Über Politik will er nicht reden. „Kein Kommentar“, sagt Noah Haidle, ein amerikanischer Dramatiker aus dem Mittleren Westen zu Besuch in der deutschen Hauptstadt. Am Deutschen Theater wird am Freitagabend sein neues Stück unter der Regie von Anna Bergmann uraufgeführt. „Spirit and the Dust“ heißt es und handelt von einer Immobilienmaklerin, die einen sechsten Sinn für die innersten Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen besitzt. Hope verkauft ihren Kunden nicht nur Häuser, sondern auch einen tieferen Blick auf ihr Leben. Gespielt wird diese prophetische Agentenfigur von Corinna Harfouch. Es sei „die schwierigste Rolle ihres Lebens“ gewesen, das habe sie ihm auf der Probe gesagt, erzählt Haidle, sichtlich beeindruckt von der kühlen Brillanz der großen Unnahbarkeits-Schauspielerin. Er hatte extra ein paar Seiten geschrieben, um ihr mehr Details zu ihrer Figur anzubieten, aber sie habe ihm zu verstehen gegeben, dass es jetzt ihre Figur sei und dass ihre Figur keine zusätzlichen Details brauche.
Ein Zusammenprall zweier Welten: hier die legendäre Ost-Schauspielerin, die soeben noch zu Protokoll gegeben hat, dass ihr die ostdeutschen Lebenserzählungen im deutschen Film fehlten, dort der amerikanische Dramatiker, der an deutschen Theatern seinen surreal angehauchten Dialog-Stücken Erfolge feiert.
Der ungewohnte Luxus des deutschen Ensembletheaters
Haidle taucht seit einiger Zeit auf deutschen Spielplänen auf. Entdeckt hat ihn der damals in Mannheim tätige Intendant Burkhard Kosminski, der Haidle als Hausautor verpflichtete und ihn in die Gepflogenheiten des deutschen Regietheaters einführte, das schon seit längerem Theaterstücke vor allem als Ausgangspunkte für die kreativen Umsetzungsfantasien der Regisseure begreift. Ziemlich überrascht sei er damals gewesen, so erzählt Haidle, als bei der Aufführung eines seiner Vier-Personen-Kammerspiele auf einmal vierzig weitere Darsteller mit auf der Bühne standen. Im amerikanischen Theaterbetrieb, wo jeder zusätzliche Schauspieler Kosten verursache, sei man darauf konditioniert, so wenig Protagonisten wie möglich zu präsentieren. Den Luxus, den es bedeute, für ein staatlich finanziertes Ensembletheater zu schreiben, habe er damals sehr zu schätzen gelernt.
Mehr als 75 Theaterstücke hat Haidle nach eigenen Angaben inzwischen verfasst. In den USA sind sie nicht sonderlich beliebt. Die New York Times verreißt seine Premieren regelmäßig, für das amerikanische Publikum seien seine Dramen zu absonderlich, zu wenig naturalistisch, argwöhnt Haidle, aber in Deutschland, da schätzt man ihn. Uraufführungen haben seine Stücke bisher etwa in Mannheim, Stuttgart, Karlsruhe, Hannover, Oberhausen und in Berlin erlebt. Am Deutschen Theater hatte Anna Bergmann 2022 sein Stück „The Birthday Candles“ inszeniert, ebenfalls mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das war ein behutsam konstruiertes Episodenstück, das dem Leben der Provinzschönheit Ernestine Ashworth von ihrem siebzehnten bis zu ihrem hundertsiebten Geburtstag folgt – von der Tochter bis zur Ururgroßmutter. Ein Melodram voller Humor, zarter Lebensweisheit und tragischer Familiengeschicke. Von Ferne erinnerte die wehmütige Stimmung des Stücks an Thornton Wilders Stücke wie „Wir sind noch einmal davongekommen“ oder „Unsere kleine Stadt“.
