Der Bayerische Rundfunk stellt sich die Hörer seines Programms BR-Klassik vor. Das ist nicht verkehrt. Wer kommuniziert, sollte sich einen Begriff davon machen, mit wem er es tut. Außerdem einen Begriff der Mitteilungsabsicht. Was die Mitteilungsabsichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeht, so gibt es schöne Reden, die von Stärkung der Demokratie, Aufklärung und Bildung handeln. Daneben natürlich Unterhaltung, Biathlon und Volksmusik, wieso auch nicht.
In Sendern für ernste Musik, von denen manche durchaus unterhaltsam sind, wäre also, von der Mitteilungsabsicht her gesehen, ein Abstand zu den privaten Klassik-Radiosendern zu wahren. BR-Klassik ist kein Wellness-Kanal. In einem Merkblatt für seine freien Musikkritiker hat der Sender jetzt aber aufschlussreich erläutert, wie er sich sein Publikum vorstellt. Er stellt es sich als Stefanie vor. Stefanie ist 52 Jahre alt, lebt in Regensburg, arbeitet Vollzeit als Grafikdesignerin, hört meist nebenbei und nutzt Klassik (darunter fallen natürlich auch Romantik, Barock und Ravel) als „Mood-Management“.
Wie der Sender seine Mitarbeiter belehrt
Diese Kunstfigur soll jedem Beitrag vor Augen stehen, vermutlich sogar der Musikauswahl. Für Orlando di Lasso, den späten Beethoven, Brahms’ „Vier ernste Gesänge“ und Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“ könnten unter dem Aspekt des Stimmungsmanagements von Stefanie und ihres Bedarfs an „positiven Emotionen“ schwere Zeiten anbrechen. (Den merkwürdigen Umstand, dass die Präferenz für musikalische Wellness auffällig oft und nicht nur in München einer „passiv genießenden“ Frau zugeschrieben wird, halten wir im Vorübergehen nur fest.)
Stefanie will von Beiträgen keinesfalls belehrt werden, belehrt der Sender seine Mitarbeiter. Das „Prodesse et delectare“, das einst die Kunst aufforderte, aufzuklären und zu unterhalten, wird halbiert, der Unterschied von Kunst und Erfrischungsgetränk eingezogen. Dass die Kunst auch etwas zu denken gibt, fällt weg. Wissen? Weitgehend entbehrlich, sofern es nicht im Dienst der Erlebnisvermittlung steht. Bildung von Urteilskraft? Kein Wort davon, dafür „Storytelling“ und „Kino im Kopf“, was Konzertkritik ausschließt, denn da gibt es ja nicht viel zu sehen. Obwohl, vielleicht das fliegende Haupthaar der Pianisten? Erzeugt werden soll das Gefühl – lies: die Täuschung –, dabei gewesen zu sein; bei Dreiminütern über die „Götterdämmerung“ eine unlösbare Aufgabe.
Dass Musik gedankenreich und oft kein Schaumbad ist, schwierig sein kann und Verständnisfragen aufwirft, ignoriert das „Briefing“ der Musikkritiker. Den Begriff der Kritik löscht es aus dem Berufsbild. Es behandelt sie als Animateure. Von allen Hörern, die nicht Stefanie sind, wird ebenso abgesehen wie von der Möglichkeit, Stefanie etwas zu erklären, Gedanken anzuregen, Verstehen zu erleichtern. Über Kunst soll keinesfalls mehr geredet werden, als stelle sie Rätsel. Die Missachtung von Musik und Musikkritik, die sich darin zeigt, passt zur Missachtung von Stefanie, die als Wesen vorgestellt wird, für das jeder Gedanke eine Zumutung wäre. Der Bayerische Rundfunk sollte sich schämen.
Source: faz.net