Der Schriftsteller Peter Schneider war ein 68-er, wie er im Buche steht. Er löste sich von der Revolution und der Linken und blieb sich doch treu. Ein neugieriger, leidenschaftlicher Beobachter. Wie WELT von seiner Familie erfuhr, ist er jetzt im Alter von 85 Jahren gestorben.
Eigentlich müsste man über den Mann, den Schriftsteller, Parade-68er, Journalisten und politischen Denker Peter Schneider selbst einen Roman schreiben: 1940, im preußischen Königsberg, mitten in Hitlers Angriffskrieg geborener Sohn eines Dirigenten und Komponisten, 1945 mit der Familie nach Oberbayern geflohen, Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg und München studiert, ab 1962 Student an der Freien Universität in Berlin. 1965 wurde er Redenschreiber im Wahlkampfteam von Willy Brandt. Wenig später gehörte er zu den Wortführern der Studentenbewegung von 1968, lernte Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Gaston Salvatore und Bahman Nirumand kennen.
Den vorläufigen Endpunkt seiner politischen Radikalisierung markierte sein erster und erfolgreichster Roman „Lenz“, der 1973 erschien, eine melancholische Rückschau auf den Traum von der Revolution, die die Welt wie das ganze Leben erfassen sollte, doch im Versuch des großen Aufbruchs zu neuen Ufern stecken blieb.
Über Jahrzehnte schrieb er zahlreiche Erzählungen und Romane, darunter „Der Mauerspringer“, „Die Lieben meiner Mutter“, „Vivaldi und seine Töchter“, aber auch Sachbücher, Essays, Film-Drehbücher und Reportagen. Seine Liebe zu Italien war so groß wie die kritische Verbundenheit mit Amerika, wo er ab Mitte der Achtzigerjahre immer wieder Gastdozent war – in Stanford, Georgetown und Princeton.
Er liebte das Leben und die schöne Marianne Herzog, die später zur RAF in den Untergrund ging, war kurzzeitig ein Held der italienischen Linksradikalen in Trento – darunter der spätere Gründer der Roten Brigaden, Renato Curcio –, bevor er ausgewiesen wurde, ging als revolutionär gestimmter Aktivist der „Projektgruppe Elektroindustrie“ zu Bosch, wo ihm klar wurde, dass die Arbeiterinnen eher an ihm als an der Weltrevolution interessiert waren, spielte 30 Jahre später mit Bundeskanzler Gerhard Schröder Tennis und blieb, was er von Anfang an war: stets zugleich Aktivist und Chronist der Revolte, ein Intellektueller, der die gesellschaftlichen Veränderungen so genau im Blick hatte wie die eigene Biografie voller Abenteuer, Brüche und Wendungen.
Ähnlich wie Wolf Biermann musste er feststellen, dass er immer häufiger nicht mehr seiner Meinung war, kurz, dass alte Überzeugungen, Weltbilder und Interpretationsmuster die Realität nicht mehr angemessen beschrieben und erklärten. Ob im linken „Kursbuch“ oder Springers WELT AM SONNTAG, in der „taz“ und der „FAZ“, in „Zeit“ und „Spiegel“– überall stellte er Fragen, denen viele Kampfgenossen aus alter Zeit lieber auswichen.
So schrieb er etwa Sätze, die für viele längst ergraute 68er bis heute nach Verrat an der großen Sache klingen: „Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen.“ Schließlich aber, so Schneider schon fast hegelianisch, ist „aus dem Zusammenstoß einer importierten, personell mit dem Nazireich tief verstrickten und nur formal existierenden Demokratie mit einer radikalen, am Ende ins Totalitäre überschwappenden Protestbewegung“ die „bei weitem lebendigste zivile Gesellschaft in der Geschichte Deutschlands entstanden“.
Schneiders Fähigkeit, neugierig zu bleiben und eigene Überzeugungen immer wieder einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, ohne die Motive des jahrzehntelangen politischen Engagements zu denunzieren, zeigte sich besonders in einem seiner besten Bücher: „Rebellion und Wahn. Mein 68“, eine sehr persönliche Schilderung der Revolte, in die auch alte Tagebuchnotizen einflossen, eng verwoben mit der Reflexion darüber, wie schnell damals vermeintlich revolutionäre Theorien zum Dogma wurden, das das private Leben überschattete und die Wahrnehmung der Welt im Tunnelblick gefangen hielt.
Es habe Jahre gedauert, resümierte Schneider am Ende, „bis ich mich aus meinen intellektuellen und emotionalen Gefangenschaften gelöst hatte und wieder anfing, mit meinem eigenen Kopf zu denken und meinen eigenen Wahrnehmungen zu trauen“. Noch beim Schreiben seines Erstlings „Lenz“ glaubte das alte linksradikale Über-Ich die bösen Kommentare der Altgenossen zu vernehmen, die ihm im Geiste über die Schulter schauten und riefen: „Sentimentaler Scheiß“, „kleinbürgerlicher Subjektivismus“, „Kollaboration mit dem Klassenfeind“, also Verrat.
Jeder, der einmal „die Revolution“ geliebt hat, kennt dieses diffuse Schuldgefühl, zumindest das schlechte Gewissen, das einst so leidenschaftlich kämpfende Kollektiv, die süße Gemeinschaft der Weltverbesserer, verlassen zu haben. Es gehört viel Mut und Charakterstärke dazu, es wirklich zu tun, und es waren nicht die schlechtesten Zeitgenossen wie Manès Sperber und Arthur Koestler, die in ganz anderer, schwerer Zeit, zwischen Spanischem Bürgerkrieg und Hitlers Vernichtungsfeldzug, die Kraft fanden, die schier allmächtige Kommunistische Partei zu verlassen, deren wahrer Führer damals Stalin hieß. Auch in viel besseren und leichteren, „postheroischen“, demokratischen Zeiten kann offener Widerspruch, gerade, wenn er der eigenen geistigen Heimat gilt, unangenehme Folgen für den Häretiker haben.
