„Der Magier im Kreml“: Wehe, wer den Zaren im Urlaub stört

Zwei Männer im Schnee. Sie laufen an einem gefrorenen Teich entlang, betreten eine zweistöckige Villa, lassen sich vor dem Kamin nieder, trinken Whisky und reden. Dann kommt das Mittagessen, und sie reden weiter, den ganzen Nachmittag lang, bis die Dämmerung anbricht. Es ist ein Setting, eine Situation, die das Kino sonst meidet wie die Pest, und normalerweise würde man nach kurzer Zeit die Geduld mit den beiden Plauderern verlieren. Aber hier könnte man ihnen ewig zuhören, auch über die knapp zweieinhalb Stunden hinaus, die ihr Gespräch dauert. Denn sie reden über Wladimir Putin.

Jeder weiß, wer mit dem „Zaren“ gemeint ist

Und der Film bebildert, was sie sagen. Er zeigt, wie Wadim Baranow (Paul Dano), einer der zwei Männer am Kamin, im Russland der Neunzigerjahre Theater studiert und sich durch gewagte Inszenierungen einen Namen macht, wie er die Schauspielerin Ksenia (Alicia Vikander) kennenlernt und sie an einen reich gewordenen Jugendfreund verliert, wie er von Boris Beresowski, einem der neuen Oligarchen, zum Privatfernsehen geholt wird, wo er Reality-TV-Shows produziert und zur rechten Hand des Senderchefs aufsteigt, und wie er schließlich zum Wahlkampfteam des russischen Präsidenten Jelzin stößt. Das alles zieht in knappen, gefälligen Szenen vorbei, mal von Punkrock, mal von sanfteren Tönen begleitet, bis man sich endlich fragt, wo eigentlich die Person bleibt, die den eigentlichen Anlass für das Kamingespräch bildet. Bei den beiden Männern heißt sie immer nur „der Zar“. Aber jeder weiß, wer gemeint ist.

Im Jahr 2022 veröffentlichte der italienische Journalist und Politikberater Giuliano da Empoli seinen ersten Roman „Der Magier im Kreml“. Das Buch, das auf langjährigen Recherchen in Putins Russland fußt, wurde in 32 Sprachen übersetzt, gewann den Preis der Académie française und beinahe auch den Prix Goncourt (in Deutschland erschienen bei C. H. Beck). Insofern ist es kein Wunder, dass sich ein französischer Regisseur für den Stoff interessierte, auch wenn Olivier Assayas, der Schöpfer subtiler Generationenporträts („Zwischen den Zeilen“) und vertrackter Geistergeschichten („Personal Shopper“) dafür nicht die erste Wahl zu sein schien.

Aber Assayas sicherte sich die Mithilfe des Schriftstellers Emmanuel Carrère, dessen Romanbiographie über den russischen Dichter und Parteigründer Eduard Limonow ebenfalls ein Bestseller war, und die Finanzkraft des Kinokonzerns Gaumont. Der Film entstand, nach einem Drehbuch von Assayas und Carrère, im lettischen Riga und Umgebung – was man ihm nicht ansieht – sowie, unübersehbar, an der Côte d’Azur. Beim Filmfestival in Venedig ging er im vergangenen Jahr leer aus.

Für seinen Chef mobilisiert er die Kräfte des Bösen: Paul Dano als Wadim BaranowCarole Bethuel

Es dauert ungefähr eine Stunde, bis der „Zar“ erstmals vor der Kamera auftaucht, doch dann wechselt die Stimmung in „Der Magier im Kreml“ mit einem Schlag. Bis dahin ist der Film eine Art Geschichtsrevue, aber jetzt wird es ernst: weil Jude Law mit seiner Rolle Ernst macht. Er karikiert Putin nicht, er zeichnet ihn: sein verkniffenes Mienenspiel, sein Haifischlächeln, seinen Mafioso-Gang, seine verkrampfte Gestik, seine stupende Humorlosigkeit. Vor allem bringt er jene aggressive Unsicherheit in die Bilder, die der russische Präsident bei jedem öffentlich Auftritt mit sich herumträgt – die tiefgefrorene Panik eines Mannes, der sich mit allen Mitmenschen unwohl fühlt, vor denen er nicht durch einen langen Tisch oder eine schwerbewaffnete Leibwache geschützt ist.

