Der General betrank sich – dann verdursteten seine Leute in welcher Wüste

Um die Fahne der Südstaaten an der Pazifikküste aufzuziehen, unternahm Konföderierten-General Sibley 1862 eine Offensive nach New Mexico. Der Kampf am Glorieta Pass im März wird wegen seiner Konsequenzen mit der Schlacht von Gettysburg verglichen.

Über die Wertschätzung, die Sergio Leones Klassiker „The Good, the Bad and the Ugly“ (dt. „Zwei glorreiche Halunken“) von 1966 heute noch zuteilwird, wird leicht übersehen, dass es sich nicht zuletzt um einen Kriegsfilm handelt. Denn der Italo-Western spielt nicht nur im Jahr 1862, sondern seine Handlung wird auch maßgeblich vom Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) vorangetrieben, dreht sich doch alles um eine veruntreute Kasse der Konföderierten. Die Jagd danach führt die Banditen, die Hauptfiguren der Geschichte, wiederholt in die Kämpfe zwischen Nord- und Südstaatlern.

Das Erstaunliche daran: Die Handlung des Films ist in New-Mexico angesiedelt, das zur Zeit des Sezessionskrieges gar kein Bundesstaat war, sondern nur ein Territorium, das die USA durch ihren militärischen Sieg über Mexiko 1848 eingenommen hatten. Die Streitfrage, ob die in den Südstaaten praktizierte Sklaverei auch in den damals gewonnenen Gebieten wie New Mexico eingeführt werden dürfe, hatte maßgeblich zum Ausbruch des Bürgerkriegs beigetragen. Im März 1862 scheiterte der Versuch der Konföderation, das Territorium unter ihre Kontrolle zu bringen.

Nachdem das benachbarte Texas, das seit 1845 ein Bundesstaat war, sich 1861 der Konföderation angeschlossen hatte, waren Truppen von dort in den Süden von New-Mexiko einmarschiert und hatten die schwache Garnison der Union vertrieben. Die dünn besiedelten Gebiete im Süden des 34. Breitengrades wurden zum konföderierten Gebiet von Arizona mit eigenem Gouverneur erklärt.

Henry Hopkins Sibley war das nicht genug. Der Absolvent der US-Militärakademie von West Point hatte 1846 bis 1848 am Krieg gegen Mexiko teilgenommen und anschließend verschiedene Posten an der Frontier innegehabt, bis er mit dem Rang eines Obersten in die Armee der Südstaaten eintrat. Dort war er geradezu omnipräsent. Denn das von ihm erfundene Zelt, das er sich nach dem Vorbild von Indianerbehausungen hatte patentieren lassen, gehörte auf beiden Seiten der Front zur Standardausrüstung; rund 49.000 Exemplare wurden produziert. Die glockenförmige, vier Meter hohe Behausung maß sechs Meter im Durchmesser und konnte bis zu 20 Soldaten einen einigermaßen trockenen Schlafplatz bieten. Auch ein passender Ofen ging auf ein Patent Sibleys zurück.

Es fiel dem Obersten nicht schwer, den konföderierten Präsidenten Jefferson Davis für den Plan einer Eroberung von ganz New Mexico zu gewinnen. Denn Davis träumte davon, die Fahne des Südens bis an das Ufer des Pazifiks aufzuziehen, wo Kalifornien, seit 1850 ein Bundesstaat, Feindesland war, weil es sich für die Union erklärt hatte. Von New Mexico und Arizona aus wären die Häfen Kaliforniens nicht mehr weit gewesen, und damit, so das Kalkül, ließe sich die Blockade umgehen, mit der der Norden die Atlantikküsten des Südens abschnürte.

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Sibley erhielt die Ernennung zum Brigadegeneral, zog gut 3000 Mann zusammen und brach im Oktober 1861 nach Fort Bliss an der Südgrenze von New Mexico auf. Die schwierige Logistik in der trockenen Steppe löste er, indem sich immer nur kleine Trupps an den Wasserstellen versorgten. Als die Konföderierten aber im Januar 1862 ihre Invasion begannen, mehrten sich die Fehler in der Rechnung.

