Der Fokus gen die Frauen in Epsteins Netzwerk lenkt nur von den Verbrechen dieser Männer ab

Die Öffentlichkeit ist besessen von den Society-Kontakten weiblicher Prominenter zu Jeffrey Epstein. Warum interessiert das so viel mehr als die Frage, welche der Männer in seinen Files mit ihm straffällig geworden sind?


Nur um das klarzustellen: Die Männer waren die wichtigen Player. Mit ihnen wurden unermüdlich Netzwerke geknüpft

Foto: Stephanie Keith/ Getty Images


Die Causa Epstein mit ihren immer neuen Enthüllungen erscheint wie der Realität gewordene Fiebertraum eines Weltverschwörungsfanatikers. Täglich geraten neue Verstrickungen bis in oberste Kreise ans Tageslicht. Die vom US-Department of Justice veröffentlichten Nachrichten Epsteins offenbaren nicht nur ein unermessliches Ausmaß pädokrimineller Energie, sondern auch ein exzessiv patriarchales Weltbild.

Frauen waren in seinem Geflecht dafür da, für das körperliche bzw. sexuelle Wohlergehen der Männer zu sorgen und ihre Termine und Reisen zu koordinieren. Wenn es in den Epstein-Files konkreter um sie geht, dann meist um zu viel Gewicht, zu große Nasen oder Geschlechtskrankheiten. Die Männer waren die wichtigen Player. Mit ihnen wurden unermüdlich Netzwerke geknüpft.

In der Vorbereitung eines Dinners für Bill Gates im Februar 2013 zeigen Nachrichten, dass Epstein zehn wichtige Typen einladen wollte, unter anderem Ban Ki-moon und Woody Allen. Die einzig namentlich genannte Frau auf der Liste ist Anne Hathaway, versehen mit einer Klammer: („really“). Damit klar wird, dass Epstein das erstaunlicherweise ernst meint. Denn die restliche weibliche Präsenz, so seine Überlegung mit Fragezeichen am Ende, soll am ehesten aus Victoria’s-Secret-Models bestehen.

Die einzige derzeit verurteilte Person ist eine Frau: Ghislaine Maxwell

Epstein ist seit 2019 tot. Die einzige Person, die derzeit wegen der Mitwirkung an seinen Verbrechen inhaftiert ist, ist eine Frau. Ghislaine Maxwell, die als charismatisch und extrovertiert beschrieben wird und ihm jahrelang wie am Fließband skrupellos jugendliche Mädchen für Sexakte zugeführt und sie auch selbst missbraucht hat. Gleichzeitig scheint die Öffentlichkeit geradezu besessen von den Verbindungen weiblicher Prominenter zum Sexualstraftäter.

In Norwegen hat die enge Freundschaft von Kronprinzessin Mette-Marit mit Epstein nach dessen erster Verurteilung für eine veritable Monarchiekrise gesorgt. Die Frau des Thronfolgers Haakon, deren Sohn aus erster Ehe gleichzeitig wegen Vergewaltigung angeklagt ist, wollen nun viele Norweger*innen nicht mehr in der Rolle der zukünftigen Königin sehen.

Denn obwohl sie sich öffentlich für diese „peinliche“ Bekanntschaft entschuldigte und verbreiten ließ, sie habe keine Kenntnis vom „Ausmaß und der Art der Straftaten“ Epsteins gehabt, belegt eine E-Mail von ihr an ihn aus dem Oktober 2011, dass sie seine Vergehen sehr wohl recherchiert hat: „Ich habe dich nach der letzten E-Mail gegoogelt. Stimme zu, sieht nicht besonders gut aus.“ Trotzdem verbrachte sie 2013 mehrere Tage in Epsteins Villa in Palm Beach, genau jenem Ort, an dem er unzählige Mädchen vergewaltigt hat.

Die norwegische Botschafterin Mona Juul wurde von ihrem Posten in Jordanien und Irak abberufen, als nach der Veröffentlichung der Epstein-Files herauskam, dass ihre beiden Kinder mit einem Erbe von 8,5 Millionen Dollar im Testament des Sexualstraftäters begünstigt wurden.

