Der Ajatollah wird schon 1996 fiktiv in die Luft gebombt

Die Realität in Thrillern: Tom Clancy beschrieb in einem Roman mit seinem Helden Jack Ryan, wie die USA gegen den Iran Krieg führt und glatt das Regime besiegt. Haben sich Donald Trump und das Pentagon inspirieren lassen?

Der CIA-Analytiker Jack Ryan, einst erfunden vom Roman-Autor Tom Clancy, wurde vor ein paar Wochen noch einmal herumgereicht. In der zweiten Staffel der Amazon-Serie „Jack Ryan“ von 2019 fragt er in einem Hörsaal, welches Land wohl die weltweit größte Bedrohung darstelle. Die Antworten der Studenten antworten Russland, China, Nordkorea.

Ryan fragt „Was ist mit Venezuela?“ Er verweist sodann auf die weltgrößten Erdöl- und Goldvorkommen in dem Land und auf den linken Diktator, der hier Nicolas Reyes genannt wird. Klar, dass nach der US-Militär-Aktion in Venezuela und der Gefangennahme von Präsident Maduro die Szene überall auftauchte und staunend kommentiert wurde. Gute Thriller, egal ob als Bücher, Filme, Serien sind der Wirklichkeit abgelauscht.

Es lohnt sich deshalb auch jetzt nach politischen Fiktionen zu suchen, besonders im Werk des Amerikaners Tom Clancy (1947–2013), dem erklärt Konservativen unter den Bestseller-Autoren. Denn er hat sich neben einem Krim-Krieg der Russen und einer möglichen Eroberung Taiwans durch China natürlich mit der Islamischen Republik Iran beschäftigt und einen Plot ersonnen, der sich wie eine Blaupause dieser Tage liest.

Auf Seite 950 der deutschen Ausgabe beginnt der US-Präsident seine entscheidende Rede mit den Worten: „Meine amerikanischen Mitbürger, ich bin hier, um Ihnen das Neueste über die Lage im Mittleren Osten zu berichten.“ Das Buch von 1996 heißt „Befehl von Oben“, im Original „Executive Order“. Damals war die deutsche Öffentlichkeit noch nicht so sehr an das präsidiale Regieren mit – tolles Wort! – Durchführungsverordnungen gewöhnt, mittlerweile und nach hunderten executive orders von Präsident Trump mag das anders sein.

Mehr als 100 Millionen von Clancys Büchern wurden verkauft. Die Jack-Ryan-Serie beschreibt den Aufstieg des ursprünglichen Außenseiters – er ist Marine-Historiker – innerhalb der CIA und bis zum US-Präsidenten. Das erste Buch legte der damalige Versicherungsvertreter Clancy 1984 vor, „Jagd auf Roter Oktober“, das zuerst im Fachverlag Naval Institute Press erschien. Clancy verfolgte die Utopie einer wehrhaften, militärisch aktiven US-Regierung, die oft als weiterentwickeltes Modell der Reagan-Jahre gedeutet wurde. Der hellsichtige und von manchen für prophetisch gehaltene Schriftsteller galt zeitweise als Berater des Weißen Hauses, war dort regelmäßig zu Gast.

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Mit Skandal-Aufdeckung oder Kritik an den Institutionen wie CIA oder FBI hat Clancy nichts zu tun; seinen Büchern fehlt der liberale Geist der althergebrachten Thriller von Graham Greene, John le Carré, Eric Ambler. Auch das hat Tradition: Serien wie „24“ und „Homeland“ und zum Teil die Jack-Reacher-Bücher stellen die Möglichkeiten des Staates nicht infrage, preisen Militär, Geheimdienste, Polizei, legitimieren oft Methoden des Kriegs, bis zu Folter.

