Wenn die US-Notenbank Federal Reserve heute und die EZB morgen über ihre Geldpolitik entscheiden, tun sie das in einem radikal veränderten Umfeld. Denn die fast besiegt geglaubte Inflation könnte zurück sein.
Seit Monaten ist der Preisauftrieb unter anderem in Europa und den USA tendenziell zurückgegangen. Dass die Öl- und Gaspreise seit dem Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar nach oben geschnellt sind, besorgt Analysten wie Maximilian Wienke von der Handelsplattform eToro: „Für die Notenbanken kommt die Entwicklung einem Albtraum gleich.“ Höhere Energiepreise könnten die Inflation erneut anheizen, während das Wirtschaftswachstum gebremst werde.
Das bleibe nicht ohne Wirkung auf die Notenbanker, meint auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING-Bank: „Vor ein paar Wochen hätte man noch darüber nachgedacht, ob man die Leitzinsen senken kann. Sicherlich in den USA. Aber eventuell sogar in Europa. Jetzt haben wir ein komplett gedrehtes Bild. Die Inflationsgefahr ist zurück.“
Preisauftrieb schien beendet
Noch im Februar rangierte die Inflationsrate in den USA mit 2,4 Prozent nicht mehr weit weg vom Zielwert von zwei Prozent, den die Notenbanken anstreben. In der Eurozone und in Deutschland lag man mit 1,9 Prozent sogar darunter. Diesen Monat könnte das aber schon wieder ganz anders aussehen.
„Es ist vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Ölpreise davon auszugehen, dass die Inflation im März in Deutschland eher in Richtung drei Prozent gehen wird“, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner + Reuschel.
Seit Israel und die USA gegen Iran in den Krieg gezogen sind, ist der Ölpreis von rund 70 auf bis zu 120 Dollar je Barrel nach oben geschnellt. Mit den Erdgaspreisen verhält es sich ähnlich – vor allem seit der Iran die Meerenge von Hormus durch Gewaltandrohung für die meisten Schiffe faktisch unbefahrbar gemacht hat.
Entscheidend ist, wie lange der Ölpreis hoch bleibt
Durch die Straße von Hormus werden rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdgases und Erdöls transportiert. Carsten Mumm von Donner & Reuschel erklärt: „Die entscheidende Frage in diesem Kontext ist gar nicht so sehr: Wie stark steigt der Ölpreis auf ein bestimmtes Niveau? Sondern: Wie lange hält er sich auf diesem Niveau? Und das weiß eben keiner.“
Dass die Ölpreise an den Terminmärkten – die handeln die Zukunft – niedriger sind als die aktuellen Preise, spricht für die Erwartung der Investoren, dass der Konflikt bald erledigt sein könnte. Dass sich der Ölpreis aber bei über 100 Dollar pro Barrel eingependelt hat, also auf hohem Niveau, sehen viele dagegen als Erwartung einer längeren Auseinandersetzung.
Notenbanken in der Zwickmühle
Volkswirt Carsten Mumm warnt: „Sollten die Ölpreise lange und in einem Extremszenario vielleicht für den Rest des Jahres auf den erhöhten Niveaus von 100 Dollar pro Barrel oder gar darüber bleiben, dann würde das bedeuten, dass die Inflation auch auf das Gesamtjahr betrachtet sehr viel höher ausfallen könnte.“ Was der Wirtschaft und dem Geldbeutel der Verbraucher schaden dürfte.
Eine delikate Situation für die Notenbanker. Deren jahrelanger Kampf um stabile Preise bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum könnte durch den Krieg torpediert werden. Steigende Preise müssten an sich durch steigende Leitzinsen zurückgeholt werden. Dem zarten Pflänzchen Wirtschaftswachstum müsste man dagegen mit niedrigeren Zinsen auf die Sprünge helfen. Ein Dilemma.
Kommunikationsgeschick ist gefragt
Notenbanker müssten jetzt Fingerspitzengefühl beweisen, meint Carsten Brzeski von der ING: „Man darf keine Panik im Markt erzeugen, sollte jetzt nicht sofort über Zinserhöhungen reden. Aber gleichzeitig sollte man jetzt auch nicht wieder über Zinssenkungen sprechen, denn das würden die Märkte den Notenbanken nicht abnehmen.“
Vor dem Hintergrund rechnen die meisten Marktbeobachter damit, dass die Fed und die EZB die Leitzinsen diese Woche nicht antasten und erst nochmal abwarten. Ewig, sagt Brzeski, gehe das aber nicht.
„Was ist das allerwichtigste Gut für Notenbanken? Das ist die Glaubwürdigkeit“, so der Volkswirt. Vor allem die EZB, die primär auf Preisstabilität achten soll, werde bei lange anhaltenden hohen Ölpreisen nicht darum herumkommen, irgendwann die Leitzinsen zu erhöhen. Mit den entsprechenden Folgen für die Wirtschaft.
Source: tagesschau.de