel-und-Degen-Filmen sein Dank. Sogar als Comic und Computerspiel gibt es „Die drei Musketiere“.
Eine Kugel und eine Münze
Kein Wunder also, dass ein Skelettfund in der Kirche St. Peter und Paul im niederländischen Maastricht international für Aufsehen sorgt: Es könnte sich um die sterblichen Überreste von Charles de Batz de Castelmore, Comte d’Artagnan, handeln – jenem Musketier Ludwigs XIV., der am 14. Juni 1673 bei der französischen Belagerung der Stadt während des Holländischen Krieges zu Tode kam. Eine Musketenkugel traf im Gefecht den Hals des Offiziers, der im wahren Leben selbst eher schoss als focht, anders als romantische Vorstellungen späterer Zeiten uns glauben machen wollen. Noch am Tag der Verwundung starb d’Artagnan.
Begraben wurden gefallene hochrangige französische Soldaten wie er üblicherweise vor Ort in einer katholischen Kirche, und das Militärlager der Franzosen befand sich damals ganz in der Nähe des Örtchens Wolders, das inzwischen zu Maastricht gehört und in dem die Kirche St. Peter und Paul steht. Der Fundort würde zu d’Artagnan passen.
Aufgetaucht ist das Skelett bei Reparaturarbeiten im Hauptschiff der Kirche. Einige Bodenplatten vor dem Hochaltarm etwa auf der Höhe, auf der vor zweihundert Jahren der frühere Hauptaltar stand, waren durch ein Absacken des Untergrunds gebrochen, erzählte der Dekan Jos Valke der BBC. Man habe daher beschlossen, erstmals an dieser Stelle Grabungen vorzunehmen. Als eine Mauer zum Vorschein kam, rief die Kirchenleitung den Archäologen Wim Dijkman hinzu, der sich seit Jahrzehnten mit der Suche nach d’Artagnons bisher unbekanntem Grab befasst. Dass er das Skelett in der Kirche fand, bezeichnete er im belgischen Regionalsender Omroep Limburg als möglichen Höhepunkt seiner Karriere.
Tatsächlich sprechen allerdings bisher nur drei magere Indizien dafür, dass es sich bei den Knochen wirklich um die sterblichen Überreste des Mannes aus der Gascogne handeln könnte, dem der Roi Soleil besonders delikate Aufgaben übertrug – wie der Verhaftung des Ludwig suspekt gewordenen Oberintendanten der Finanzen, Nicolas Fouquet – und den er zum Capitaine-lieutenant der Ersten Kompanie der Musketiere beförderte.
Auf d’Artagnan hin deuten die Lage des Grabs unter dem Altar, eine bei den Gebeinen entdeckte Gewehrkugel sowie eine Münze aus dem Jahr 1660. Das ist ohne romanhafte Phantasie nicht gerade viel, muss aber auch nicht gegen eine potentielle Zuordnung sprechen. Einige der Knochen werden nun im archäologischen Institut in Deventer auf ihr Alter untersucht werden und andere in Deutschland einer DNA-Analyse unterzogen. Wenn die Ergebnisse vorliegen, wird man mehr wissen, womöglich aber immer noch keine Gewissheit haben.
Ob die Gebeine des Toten in der Maastrichter Kirche sich als die d’Artagnans erweisen oder nicht: Sein Mythos lebt, selbst wenn seine Musketiere tatsächlich als Motto auf ihrem Banner die lateinische Devise „Quo ruit et lethum“ führten. Frei übersetzt: Wohin sie fällt, ist der Tod. Das zugehörige Bild zeigte eine aus einem Mörser auf eine Stadt abgefeuerte Kugel.
Source: faz.net