Nach seinem Wahlsieg walzt er alles nieder

Als Laws Putin von Baranow und Beresowski das Angebot erhält, Jelzins Nachfolger zu werden, reagiert er folgerichtig mit Bedenken: zu ungeplant, zu ungewiss, zu unkontrollierbar. Aber nach seinem Wahlsieg walzt er alles nieder, was ihm künftig im Wege stehen könnte. Das russische Volk, sagt Putin, sehne sich nach einer vertikalen Ordnung anstelle des horizontalen Chaos, das in der Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion geherrscht habe. Das klingt genauso technokratisch, wie es der Regierungsstil des ehemaligen Geheimdienstchefs tatsächlich ist, und Jude Law verkündet es mit dem leisen Akzent nackter Brutalität, der ebenso unvermeidlich aus jedem Satz des Kremlherrschers spricht.

Dabei legt der neue Zar ebenso wie einst Stalin Wert darauf, im Urlaub nicht von Katastrophen gestört zu werden. Als das Atom-U-Boot „Kursk“ im Nordmeer sinkt, weilt er gerade in seinem Ferienschloss auf der Krim, und seine Erklärung, die Besatzung sei längst tot, wirkt wie eine zynische Lüge zum Schutz seiner Mittagsruhe. Was wirklich passiert ist, hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg vor acht Jahren in einem ergreifenden Film geschildert. Bei Olivier Assayas ist es ein Jammer, dass die Szene so rasch endet, denn sie böte alle Möglichkeiten für eine bitterböse Putin-Karikatur.

Eine Liebe im Machtbereich Putins: Alicia Vikander als Ksenia und Paul Dano als BaranowCarole Bethuel

Aber Putin ist eben nicht die Hauptfigur dieser Geschichte, und darin liegt das große Problem von „Der Magier im Kreml“. Der Film kann eben nicht im Kreml bleiben, er muss, auf den Spuren des Buches, immer wieder in die Villa in den Wäldern bei Moskau zurück, zu dem westlichen Journalisten (Jeffrey Wright) und seinem russischen Gesprächspartner, den Paul Dano mit dem gekränkten Stolz eines Schachweltmeisters im Ruhestand spielt. Und weil die Kamera mit den Augen Baranows und nicht mit jenen Putins auf die Welt blickt, wird das historische Geschehen – zu dem neben der „Kursk“ auch die Revolution in der Ukraine und die Besetzung der Krim, aber bezeichnenderweise nicht der russische Überfall von 2022 zählen – immer wieder durch die Love Story zwischen dem „Magier“ und der schönen, wankelmütigen Ksenia unterbrochen. Hier kann Assayas alle Register des französischen Kinos ziehen, von der Yacht im Sonnenuntergang am Mittelmeer bis zum Abschiedsblick auf eine skandinavische Winterlandschaft, aber der ganze Aufwand wirkt so überflüssig wie Geschenkpapier, das um eine Granate gewickelt ist.

Nur dass die Granate in diesem Film nicht zündet. Vielleicht hätten Assayas und sein Drehbuchautor Carrère die Fiktion Giuliano da Empolis noch weiter fiktionalisieren und den Teilzeit-Präsidentenberater Baranow zum ständigen Begleiter Putins machen müssen, um ihren Blick auf die Geschichte wirklich scharf zu stellen. Stattdessen teilt „Der Magier im Kreml“ jetzt das Schicksal seiner Vorlage: Beide wurden von den Ereignissen überholt. Da hilft auch die Hand mit der Pistole nicht, die am Ende aus dem Nichts auftaucht wie der Finger Gottes auf einem berühmten Gemälde von Giotto. Denn die Hand des Teufels, von dem der Film handelt, schreibt ja weiter Geschichte. Ohne Magier, ohne Liebesstammeln, nur mit dem eisigen Griff der Macht.

Source: faz.net