Sofort leuchten Haidles Augen auf. „Es gibt keinen wichtigeren Dramatiker für mich“, sagt er stolz und erzählt, wie er Wilders Stücke wieder und wieder gelesen, ihre Bauweise und Dialogführung studiert habe. Überhaupt hat er so angefangen, mit der intensiven, prägungssehnsüchtigen Lektüre von Theaterstücken: „Ich habe Tschechow, Beckett, O‘Neill immer so gelesen, dass ich ihre Texte mit einer Hand halb verdeckte und mich gezwungen habe, zu überlegen, wie ich die Figur jetzt antworten lassen würde. Meistens war das Original besser, aber manchmal fand ich meine Dialoge überzeugender.“ Ein close reading der anderen, der anteilnehmenden Art also, eines, das sich von der Tradition schulen und inspirieren ließ.
Haidle, der 1978 in Michigan als Sohn einer Schulaufsichtsrätin und Enkel eines demokratischen US-Kongressabgeordneten geboren wurde, hat sich gegen den vorbestimmten Weg eines Jura-Studiums entschieden und stattdessen szenisches Schreiben in Princeton und an der Juilliard School studiert. Danach lebte er in New York, Detroit und Los Angeles gelebt, hat ein Drehbuch für eine Gangsterkomödie geschrieben, die es mit Al Pacino und Christopher Walken prominent besetzt ins Kino schaffte, und arbeitete für einige Jahre parallel im Writers Room für verschiedene Streamer. Jetzt ist er mit seiner Familie in ein kleines Bergdorf zwischen Boston und New York gezogen.
Die Geburt seines Sohnes vor einigen Jahren hat sein Schreiben und seinen Blick auf die Welt verändert, sagt Haidle. Seine Stücke schreibt er jetzt für ihn, um ihm zu zeigen, „was wichtig und was witzig ist“. Und was ist wichtig? In diesen Tagen, in denen so viele so düster über sein Heimatland sprechen? In denen ein New Yorker Performance-Theater auf einmal den Namen des Immobilienagenten Trump trägt und ein anderer szenischer Schreiber aus dem Mittleren Westen zum Vize-Präsidenten aufgestiegen ist? Was ist ihm wichtig? Haidle verstummt. Wehrt ab. Will nichts sagen zur politischen Situation. Aus Ignoranz? Aus Angst? Angst wovor?
Es ist ein seltsam stockender Augenblick in dem ansonsten leicht dahinlaufenden Gespräch. Traut sich da ein renommierter amerikanischer Dramatiker nicht, sich politisch zu äußern, weil er Konsequenzen fürchtet. Kann das sein? Vielleicht ist es auch anders. Vielleicht will Haidle einfach durch sein Werk wirken und nicht durch seine politischen Ansichten. Vielleicht ist ihm die Sprache zu wichtig, als dass er sie zur Verbreitung von allgemeinen Meinungsäußerungen nutzen will. Vielleicht ist die Kritik, die er an den Verhältnissen übt, wirkungsvoller, gerade weil sie nicht im Gewand eines aktuellen Debattenbeitrags daherkommt.
Und wirklich fasst Haidle erst dann wieder Vertrauen ins Gespräch, als das Wort „Metaphysik“ fällt. Er, der Hunde in seinen Stücken gerne nach Schopenhauers Pudel nennt, der moderne Engelsfiguren und Heilige des Alltags auftreten lässt, sagt von sich selbst, er sei ein „sehr spiritueller Mensch“. Und es ist genau diese Spiritualität, dieses leichte metaphysische Flimmern, das seine Stücke so anziehend macht. Das Setting ist meist realistisch, aber die Atmosphäre tendiert ins Märchenhafte, mitunter gar Mythologische.
Es könnte einen Grund haben, warum Haidle im deutschsprachigen Theater gerade so begehrt ist: Mit ihm kehrt das szenische Schreiben über die monadische Menschlichkeit zurück auf die von Flächengewirr und Behauptungspose ermüdete Bühne. Mit ihm bekommt das abgeflachte postdramatische Theater eine neue spielspirituelle Tiefe. Mehr Haidle, weniger Köck – das wäre die richtige Richtung.
Source: faz.net