Der AfD-Autor und die Buchmesse: Das Problem, dies die Hybris des Maximilian Krah offenlegt

Der AfD-Autor und die BuchmesseDas Problem, das die Hybris des Maximilian Krah offenlegt

21.02.2026, 09:40 Uhr Von Thomas Schmoll

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Maximilian Krah hält eine Buchmesse, die auf den Rummel ohne seine Person verzichtet, für „intellektuell tot“. (Foto: picture alliance / Flashpic)

Es gibt gute Gründe für die Leipziger Buchmesse, eine Romanvorstellung mit dem AfD-Rechtsaußen Krah abzusagen. Dass die Veranstalter keine Lust auf Tumulte haben – wer wollte es ihnen verdenken. Nur wo soll dann überhaupt noch miteinander kontrovers diskutiert werden, wenn nicht auf Events wie einer Buchmesse?

Der Castrum-Verlag mit Sitz in Wien steht auf die Vergangenheit. In antiquiertem Deutsch heißt es auf seiner Webseite: „So seien denn die Schriftsteller, Philosophen und Dichter deutscher Sprache eingeladen, ihre Werke, so sie im Geiste alter Literatur und alten Stils verfasst sind, uns ihre Manuskripte zuzusenden, auf dass wir sie dem Publikum in entsprechender Form darbieten.“ Verleger Ledio Albani – ein Deutscher mit albanischen Wurzeln – will „deutschen Dichtern im ursprünglichsten Sinne des Wortes“ beziehungsweise „jungen Autoren von großer Zukunft eine Bühne“ geben.

Einer von ihnen ist Maximilian Krah, 49 Jahre alt. Albani veröffentlicht in seinem Haus den ersten Roman des AfD-Bundestagsabgeordneten. Dass der überhaupt bei Castrum gelandet ist, liegt daran, dass ihn der rechtsextreme Publizist Götz Kubitschek aus seinem Verlag verbannt hat. Zu dem Bruch kam es, weil Krah das Konzept der „Remigration“ vorgeblich nicht auf deutsche Staatsbürger anwenden will, also Zuwanderer mit deutschem Pass nicht unfreundlich aus dem Land komplimentieren will. Nicht aus Güte, Krah will einer AfD-Verbotsprüfung keine weiteren Argumente liefern. Bei Kubitschek ist Krah allerdings nicht nur politisch durch, sondern auch als Schriftsteller: „Das Buch wird bei Castrum nun ohne das knallharte Lektorat erscheinen, das notwendig gewesen wäre“, schreibt der selbst ernannte Vordenker der neuen Rechten in seinem Blog.

„Die Reise nach Europa“, so der Titel, dreht sich laut Ankündigung um die „Vermessung einer Erinnerungskultur, die nicht in bloßer Schuldzuweisung verharrt – sie fragt nach Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit jenseits von Schuld, nach den Wunden des 20. Jahrhunderts und danach, wie man sie in eine gemeinsame europäische Zukunft überträgt“. Es ist leicht zu erahnen, was ein Rechtsextremist wie Krah, der das Vorgehen der SS im Zweiten Weltkrieg relativierte, darunter versteht. Doch ohne das Buch gelesen zu haben, ist ein Urteil über dessen literarische Qualität unmöglich.

Die Buchmesse ist ein fröhliches Ereignis

Wie auch immer die Kritik ausfallen wird: Es kann fest davon ausgegangen werden, dass – bis auf eingefleischte Fans des Sachsen – die breite Öffentlichkeit nichts von dem 600 Seiten starken und 35 Euro teuren Schriftstück mitbekommen hätte. Das ist nun anders. Die Leipziger Buchmesse hat eine für den 21. März von Castrum angemeldete Romanvorstellung mit Krah aus Sicherheitsgründen abgesagt. Formal betrachtet: Eine Ausladung ist das nicht. Die Messe lädt nämlich nicht ein. Aussteller können Vorschläge machen, die sie als Veranstalter prüft. Hier fiel die Entscheidung gegen Krah.

Es liegt auf der Hand, dass die Absagebegründung von Krah und der AfD als vorgeschoben und Zeichen der Feigheit vor der Rauflust der Antifa gedeutet wird. Natürlich ist umgehend von Cancel Culture die Rede. Die AfD-Bundestagsfraktion befand: „Allein schon der Anschein, dass ein Autor aus politischen Gründen gecancelt wurde, ist für eine Buchmesse verheerend.“ Doch so einfach ist es nicht. Die Leipziger Veranstaltung ist eine reine Publikumsmesse mit enormem Zulauf.

