Am Internationalen Frauentag besuchte unsere Autorin das Deutsche Theater in Berlin. Es gab Vorträge und eine Inszenierung von Kleists „Marquise von O. und –“. Ein aufrüttelnder Abend, den nur die eigentlichen Adressaten nicht sahen
Die Künste verstärken die männliche Obsession mit der Vergewaltigung einer schlafenden Frau
Foto: Eike Walkenhorst
Im Nachhinein war es eine schlechte Idee, den Frauentag am 8. März im Deutschen Theater in Berlin zu verbringen, dachte ich mir, als ich am späten Abend das Theater maximal frustriert, wütend und übellaunig verließ. Ich hatte weder Blumen bekommen, noch sonst war mir als Frau in irgendeiner Weise gehuldigt worden. Dafür hatte ich mir einen Vortrag über Gewalt an Frauen reingezogen und eine Vorstellung von Die Marquise von O. und – besucht, in der es um eine Vergewaltigung geht. „I can’t believe I’m still protesting this shit“, stand auf einem Plakat auf einer Demo, die tagsüber stattgefunden hatte.
Genauso fühlte ich mich. Frauen beschäftigen sich mit der radikal steigenden Gewalt, die ihnen tagtäglich angetan wird. Sie müssen sich mit dem krassen Backlash des Patriarchats auseinandersetzen. Oft allein und ohne Männer, die ihnen zur Seite stehen. Bei dem Vortrag Die Scham muss die Seite wechseln von Christina Clemm, die als Rechtsanwältin weibliche Opfer von Gewalt vertritt, wurde mir im überfüllten Saal schwindlig von den schockierenden Tatsachen. So viele Schutz- und Beratungsstellen kann die Gesellschaft gar nicht aufbauen, sagte Clemm, für das Ausmaß der sexuellen Gewalt, die unaufhörlich steigt. Dass die Gewalt der Männer weniger wird, müsse der Ansatz sein. Doch wo waren die Männer? Bis auf ein paar seltene Exemplare, die, offenbar von ihren Partnerinnen mitgeschleppt, ungläubig dem Vortrag lauschten, sah ich keine.
In der Inszenierung von Kleists Novelle, klug bearbeitet als Die Marquise von O. und – in der Regie von Ildikó Gáspár, wurde in einem theatralen Untersuchungsszenario deutlich, womit wir es zu tun haben: nämlich einer kulturellen und durch die Künste verstärkten männlichen Obsession mit der Vergewaltigung einer schlafenden oder toten Frau. Der Tod einer Frau sei das schönste Sujet der Kunst, hatte Clemm bereits in ihrem Vortrag den Dichter Edgar Allan Poe zitiert. Auch Kleist entwickelt aus der Vergewaltigung der bewusstlosen Marquise von O. durch den Grafen F. während eines Überfalls im Krieg eine sich dramatisch entwickelnde Liebesgeschichte, bei der der regelrecht engelshafte Täter Graf F. als Retter auftreten kann, der sich der (von ihm selbst) geschändeten Frau ehrenvoll annimmt.
Ausdifferenzierte Kritik an patriarchaler Kultur
Der Inszenierung gelingt es, die kulturellen Bezüge vom Mythos der schlafenden schönen Frau und die Verlogenheit der literarischen Konstruktion offenzulegen. Die erzählerische Leerstelle der Vergewaltigung im Text, die nur durch einen Bindestrich markiert ist und die die Marquise an ihrer mentalen Gesundheit zweifeln lässt, weil sie nicht erklären kann, wie sie schwanger wurde, wird durch reale Fälle ausgefüllt; das Gaslighting gegenüber Frauen durch Tatsachen ersetzt.
Die Spieler:innen im Look von Asia Argento, eine der ersten Akteurinnen der #Me-too-Bewegung, arbeiten die grausamen Fälle von Gisèle Pelicot in Frankreich, Franca Viola in Italien und Erika Renner in Ungarn auf. So entsteht auf der Bühne, die wie ein technisches und mediales Untersuchungslabor ausgestattet ist, eine faktische Befragung eines literarischen Romantik-Konstrukts. Selten habe ich Kritik an patriarchaler „Kultur“ so ausdifferenziert vorgeführt bekommen.
Die Angst und die Wut bleiben, aber diese Auseinandersetzungen helfen, wachsam zu bleiben und zu wissen, wer der Solidarität bedarf. Die Männer auf der Bühne leben in gewisser Weise die Auseinandersetzung vor. Nun braucht es noch ein männliches Publikum.