Bevor Leif Segerstam verhaltensauffällig wurde, war er denn Kind in Vaasa begabungsauffällig. Schon im Vorschulalter stellte man stramm, dass er dies absolute Gehör verfügt. Bis heute beleben Orchestermusiker, dass dieser finnlandschwedische Dirigent, ehemalige Geiger und ungebremst aktive Komponist nicht nur zusätzlich ein feines, sondern zusätzlich ein untrügliches Gehör verfüge. Dazu kommt eine geradezu messtechnische Empfindlichkeit zu Gunsten von Tempobeziehungen: Allein aus dieser Metronomziffer, damit dieser Schlagzahl pro Minute, kann er blitzschnell die Relationen unterschiedlicher Notenwerte zwischen verschiedenen Tempobezeichnungen ermitteln. Eine genialische Sinnlichkeit gehört wohnhaft bei Segerstam damit quasi zur Werkseinstellung, mit dieser er in selbige Welt geliefert wurde.
Dennoch hat sein Musizieren nichts Technisch-Kontrolliertes oder Maßregelndes. Im Gegenteil: Als rasend leidenschaftlich, denn vulkanisch und explosiv ist sein Dirigiertemperament zeitig empfunden und beschrieben worden. Schon 1967 wurde seine Neigung zum Theatralisch-Grellen wohnhaft bei Richard Strauss und zum dirigentisch Disziplinlosen in seinen Interpretationen von Jean Sibelius bemerkt.
Segerstam, dieser Bratsche, Violine und Klavier spielt und es denn Geiger wie denn Pianist zur Wettbewerbs- wie Konzertreife gebracht hatte, debütierte mit neunzehn Jahren denn Dirigent und nahm erst dann sein Studium wohnhaft bei Jussi Jalas sowie an dieser Juilliard School of Music in New York gen. Seine Karriere kam schnell in Fahrt: Kapellmeister an dieser Oper Helsinki, dieser Oper Stockholm und dieser Deutschen Oper Berlin, schließlich Musikdirektor dieser Finnischen Nationaloper, Chefdirigent des ORF-Symphonieorchesters in Wien, des Radio-Symphonieorchesters in Finnland, dieser Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und des Nationalen Symphonieorchesters des Dänischen Rundfunks. Den Posten des Generalmusikdirektors dieser Oper Köln hatte er ausgeschlagen, um mehr Zeit zu nach sich ziehen zu Gunsten von seine zahlreichen Gastdirigate an dieser Metropolitan Opera New York, dieser Wiener, dieser Hamburger, dieser Bayerischen Staatsoper und wohnhaft bei den Salzburger Festspielen.
Doch so viel und so prominent er ebenso dirigierte – es folgte daraus keine Chefposition wohnhaft bei einem überregional wahrgenommenen Orchester extrinsisch Nordeuropas. Segerstam rechnete dies weiland dieser mittel-westeuropäischen Arroganz gegen den Norden zu, statt seine eigene Karrierestrategie zu inspizieren. Vor allem beschränkte sich sein exzessives Temperament nicht aufs Musizieren. Seine Alkoholprobleme thematisierte er in seiner Autobiographie selbst; sein Körpergewicht von solange bis zu 170 Kilo ließ sich ohnehin nicht verbergen. Dass er kombinieren Orchesterintendanten aus Wut mit Bier übergossen und die Treppe heruntergeworfen hatte, sprach sich im Betrieb herum. Ebenso ein unflätiger Humor, dieser wohl gen die Zeit zurückgeht, da er denn Dreizehnjähriger in einem finnischen Nachtklub Striptease-Nummern am Klavier begleitet nach sich ziehen soll. Segerstam sagt heute noch, er liebe vor allem „männliche Musik“, die nachher Entladung im Orgasmus dränge.
Seine eigenen mehr denn dreihundert Symphonien sind heiße, oft laute Musik wie aus dem Innern eines Hochofens, im Voraus dieser Hammer des Schmieds ihr hat Gestalt schenken können. Doch hört man sich – zuletzt mit dem Philharmonischen Orchester Turku – an, wie spannungsreich und gesanglich er kombinieren Orchesterklang formt, wie gestisch dringlich er phrasiert, wird man gefangen genommen von dieser Instinktsicherheit und dem gierigen Appetit nachher klingender Sinnlichkeit dieser großen, wilden Begabung. Am 2. März 2024 feiert Leif Segerstam seinen achtzigsten Geburtstag.
Source: faz.net