Im vergangenen Jahr besuchten rund 296.000 Leute das Event – ein Rekord. Vor den Eingängen bildeten sich Schlangen von wenigstens 200 Metern Länge. Insbesondere am Wochenende waren die Hallen beängstigend voll. Die Messe musste erstmals den Vorverkauf für den Samstag stoppen, um den Andrang überhaupt zu beherrschen. (Warum sie trotzdem 18.00 Uhr und nicht 22.00 Uhr schließt, bleibt ein Rätsel.)

Die Veranstaltung hat beinahe Volksfestcharakter. Die ganze Stadt ist im Lesefieber, die Stimmung ist freundlich und weltoffen. Jugendliche und erwachsene Fans von Manga-Comics stromern in nachgeschneiderten Kostümen ihrer fiktiven Helden durch die Hallen. Die Messe ist an allen vier Tagen verkaufsoffen. Kleine Verlage, deren Publikationen nie in Thalia-Filialen ausliegen, machen in Leipzig gute Geschäfte. Allein der Gedanke, dass die Hallen und das Gelände drumherum von der linksextremen Szene belagert wird, die in Leipzig eine Hochburg hat, ist unerträglich. Vor allem aber würde ein Berufspolitiker, der sich nun als Schriftsteller versucht, derart viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, was seiner Rolle im literarischen Betrieb nicht ansatzweise angemessen und unfair gegenüber anderen Autoren wäre, die vom Schreiben leben.

Messe braucht Krah nicht, aber Räume zur Auseinandersetzung

Laut „The Pioneer“ zeigte sich Krah „überrascht“ von der Absage, was ebenfalls überrascht. Es ist zu vermuten, dass der Mann schon Proteste vor AfD-Parteitagen erlebt hat. Obendrein wird Krah wissen, dass er auch bei einem Auftritt als Schriftsteller weiterhin als Bundestagsabgeordneter einer Partei wahrgenommen wird, die die eine oder der andere verachten. Trotzdem hält er die Sicherheitsbedenken für unbegründet. „The Pioneer“ zufolge sagte Krah, eine Messe, die Angst davor habe, ein „unpolitisches“ Buch vorzustellen, brauche „kein Mensch“. Eine Veranstaltung, „wo alle einer Meinung sein müssen, um sich präsentieren zu dürfen, ist intellektuell tot“.

Diese Selbsteinschätzung ist ein Offenbarungseid, ein Beleg für die Eitelkeit und Hybris Krahs. Denn damit erhebt er sich allein zum Maßstab für das geistige Gelingen der (oder einer) Buchmesse, als würde seine Abwesenheit das Niveau der Veranstaltung auf null senken. Die Wurzeln der Leipziger Buchmesse gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück, gegründet wurde sie 1946. In all der Zeit kam sie intellektuell ohne das Schaffen Krahs und – soweit dem Autor dieser Zeilen bekannt – dessen Vorfahren aus.

Doch Spaß beiseite: Die Auseinandersetzung zeigt einmal mehr, woran es in Deutschland hapert. Der Wille zur Auseinandersetzung um Inhalte. Es ist viel leichter, die Keulen „rechtsextrem“ und „Cancel Culture“ zu schwingen und den politischen Gegner mit den immer gleichen Vorwürfen zu überziehen, als über das zu diskutieren, was in einem Buch steht. Das Gedankengut von Krah und Co. verschwindet nicht durch Ignoranz und Verbannung aus Sicherheits-, moralischen oder sonstigen Gründen.

Man muss daher fragen, ob es richtig ist, dass die Verantwortlichen in Leipzig Krah keinen Auftritt außerhalb der Messehallen geboten haben. Sie verweisen auf die „kontrovers diskutierten Positionen“ Krahs. Dass die Veranstalter keine Lust auf chaotische Szenen rund um den Auftritt eines einzigen Mannes haben – wer wollte es ihnen verdenken. Nur wo soll dann überhaupt noch miteinander gesprochen werden, wenn nicht auf Events wie einer Buchmesse? Traurig ist auch, dass die Stadt vor der aggressiven und gewaltbereiten linken Szene – je nach Sichtweise – zurückweicht oder einknickt. Deutschland ist noch Lichtjahre vom intellektuellen Tod entfernt. Aber gesund ist der Patient auch nicht mehr.

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de