Exemplarisch lässt sich Schneiders notorische Bereitschaft, auch eigene Glaubenssätze der Wahrheit zuliebe zu opfern, an der historischen Zäsur von Mauerfall und Wiedervereinigung studieren. Ganz zu Beginn der kommentierten Auswahl von Essays aus den letzten drei Jahrzehnten – „Denken mit dem eigenen Kopf“ – steht ein Text mit dem Titel „Was wäre, wenn die Mauer fällt“, erschienen am 25. Juni 1989 im „New York Times Magazine“.
Schneider kommt darin zu dem Schluss, es gebe „kein Menschenrecht“ auf eine deutsche Wiedervereinigung. Selbst wenn die Mauer fiele, so seine Prognose, werde es „auch in Zukunft zwei deutsche Staaten geben“. Wenige Monate später knatterten die ersten Trabis über den Kurfürstendamm, während der Autor gerade in den USA weilte. In einem Essay, der zwei Jahre später, am 14.11.1991 in der „taz“ erschien, blickte er zurück – nicht zuletzt auf seinen historischen Irrtum, den er mit sehr vielen deutschen Linken geteilt hatte: „Wie Günter Grass und andere Kollegen sah ich in der deutschen Teilung eine unmittelbare Folge des Hitler-Krieges, eine historische Strafe, mit der die Deutschen sich nun einmal abzufinden hatten. Wer die Teilung infrage stellte, entlarvte sich als ‚Revanchist‘ und ‚unverbesserlicher kalter Krieger‘, der die Lehren der Geschichte ignorierte.“
Im Nachhinein wunderte sich Schneider selbstkritisch, wie offenkundig dieses „Denkverbot“ in Sachen deutsche Einheit auf einer falschen und dabei sehr „eigensüchtigen Geschichtsinterpretation“ beruhte: „Denn warum war eigentlich die Bereitschaft, für die deutsche Schuld in Gestalt der Teilung zu büßen, vornehmlich bei den Westdeutschen anzutreffen, die ja gar nicht büßten und mit der Teilung vergleichsweise prächtig lebten?“
Eine sehr gute und sehr naheliegende Frage, die nur eine Frage offenlässt: Warum hat sie niemand gestellt? Schneider immerhin wurde mit ihr schon Mitte Oktober 1989 konfrontiert – auf einer Bahnfahrt mit 500 anderen Autoren von Montreal nach Toronto. Die Schriftstellerin Monika Maron, die 1988 die DDR verließ, hatte ihm im Zugabteil seine Argumente gegen die Wiedervereinigung als „Glaubensartikel“ regelrecht um die Ohren gehauen: Ihr wollt doch nur eure Penthouse-Wohnungen, eure Autobahnen, eure Mercedesse für euch behalten. Während ihr Ferien in der Toskana macht, sollen wir hinter der Mauer für den Faschismus büßen und über den Weltfrieden wachen?
Als der Zug in Toronto ankam, hatte der so Attackierte keine prinzipiellen Einwände mehr gegen die Wiedervereinigung, die kaum ein Jahr später Wirklichkeit wurde. Große Teile der deutschen Linken jedoch wollten die Realität nicht wahrhaben und sprachen von „Annexion“, westdeutscher „Eroberungsstrategie“ und „D-Mark-Imperialismus“. Tausende Demonstranten zogen mit dem Transparent „Nie wieder Deutschland!“ durch die Straßen und warnten vor einem neuen Faschismus.
„Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – die zentrale Maxime des deutschen Philosophen Immanuel Kant beherzigt Peter Schneider wie wenige andere Intellektuelle, gerade auch dann, wenn es um eigene Irrungen und Wirrungen geht. Auch Francis Picabias Satz, dass der Kopf rund sei, „damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hätte über dem Schreibtisch des Autors hängen können, der im Laufe der Jahrzehnte das linke Dogma des Pazifismus ebenso kritisiert hat wie den „moralischen Narzissmus“ von Flüchtlingsfreunden, für die es keinerlei Grenzen geben darf, weder nationale noch solche der grenzenlosen Aufnahmebereitschaft.
Er sah sich eine Pegida-Demo in Dresden von Nahem an, um sich jenseits der öffentlich-rechtlichen Verdikte selbst ein Bild zu machen, übte Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern und verteidigte die USA gegen die schier unausrottbaren antiamerikanischen Ressentiments der deutschen Linken, die in Donald Trump nun eine ideale Projektionsfläche gefunden haben. Dass US-Präsident Trump sich in seiner zweiten Amtszeit endgültig als gemeingefährlicher narzisstischer Egomane entpuppt hat, erschütterte Peter Schneider zutiefst, gerade weil ihm so vieles in seinem Leben mit Amerika verband.
Ob und wie sich diese große Nation von ihrem selbsternannten Imperator befreien kann, wird er nun nicht mehr erleben können. Sein letzter Text, erschienen in dem Buch „Wenn das Denken die Richtung ändert“, trägt die Überschrift: „Über die Schwierigkeit, sich von Irrtümern zu lösen“.
Nun ist Peter Schneider nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben.
Source: welt.de