Clancy ist ein eher bemühter Erzähler, er liebt technische Details, beschreibt exzessiv militärische und andere technische Apparaturen. Seine Figuren sind hölzern und eindimensional, dafür unbedingte Patrioten und Erben der Westernhelden. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

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„Befehl von Oben“ beschreibt ausführlich gleich mehrere Feldzüge, politische wie militärische. Der Plot ist irre und schließt an das Vorgänger-Werk „Ehrenschuld“ (1994) an, wo am Ende eine Boeing 747 auf das Kapitol stürzt und fast die gesamte Regierung stirbt. Jack Ryan ist nun Präsident der USA und geht zum Gegenangriff über. Der erklärte Schurke ist Ajatollah Mahmoud Hadschi Daryaei, geistlicher und politischer Führer der Islamischen Republik, die aus Irak und Iran gegründet wurde. Der Ayatollah lässt mit Ebolaviren die USA angreifen, versucht Ryans Tochter und ihn selbst zu töten. Die Armee der Islamischen Republik zieht mit dem Ziel los, Saudi-Arabien und Kuwait zu erobern.

Gewidmet ist das Buch Ronald Reagan, „der Mann, der den Krieg gewann“, womit der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion gemeint ist. Das Buch lässt sich als Reaktion auf den zweiten Golfkrieg 1991 lesen, als die Amerikaner in der Operation „Wüstensturm“ zwar Kuwait befreiten, aber nicht den Irak eroberten, sondern sich zurückzogen. Clancy kritisiert das. Der Befehlshaber in „Befehl von Oben“ will klar Schiff machen.

Was das über weite Strecken überbordende und auch öde Buch interessant macht, ist eben das Ende. Mit Hilfe von Spionen wird die Ermordung von Ayatollah Daryaei geplant. Während US-Präsident Ryan zur Nation redet, wird ein Haus in Teheran eingeblendet, eine Satelliten-Live-Schaltung. Zwei F-117-Stealthbomber sind unterwegs mit jeweils 250-Kilo-Bomben. Sie warten auf ein Stichwort. Ryan sagt: „… und hier, Mister Daryaei, ist die Antwort der Vereinigten Staaten von Amerika.“ Die Bomben werden ausgelöst. Das Haus explodiert und alle Insassen sterben. Der Präsident verkündet die Ryan-Doktrin: Künftig werde jeder Staatschef persönlich angegriffen, der Angriffe auf US-Bürger, US-Territorium oder US-Besitztümer anordnet.

Clancy als Republikaner und Militär-Experte stellt den Handlungsrahmen der USA nicht infrage. Von Völkerrecht oder Verbündeten in Europa ist nicht die Rede. Der Zweck heiligt die Mittel, zumal nach Attacken auf Amerika. Seine Plot-Fantasien wurden mehrfach gewürdigt, auch nach dem 11. September 2001. Natürlich ist unklar, ob sich Regierungen oder Geheimdienste je an den Ideen der Clancy-Romane haben inspirieren lassen. Thriller-Freunde können hier auf „Die drei Tage des Condor“ verweisen, das Buch und den Film mit Robert Redford, der von einer abgelegenen CIA-Abteilung handelt, die Thriller nach Ideen durchforstet, um vorbereitet zu sein oder sie eventuell anzuwenden. Sollte es sie geben, stünde Clancys Werk sicher im Regal.

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Das Buch war eine Wende im Werk Clancy, hin zur größeren Politik, weg von Action. Es ist kein Wunder, dass diesen komplexen Büchern weniger Erfolg beschieden ist. Jack Ryan ist im Kino von etlichen Stars gespielt worden, aber immer in der Karriereleiter eher unten. Die Befehlsgewalt des Präsidenten steht im Kino der erzählen Bewegung im Weg. Auch deshalb ist die Amazon-Serie mit John Krasinski zurückgekehrt zum jungen Analytiker, der unfreiwillig in Abenteuer gerät und sich bewährt. Im Rahmen der erzählerischen Fiktion ist dies wesentlich realistischer und spannender als das Dirigieren der Staatsmacht.

„Befehl von Oben“ endet nach der Exekution des Ajatollahs. Was folgt – die politischen Folgen, die Unwägbarkeiten einer neuen Weltordnung, die Mühen der Ebene – bleibt offen. Der Thriller zuckt vor der Realität zurück; das hat er mit der Romanze gemein, die mit der Hochzeit schließt. Man darf keinesfalls von dieser Ruhe auf die Realität schließen.

Source: welt.de

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