Laurence des Cars wollte dem Pariser Louvre eine Renaissance bescheren. Sie scheiterte spektakulär – auch weil ihr medienwirksame Neuanschaffungen wichtiger waren als das Museum. Doch die Louvre-Katastrophe ist nicht ihr Werk allein. Ein Nachfolger ist schon gefunden.
Der Jahrhundertraub Mitte Oktober hatte Frankreich vor aller Welt zur Lachnummer gemacht. Bei laufendem Betrieb konnten zwei Männer dank einer Hebebühne in den Saal eindringen, in dem der Louvre die Kronjuwelen der Monarchie aufbewahrte. Direktorin Laurence des Cars bot nach der Katastrophe ihren Rücktritt an, aber der Präsident lehnte ab.
Unterstützung bekam sie damals von 57 Kolleginnen und Kollegen weltweit, vom Prado in Madrid bis zum Metropolitan Museum in New York. Die Botschaft der Direktoren der größten Museen der Welt lautete: Das kann jedem Haus passieren. Wer ein Werk ausstellt, bringt es in Gefahr. Die Welt sei brutaler geworden, aber dennoch müssten Museen ihre Mission weiterverfolgen und die Schätze des Weltkulturerbes einer größtmöglichen Zahl von Menschen zeigen.
Doch seit dem spektakulären Raub befindet sich der Pariser Louvre in einer Dauerkrise – und man ist geneigt, die schreienden Missstände im größten Museum der Welt als Metapher für den Zustand Frankreichs zu lesen: Offensichtliche Sicherheitsmängel, warnende Berichte, denen keine Taten folgten, und mehrere Wasserschäden mit Überschwemmungen, die Werke zerstörten. Die neun Säle der Galerie Campana mussten Ende des Jahres geschlossen werden, eine Vorsichtsmaßnahme, weil Decken und Böden einzustürzen drohen. Dabei war die Galerie erst vor zwei Jahren wiedereröffnet worden, nach einer musealen Neukonzeption. Offensichtlich hatte man sich mehr um Didaktik und Museumsästhetik gekümmert als um Sicherheit.
Es fehlen weiterhin großflächig Überwachungskameras, es gibt keinen Brandschutz-Masterplan. Stattdessen wurde, typisch französisch, das pharaonische Großprojekt „Nouvelles Renaissance“ mit spektakulärem Umbau angekündigt. Der Élysée-Palast hat es auf 800 Millionen Euro beziffert, der französische Rechnungshof schätzt die Kosten auf über eine Milliarde.
Letzterer kritisiert auch, dass die Leitung des Museums falsche Prioritäten gesetzt habe. Statt Instandhaltung und Sicherheit seien „sichtbare und attraktive Operationen“ bevorzugt worden, heißt es in einem Bericht, der kurz nach dem Raub veröffentlicht wurde. Die Gewerkschaften hatten seit Jahren auf Notstände hingewiesen. Doch sowohl des Cars als auch ihr Vorgänger hätten lieber Werke gekauft, als nötige Investitionen zu tätigen, die man nicht spektakulär in den Medien ankündigen kann.
So seien seit 2018 knapp 90 Millionen Euro in Reparaturen, Erhalt und Restauration des 210.000 Quadratmeter großen Stadtpalastes geflossen, während für nicht ganz doppelt so viel Geld Werke gekauft wurden. Gegen die Summe von 145 Millionen Euro, für die Werke gekauft wurden, hatte auch das Kulturministerium nichts einzuwenden. Es ist nachvollziehbar, dass der Erwerb des Meisterwerks von Chardin „Korb mit Walderdbeeren“ für 24,3 Millionen Euro für eine Kunsthistorikerin oberste Priorität hatte. Aber eine Managerin, die das Wohl des Hauses vor Augen hat, hätte darauf verzichten müssen.
Zuletzt hat auch noch ein Trickbetrug für Aufsehen gesorgt: Zehn Jahre lang soll eine Gruppe von Betrügern – darunter Louvre-Angestellte und freiberufliche Reiseführer – Gruppenführungen mit falschen Tickets organisiert haben. Das Geschäft war so lukrativ, dass neben Immobilienankäufen in Frankreich und Dubai auch über 1,4 Millionen Euro in bar beschlagnahmt wurden.
Überschattet wurde alles von Dauerstreiks von Mitarbeitern, die unhaltbare Arbeitsbedingungen und Ausbeutungsverhältnisse beklagen, weil die Zahl der Museumswächter und Sicherheitsagenten trotz steigender Besucherzahlen reduziert wurde und ihre Jobs teilweise outgesourct wurden. Im Dezember und Januar standen Besucher des Louvre an mehreren Tagen vor verschlossenen Türen.
Das alles ist ein Desaster, das ein unfähiges Management ins Licht rückt. Des Cars mag eine hervorragende Kunsthistorikerin sein, eine fähige Managerin ist sie nicht. Wer aber das größte Museum der Welt mit über 2200 Angestellten und einem Etat in Millionenhöhe erfolgreich leiten will, der braucht mehr als Detailwissen über „Das Floß der Medusa“. Ansonsten läuft der Museums-Tanker Gefahr, selbst unterzugehen.
Trotz der aufgeladenen Lage hat des Cars an keiner der jüngsten Versammlungen der Gewerkschaften teilgenommen. Es heißt, sie habe sich in ihrem Büro eingeschlossen wie in einem Bunker, umgeben nur von ihrem engen Team. Ihre Haltung wird als arrogant beschrieben, auch in den vielen Anhörungen der Untersuchungskommissionen des Parlaments inszenierte sie sich als unfehlbar.
Es entsteht das Bild von einer Frau an der Spitze des Louvre, der Ersten in dieser Funktion, die einsam, arrogant und offensichtlich überfordert war. Sie habe jetzt die Funktion eines „Blitzableiters“, sagt des Cars im ersten Interview nach ihrem Rücktritt. Das ist zweifellos richtig. Aber der Blitz musste hundertmal einschlagen, bis er sie erwischt hat.
Deshalb wirft das Krisenmanagement ein nicht weniger grelles Licht auf die Unfähigkeit von Frankreichs Kulturministerin Rachida Dati. Diese hatte Mitte Dezember angekündigt, Philippe Jost mit der „Reorganisation“ des Louvre zu betrauen, weil dieser das Wunder vollbracht hatte, dass der Wiederaufbau von Notre-Dame in der vorgegebenen Zeit von knapp sechs Jahren gelang. Danach hörte man nichts mehr von der Kommission. Im Januar hätte Jost seine Arbeit antreten sollen. Diese Woche sagte Dati während ihrer Anhörung vor der Untersuchungskommission, dass sich dies erledigt habe.
Dass Dati des Cars jetzt fallen lässt, hängt mit ihren eigenen Ambitionen zusammen: Sie will Bürgermeisterin von Paris werden und hat, obwohl der Wahlkampf schon auf Hochtouren läuft, ihr Amt als Ministerin noch immer nicht aufgegeben. Es ist kein Zufall, dass sie der Louvre-Direktorin jetzt die Unterstützung entzog und ihr den Rücktritt nahelegte. Dati versucht in letzter Sekunde, klar Tisch zu machen. Doch die Kette der Katastrophen im Louvre fällt auch auf sie zurück. Ein Nachfolger ist bereits einen Tag nach dem Rücktritt gefunden: Der erfahrene Museumsleiter Christophe Leribault wird Direktor des Louvre, wie ein Sprecher französischen Regierung am Mittwoch mitteilte. Bislang war er Chef des Schloss Versailles bei Paris.
Source: welt.de