„Der letzte Sommer jener Tauben“: Abbas Khider baut Utopien gegen ein fanatisches Kalifat

Heute haben sie ein schweres Leben. Sie werden verachtet, gejagt: die Tauben. Dabei müssten wir sie, blickt man etwas weiter in die Kulturgeschichte zurück, eigentlich verehren. Denn bereits im alten Ägypten galten sie als Seelenvögel zur Rettung des Geistes nach dem Tod.

Ähnliche Weihen finden sich im Alten Testament, seien es doch die Tauben gewesen, die vor der Sintflut gewarnt hätten. Im Islam fungieren sie derweil als eng mit Mohammed verbundene Friedensbotschafterinnen. Ohne diese symbolischen Fäden in seinem aktuellen Roman Der letzte Sommer der Tauben explizit auszubreiten, dürfte der 1973 in Bagdad geborene und 2000 nach Deutschland geflohene Abbas Khider wohl über sehr genaue Kenntnisse dieser Hintergründe verfügen.

Denn darin verfügen sie über eine beinah prophetische Gabe. Droht ein Unheil, werden die Schwärme nervös. Und dies gleich zu Beginn der Geschichte, als sich für den jungen Noah alles verändert. Aufgewachsen in Freiheit, übernehmen die Mudschahedin die Kontrolle des Staates. Vermutlich spielt der Roman in Afghanistan. Neben allerlei drakonischen Einschränkungen gilt ebenso die Vogelzucht auf Dächern als verboten – ein herber Schlag für den Taubenzüchter.

Alkohol und Kartenspiel sind verboten

Nun muss der Protagonist seinen gefiederten Freunden die Flügel stutzen, was zugleich den Verlust der Freiheit einer ganzen Gesellschaft verbildlicht. Mit psychologischem Feinsinn arbeitet der Schriftsteller die Effekte eines tyrannischen Regimes im intimen Kreis der Familie heraus. Noahs Vater muss in seinem Kleidungsgeschäft die Unterwäsche beseitigen, um nun Niqabs zu verkaufen, man darf weder Alkohol trinken noch Karten spielen.

Dabei sind in dieser beklemmenden Gegenwart noch nicht einmal vergangene Traumata überwunden. Noch immer wirkt der Übertritt von Noahs Bruder nach dem letzten Bürgerkrieg nach. Dass letzterer unversehens zurückkehrt und ins Geschehen eingreift, gehört genauso zur wendigen Handlung wie der sich allmählich regende Widerstand gegen das Regime. Der Protagonist übt sich jedenfalls in zivilem Ungehorsam, sein Onkel plant indessen eine Geheimoperation – mit dramatischen Konsequenzen.

Gewiss, Khider weiß, welche Zutaten einen guten Roman ausmachen: ein wenig Spannung und Abenteuer, gepaart mit einer deutlichen, politischen Kritik an autoritären und theokratischen Bestrebungen, wie sie sich gerade im Iran zeigen. Doch dieser mal spannend, mal anschmiegsam, passagenweise gar märchenhaft erzählte Text bietet weitaus mehr als ein klassischer Bestseller. Auf seiner Mikroebene brilliert er durch lakonischen Sound und stimmige Metaphern.

„Vielleicht sollten wir die Amerikaner einladen uns anzupinkeln!“

„Imame sind die Geheimagenten des Himmels auf Erden“, lesen wir. Oder als die Hoffnung aufkommt, die USA könnten einmarschieren und das fundamentalistische System stürzen, vernehmen wir den Satz: „Kot und Urin fließen in dieselbe Grube.“ Will heißen, dass weder die einen noch die anderen Heil versprechen. Derweil hinterfragt Noah noch das Bild: „immerhin macht Urin uns nur nass, während Scheiße uns wie das ganze Kalifat erstickt!“, „Recht hast du! Vielleicht sollten wir die Amerikaner einladen uns anzupinkeln!“

Dass Khider diese Sätze vor dem amerikanischen Angriff des Irans niederschrieb, verleiht seinem Buch eine visionäre Kraft. Möglicherweise auch, was den unguten Einfluss Trumps anbetrifft, dessen Exitstrategie noch gänzlich nebulös erscheint. Hoffnung gibt es aber. Sie schimmert nicht zuletzt im Namen des Protagonisten Noah durch. Liegen auf ihm, der „jede Flut überleben“ kann, alle Hoffnungen auf den Wandel? Zumindest ist er sich darüber im Klaren, was es für eine bessere Welt braucht – und lernt von den Tauben.

Sein biblisches Pendant soll auf der Arche eine von ihnen ausgeschickt haben. Käme sie nicht zurück, müsse sie auf das ersehnte Land gestoßen sein. Khiders Held schaut sich am Sozialverhalten seiner animalen Freunde wiederum Vieles für ein neues Gemeinwesen ab. „Das Zusammenleben in einem Taubenschlag funktioniert pragmatisch, harmonisch, und es ist effizient“, resümiert er, „keine Hierarchien, kein Machtkampf, keine Dogmen. Stattdessen geteilte Verantwortung, instinktive Gerechtigkeit und ein unerschütterliches Gleichgewicht.“

Die Islamisten repräsentieren bei Khider ein unmenschliches Patriarchat

Sie sind treu, kümmern sich um die Schwächsten in der Gruppe. Ergänzen darf man: „Während sich die Tauben im Schwarm bewegen, sich gegenseitig stützen und ihre Vielfalt bewahren, ist die göttliche Ordnung einer weit weniger demokratischen Entwicklung gefolgt.“ Die Islamisten repräsentieren bei Khider ein unmenschliches Patriarchat, grau und anonym, ausgerichtet auf eine streng homogene Gesellschaft.

Dessen Schergen nehmen (man erwartet es schon früh) auch den jungen Helden ins Fadenkreuz, bevor er von jenen Hilfe erlangt, von denen man es am wenigsten vermutet hätte. Dies zeigt: Die Figuren dieses welthaltigen Romans sind Charaktere und von Widersprüchen geprägt. Zumindest einer löst sich ganz am Ende auf. Obschon der Protagonist seinen Vögeln bis zum Systemwechsel der Mudschahedin häufig den Ausflug erlaubt, waren sie bis dato Gefangene.

Selbst kurzzeitig inhaftiert, öffnet Noah am Ende die Käfige. Die alte Wer-liebt-lässt-los-Formel bewährt sich an dieser Stelle. Mit den davonfliegenden Tieren wird ein vager Neuanfang im Irgendwo angedeutet. Nicht umsonst sollen sie im alten Orient die Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar begleitet haben.

An eine Taube knüpfen sich in diesem ergreifenden Moment übrigens besondere Aufbruchserwartungen, nämlich Schneeweiß. Als Lockvogel konnte sie sich bislang kaum in die Lüfte erheben. „Vielleicht weiß sie gar nicht, dass sie fliegen kann“, heißt es einmal. Sie musste warten, ähnlich dem Volk in Angst. Tief im Inneren, weiß Noah, gibt es in ihr und ihm selbst jedoch noch Kräfte des Aufbegehrens. „Gott ist nicht tot. Er existiert, doch eher als vergessener Hausgast im kosmischen Treppenhaus“. Wie den Tauben muss man ihm offenbar die Tür öffnen, damit er draußen die Mutigen unterstützt.

Der letzte Sommer der Tauben Abbas Khider Hanser 2026 216 S., 24 €

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