Der Opernbetrieb mag den Einakter nicht. Dabei ist er doch eigentlich ein so famoses wie praktisches Ding. Drama und Sentiment kondensiert, kurz, knapp, es muss doch nicht immer Wagner-Länge sein! Muss es offenbar schon. Deshalb wurden jetzt in Hamburg zwei Einakter von Béla Bartók und Alexander von Zemlinsky zusammengespannt und noch mit einem Schumann-Liederzyklus ergänzt.
Der neue, regieführende Intendant Tobias Kratzer lässt auf Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“– nach der Pause – Zemlinskys „Florentinische Tragödie“ folgen. Vorangestellt hat Kratzer dem Bartók noch den kurzen Robert-Schumann-Liederzyklus nach Adelbert von Chamissos „Frauenliebe und -leben“. Herausgekommen ist diese Inszenierungsübernahme bereits 2024 an der Oper Oslo. Ihr Narrativ ist freilich auch zwei Jahre später noch von erschütternder Zeitlosigkeit: Es geht – das wurde seither, siehe Pelicot oder Fernandes/Ulmen, nicht besser – um toxische Männlichkeit.
„Frauenliebe und -sterben“, so nennt sich dieses dreistündige Triptychon über weibliche Verfasstheit, über den Umgang mit Frauen auf der Opernbühne und in der Gesellschaft. Schon die französische Feministin Catherine Clément hat 1994 in ihrer viel diskutierten Streitschrift „Die Frau in der Oper. Besiegt, verraten und verkauft“ die Darstellung des Weiblichen als Ware, Objekt und Opfer angeklagt.
Bei Schumann/Chamisso unterwirft sich die Protagonistin als treusorgende Gattin dem „Herrlichsten von Allen“. Bei Bartók wird Judith neugierig und entfesselt so das Ehedrama. Hinter der siebten verschlossenen Tür erblickt sie ihre drei Vorgängerinnen. Und bei Zemlinsky – wir sind inzwischen in den auch sexual-pathologisch geschüttelten Zehnern des 20. Jahrhunderts – kommt ein Ehepaar erst wieder emotional zusammen, nachdem der Gatte den Nebenbuhler erwürgt hat.
Was folgert nun der eindeutig männlich zu lesende, schwule, aber stets achtsame Tobias Kratzer in seiner hierarchischen Hegemonialstellung als Regisseur wie Intendant daraus? Um es mit Cole Porters „Kiss me, Kate“ zu sagen: „Kampf dem Mann“. Das aber vergleichsweise zart und mitfühlend. Die drei Stücke werden thematisch zurechtgezuppelt, dürfen aber am Leben bleiben. Was den langen Abend in seinem Erkenntnisgewinn dann eher übersichtlich und eben doch ein wenig zäh gerinnen lässt.
Der Schumann-Zyklus, 1840 im berühmten Liederjahr geschrieben, als Robert für Clara entflammt war, hebt links vorn auf einem klobigen Sofa leise und leider auch sehr eintönig an, weil der Mezzo Kate Lindsey (sie wird in späteren Vorstellungen durch drei weitere bekannte Sopranistinnen ersetzt) sehr undeutlich, nölig und auf einem Jammertonfall singt. Sie könnte mit ihrer Krinoline und den Korkenzieherlöckchen auch Frau Schumann sein.
Ganz im Einklang mit der biedermeierlichen Repression wird sie im großbürgerlichen Salon von Ausstatter Rainer Sellmaier zwischen korinthischen Säulen und Brokattapete in eingefrorenen Tableaux als willfähriges Besitzstück ihres Manns vorgeführt. Der freit nach Lied zwei kantig-hilflos um sie, nach Lied vier sind schon acht Mädchen da (auch die Schumanns hatten acht Kinder, das bleibt aber bedauerlicherweise der einzige Verweis), bei der Geburt des neunten stirbt sie. Der an den Tasten unauffällige Éric Le Sage schließt den Flügeldeckel.
Attacca beginnt das geheimnisvoll grummelnde Misterioso von Bartóks Musikszenen einer Ehe. Johan Reuter, im ersten Teil stumm zuhörend, hat den Bratrock ab- und den modernen Anzug angelegt, im Salon stehen jetzt Vintage-Pieces des 20. Jahrhunderts zwischen den Antiquitäten. Es bleibt zwielichtig. Aber so wie sich der Mann des 19. Jahrhunderts ganz nach der Konvention benommen hat, so ist auch der von Reuter gesungene Blaubart zunächst aufgeräumt nett zu Judith (die nicht zu unterschätzend widerborstige, vokal sämige Anika Schlicht): Immer, wenn sie wieder was wissen will, gibt er ihr einen neuen Schlüssel.
Hinter den Türen findet sie drei weitere Frauen, deren Schicksal nur angedeutet wird. Sie personifizieren die Emanzipationskämpfe der vergangenen 100 Jahre: eine Frau mit Gewehr, die sich nach 1918 von ihrer gesellschaftlichen Rolle ein wenig freimachen kann; ein 68er-Hippiegirl, das sexuelle Revolution verheißt; eine Pornomieze der VHS-Eighties, die freilich ein Snuff-Opfer wird.
Blaubarts Frau wehrt sich mit Pfefferspray
Erst jetzt wird es Judith unwohl, und plötzlich wird sie aggressiv, wehrt sich gegen den nun übergriffigen Blaubart, traktiert ihn mit Pfefferspray und entkommt. Sie ist kein Opfer, Blaubart verharrt am Flügel.
Eine Frau steht auch im Graben der Hamburgischen Staatsoper: die Amerikanerin Karina Canellakis, die erstmals in Deutschland eine Oper dirigiert. Und aus dem Bartók holt sie glühende Farben wie harte Kontraste, führt die Philharmoniker fluide ganz dicht am Bühnengeschehen, nuanciert, wach, reaktionsschnell, sehr fein ihre Palette anrührend.
Nachdem der Zemlinsky-Einakter mit seinen rauschhaft-sirrenden Verführungsklängen begonnen hat, vergnügt sich die nächste Frau: Bianca (wollüstig-herausfordernd: Amber Braid) mit ihrem Liebhaber Guido (etwas gellend: Thomas Blondelle). Sie haben Spaß auf einem karg-modernen Lager. Doch gleich muss er in den Schrank, denn der aktentaschenbewehrte Gatte Simone (wieder Johan Reuter) ist im Anmarsch. Der lässt sich allerdings nicht hörnen, jovial schenkt er dem bald wieder aus der Kleiderkiste purzelnden Guido ein und parliert freundlich. Jetzt nähern wir uns dem Boulevardesken, was von der aufregend nervös am Flirren gehaltenen Canellakis klanglich extrem konterkariert wird.
Am Ende hat Simone den Liebhaber Guido erdrosselt. Und Bianca gleitet ihm bewundernd in die Arme: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du so stark?“ Das Patriarchat hat sich selbst gekillt, doch Kratzer lässt das einfach so stehen. So wie er überhaupt, damit beschäftigt ist, dem jeweiligen Stück eine ihm passende Faktur zu geben. Zu unterschiedlich aber sind die Figuren, als dass man eine Entwicklung oder Erkenntnis konstatieren könnte. „Frauenliebe und -Sterben“ erzählt in Hamburg genau davon, aber mehr oder minder überraschungslos von nichts weiter. Und am Ende steht die platte Erkenntnis: Männer sind Schweine, Frauen ein bisschen aber auch. Und den meisten Beifall bekommt sowieso der famos wandlungsfähige Johan Reuter.
Source: welt.de