Denn die wenigen Einwohner, zumeist Hispanics, waren kaum erpicht darauf, von den Konföderierten „befreit“ zu werden. Sibley selbst war das Gegenteil eines umsichtigen Truppenführers, was durch seinen Whiskey-Konsum noch befördert wurde. Und die Unionstruppen, die sich nach den ersten Gefechten in den Norden zurückgezogen hatten, fassten durch nordstaatliche Siegesmeldungen aus dem Osten neuen Mut, es auf einen neuerlichen Waffengang ankommen zu lassen.

Ihr Kommandeur Edward Richard Sprigg Canby hatte wie Sibley in West Point zu den Schlechtesten seines Jahrgangs gehört, hatte aber in Kämpfen gegen Mormonen und Indianer mehr dazugelernt als sein Gegner. Mit 3500 Mann verschanzte sich Canby in Fort Craig und ließ Sibley an sich vorbeiziehen. Dieser konnte sich zwar bis Albuquerque durchschlagen, musste dort aber feststellen, dass ihn die Blauen von seinem Nachschub abschnitten und außerdem daran gingen, ihre Versorgungsdepots, auf deren Plünderung Sibley seine Logistik aufgebaut hatte, zu verbrennen.

Als Sibley einen Teil seiner Brigade – er selbst blieb mit Bett und Flasche in Albuquerque – gegen Fort Union im Norden New Mexicos schickte, setzte der Norden Verstärkungen aus Colorado in Marsch, darunter zahlreiche Goldgräber. Sie trafen Ende März am Glorieta Pass auf die Texaner. Beide Seite führten rund 1200 Mann ins Feld, die sich über vier Tage hinweg bekämpften. Am 25. und 26. konnten die Unionstruppen Vorteile verbuchen. Am 27. herrschte weitgehend Ruhe. Aber am 28. zwangen die Konföderierten die Unionstruppen im Zentrum zum Rückzug.

Wie bei ihrem Vormarsch bei Fort Craig übersahen die Südstaatler, dass sie auf den Flanken umgangen worden waren und Nordstaatler sich zwischen sie und ihren Tross geschoben hatten. Sibleys Leute verloren 80 Wagen mit Proviant und Munition sowie 500 Pferde und Maultiere. Den Rest besorgte die Wüste. Ohne Reittiere und Verpflegung schleppten sich die Konföderierten über 1200 Kilometer nach San Antonio in Texas zurück und verloren dabei mehr Männer als in allen Kämpfen zuvor. Manche warfen Waffen und Bekleidung weg, viele verdursteten. Von insgesamt 3700 Grauröcken kamen weniger als 2000 mit dem Leben davon.

Unter ihnen war Sibley. In Sergio Leones Film gibt es eine Szene, in der der General als gebrochener Mann auf einem Kutschbock sitzt und vor den Yankees flieht. Die Wirklichkeit sah wohl anders aus. Zwar warf man ihm vor, nur in einem einzigen Gefecht seines Feldzugs anwesend (aber betrunken) gewesen zu sein. Aber er hatte genügend Mumm, sich vor einem Untersuchungsausschuss zu verantworten, der ihn freisprach. Erst nachdem er 1863 mit seiner Brigade in Virginia wieder in alte Verhaltensweisen zurückgefallen war, entzog man ihm endgültig das Kommando.

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In der Folklore wurden die Gefechte am Glorieta Pass zum „Gettysburg des Westens“ hochstilisiert. Doch mit den Dimensionen der Riesenschlacht in Pennsylvania im Juli 1863, an der etwa 180.000 Mann teilnahmen und wo der Norden die Offensivkraft des Südens im Osten brach, hatten die Treffen in New Mexico nur insoweit etwas zu tun, indem sie von da an die Konföderierten zu weiteren Vorstößen abhielten.

Für den britischen Historiker John Keegan fügen sich die Operationen gleichwohl in die Geschichte des Bürgerkriegs ein, weil sie ihm durch die Beteiligung der Goldgräber aus Colorado „einen gesamtamerikanischen Charakter“ gaben. Zugleich vereitelten sie „die Bemühungen der Konföderierten, an der Pazifikküste einen Vorposten des Südens zu errichten“.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Amerikanische Bürgerkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de

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