Frauen mit Kontakten und Einfluss

Auch im benachbarten Königshaus gab es unangemessene Kontakte: Die heutige schwedische Prinzessin Sofia wurde angeblich vor über 20 Jahren als Bürgerliche von einer Geschäftsfrau im Rahmen eines Netzwerkes für „ehrgeizige junge Frauen“ mit Epstein bekannt gemacht und hat ihn insgesamt zweimal bei gesellschaftlichen Anlässen getroffen. Valeria Chomsky hat sich nach dem Schlaganfall ihres Mannes Noam wortreich dafür entschuldigt, dass dieser noch 2019 Epstein Tipps gab, wie mit all der negativen Presse umzugehen sei, in Zeiten, in denen sich, so Noam Chomsky, eine „Hysterie rund um den Missbrauch von Frauen entwickelt“ habe.

Melinda Gates, deren Ex-Mann Bill in den Files rund 2.000 Mal genannt wird, sagte unlängst im Wild-Card-Podcast, sie sei froh, diesem „Dreck“ entkommen zu sein. Und benennt Epstein, der in einer Mail behauptete, Bill habe seiner Frau nach Sex mit „russischen Mädchen“ heimlich Antibiotika gegen Geschlechtskrankheiten gegeben und den sie als „das personifizierte Böse“ erlebt habe, mittlerweile offen als Scheidungsgrund.

Melania Trump und Epstein sind gemeinsam auf einem Foto zu sehen. Fergie, die Ex-Frau des ehemaligen Prince Andrew, dem wegen seiner Verstrickung in die Sexualstraftaten seine royalen Titel entzogen wurden, bekam von dem von ihr geschätzten Epstein Geldgeschenke und luxuriöse Reisen. Hillary Clinton wusste um die Kontakte ihres Mannes zu Epstein und deren gemeinsame Reisen, sei aber selbst nie auf seiner Insel gewesen oder mit ihm geflogen.

All diese Frauen waren Profiteurinnen oder zumindest in einem gewissen Ausmaß Komplizinnen eines zutiefst misogynen Systems. Auch wenn Melinda Gates nach der 2021 erfolgten Scheidung schon immer die Bösartigkeit von Epstein erkannt haben will, stellt sich die Frage, warum sie nicht in den langen Jahren zuvor die Kontakte zwischen ihrem Mann und dem Sexualstraftäter unterbunden oder zumindest vorher die Scheidung eingereicht hat.

Was hatten die Frauen davon?

Doch ist das die relevanteste Frage? Dass Frauen in dem von Bourdieu so akkurat beschriebenen System der männlichen Herrschaft von ihrer Unterwerfung unter dessen Regeln massiv profitieren können, ist kein Geheimnis. Der schnellste Weg zu Erfolg und Wohlstand führt für viele Frauen nach wie vor über einen Mann.

Während dieser Mechanismus von den meisten Menschen nach wie vor nicht hinterfragt wird (oder warum finden wir es so normal, dass die meisten mächtigen, wohlhabenden Männer sehr viel jüngere Frauen haben?), sorgt die Frage nach weiblicher Amoral für vorprogrammiertes öffentliches Gruseln. Von weiblich sozialisierten Menschen wird nach wie vor ein viel höherer Grad an moralischer Integrität und Empathie eingefordert, und so wird bereits deren Komplizität beziehungsweise Wegsehen medial häufig auf einer Stufe mit den tatsächlichen Verbrechen verhandelt.

Die eigentliche Frage sollte jedoch sein, wieso die vielen Männer, die einen ganz anderen Zugang zu Jeffrey Epsteins Netzwerk hatten als die Frauen, sich für das Wegsehen entschieden haben. Oder für die Partizipation an seinen Straftaten – und ob irgendwer von den vielen tausend Männernamen aus den Epstein-Files dafür verurteilt werden wird. Oder ob Ghislaine Maxwell die einzige Gefängnisinsassin in diesem Fall bleiben wird.

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