Es ist ja nicht so, als könne man die Verzweiflung der Menschen, die an diesem Wochenende am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz für Frieden demonstrieren wollen, nicht verstehen. Der brutale Krieg, den Putin in der Ukraine angezettelt hat, tobt bald im fünften Jahr; Hunderttausende sind auf beiden Seiten gestorben, die Bilder von der Front sind grauenhaft, und trotzdem ist noch immer kein Ende in Sicht.
Der nukleare Kontrollvertrag New Start ist am Ende, eine neue atomare Aufrüstungsspirale droht, Amerika ist kein verlässlicher Partner mehr – wo man hinsieht, Gewalt und Gefahr.
Da ist es ziemlich verlockend, einfach die Augen zu schließen, die Hände auf die Ohren zu pressen, wie es viele selbst ernannte Pazifisten seit jeher tun, und laut zu fordern: „Das Töten muss sofort aufhören, um jeden Preis!“ – „Keine Münchner Sicherheitskonferenz, sondern eine Friedenskonferenz!“ – „Verhandelt mit Putin!“ – „Habt euch doch einfach alle lieb!“
Wie schön das wäre, wie bei Pippi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt, wi-de-wi-de-wie sie mir gefällt! Und wie naiv es doch ist. Die Unverbesserlichen glauben immer noch, dass Putin sich nur gegen die angeblich aggressive Ausdehnung der NATO wehrt. Sie glauben, es sei der Westen, der provoziert – aber auch das ist Geschichtsklitterung. Manche glauben sogar, dass Moral, gar Menschenleben, für Putin etwas zählen. Dabei hat er schon Hunderttausende auf dem Gewissen. Für ihn zählt nichts außer seiner brutalen Machtpolitik.
Viele, die vor dieser Wahrheit die Augen verschließen und bereitwillig den Putin-Verstehern von BSW bis AfD auf den Leim gehen, ist das Leid der Ukrainer ohnehin egal. Ihnen geht es um sich selbst und um ihre Angst, dass der vermeintlich ferne Krieg auch nach Deutschland kommen könnte, wenn man Putin „reizt“. Zum Beispiel, indem man es wagt, einem brutal überfallenen Land in seinem Überlebenskampf beizustehen – oder Kiew endlich die Taurus-Marschflugkörper zu liefern, die verhindern könnten, dass noch mehr Ukrainer sterben.
Sollen die Ukrainer die Besatzung doch ertragen, sagen manche
In dieser Wegduck-Logik würde der russische Diktator auf alle Zeiten friedlich werden, wenn man ihm in der Ukraine nur gäbe, was er will. Schon nach den ersten Kriegsmonaten haben „Radikalpazifisten“ vorgeschlagen, die Ukrainer sollten sich Putin einfach ergeben, dann sei das Sterben schnell zu Ende. Das bisschen Besatzung müssten sie eben ertragen, bis Russland irgendwann wieder von ihnen ablasse. Doch auch da irren sie: Europa wäre nicht sicher. Putin würde nicht aufhören, und er will erst recht keinen fairen Frieden, der ihn auch nur ein Jota seines imperialistischen Fiebertraums kostet: erst die Unterwerfung der Ukraine und danach die Restauration eines russischen Großreichs, mit einer neuzaristischen Einflusssphäre von Wladiwostok bis Lissabon.
Putin wird nicht nachgeben, wenn Europa ihm die Kehle hinstreckt, sondern erst, wenn es genügend militärischen Gegendruck leistet, in der Ukraine und darüber hinaus. Wer Frieden will, rüste für den Krieg: Diese Erkenntnis ist schmerzlich, aber unausweichlich. Natürlich soll man auch auf diplomatischem Wege alles versuchen, um das Töten so schnell wie möglich zu beenden; irgendwann auch mit Gesprächen im Kreml. Dann aber nicht zu Putins Bedingungen oder zu denen seiner kleptokratischen Freunde in Washington, welche die Ukraine für gute Geschäfte sofort verraten würden. Sondern zu denen Kiews und Europas.
Source: faz.net