Der Mann, jener die deutsche Comedy entgrenzte

Christian Ulmen machte das Rollenspiel zur radikalsten Form deutscher Comedy. Er war ein Bruch im System. Jetzt zeigen Vorwürfe, wie nah dieses Prinzip an eine Realität rücken kann, die keine Grenze mehr kennt.

Ach, er wolle doch einfach nur helfen, sagt der erwachsene Mann, der sich ein gelbes Kanarienvogel-Kostüm angezogen hat, mit Falsett-Stimme spricht und dem älteren Passanten, den er zufällig abgefangen hat, immer wieder ein gutes Stück zu nahe kommt. Er habe Mörtel gemacht, aus Haferflocken und Milch, und damit möchte er eine Straße bauen.

„Komm, lass uns einen Weg machen“, bedrängt er den sichtlich überforderten Mann, der ganz offensichtlich nicht versteht, was da eigentlich gerade passiert, warum er von einem freundlichen Kanarienvogel belästigt wird. Schließlich gibt er sich geschlagen und macht einfach mit, pflastert gemeinsam mit dem Mann im Kostüm und einem vorbeikommenden Schotten den Berliner Asphalt mit Müsli. Tweety baut eine Straße. Das war der Titel eines frühen Christian-Ulmen-Sketches. Tweety war die erste große, populäre Figur, die Ulmen schuf und mit der er seinen frühen Durchbruch feierte.

Er hatte damals gerade ein auf ihn zugeschnittenes MTV-Format bekommen, in welchem er in den frühen Nullerjahren den anarchischen UK-Humor ins Deutsche übersetzte. In „Unter Ulmen“ verkleidete sich Ulmen da also etwa als Küken, nannte sich Tweety und belästigte und überforderte Passanten. Das alles wurde mit versteckter Kamera gefilmt. Ähnliche Konzepte verfolgten damals auch Niels Ruf und Stefan Raab, die auf die brutale Überforderung der Menschen setzten, die sie da vor der Kamera sprichwörtlich überfielen. Die jungen deutschen Ableger des Musikfernsehens waren Experimentierfelder für eine ganz neue Form von Comedy, für ein popkulturelles anything-goes, das immer wieder moralische und politisch korrekte Grenzen bewusst sprengte und das Medium in die Realität einbrechen ließ.

Ulmen war ein Systembruch in der deutschen Comedy

Aber Ulmen war anders. Er dachte weiter. Ihm ging es nicht bloß um die reinen Schockeffekte, um die bloße Konfrontation mit dem Unvorhergesehenen, ihm ging es ganz besonders um die Rollenprosa. Ulmen entwickelte für sein neues Format „Mein neuer Freund“ komplexere Figuren: Uwe Wöllner, ein nerdiges Muttersöhnchen, oder Alexander von Eich, einen menschenverachtenden reichen Aristokraten, die er in ganz normale Umgebungen setzte und die Menschen, denen er begegnete, so herausforderte. Das sorgte immer wieder für extrem unterhaltsame Fremdscham-Momente.

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Ulmen war ein Systembruch in der deutschen Comedy, die zu diesem Zeitpunkt noch rein sketchorientiert funktionierte. Sie zielte auf klare Pointen und war oft so überzeichnet, dass sich der Begriff des „Schenkelklopfer-Humors“ dafür durchsetzte. Ulmen war anders, er setzte auf Improvisation statt auf Skript, auf Realismus statt auf Überzeichnung. Er war konfrontativ, und genau das machte ihn so genial.

Ulmen spielte Figuren, die über lange Strecken die Grenzen der Erträglichkeit überreizten. Damit befreite er die deutsche Comedy vom klassischen Witz und verankerte sie in der Realität. Das Ganze trieb er schließlich mit der Serie „Jerks“ auf einen Höhepunkt, eine Art Impro-Sitcom, wo er irgendwie sich selbst, irgendwie aber auch eine fiktive Rolle spielte. Schon in seiner Jugend hatte er ein Faible für genau diese Form von Spiel, wie er einmal in einem Podcast erzählte. Damals wählte er sich bei Sex-Hotlines ein, gab sich als Frau aus und machte daraus einen Party-Gag. Was Ulmen groß gemacht hat, war das Prinzip des überreizten, realistischen Rollenspiels.

Er versetzte sich in fremde, in oftmals radikale Rollen und reizte sie bis zum Extrem aus. Christian Ulmen hat die deutsche Comedy nicht nur verändert, sondern sie in ein radikales Rollenspiel unter Realbedingungen überführt – und genau dieses Prinzip droht ihm nun, außerhalb der Bühne, zum Verhängnis zu werden. Seine Ex-Frau Collien Fernandes wirft ihm vor, dass Ulmen im Internet Fake-Accounts von ihr erstellt hat, dass er in ihrem Namen Menschen aus ihrem beruflichen und privaten Leben angeschrieben und mit ihnen zunächst Sex-Nachrichten ausgetauscht haben soll. Später soll er ihnen auch Fake-Videos von Fernandes geschickt haben, wie auch Recherchen des „Spiegel“ belegen sollen. Vergewaltigungsfantasien. Von der eigenen Ehefrau. Ulmen hat sich zu diesen Vorwürfen noch nicht geäußert.

Sollte sich dies als wahr erweisen, wäre aus dem künstlerischen Prinzip des Rollenspiels eine Praxis geworden, die keine Bühne mehr kennt – und keine Grenze. Die Figur Tweety, einst Inbegriff einer spielerischen Grenzverschiebung, stünde dann rückblickend für etwas ganz anderes: den Beginn einer Logik, die sich irgendwann nicht mehr kontrollieren ließ. Ulmen wollte immer wissen, wie weit man gehen kann. Vielleicht hat er es herausgefunden.

Source: welt.de

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