Zum Tag der Befreiung von Buchenwald wollen Aktivisten im früheren Konzentrationslager Buchenwald demonstrieren. Und zwar im Palästinensertuch, der Kufiya. Schon im vergangenen Jahr hatten Einzelne aus dem Kreis der „Kommunistischen Organisation“ dies versucht. Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte in Weimar, untersagte die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung mit Kufiya am 12. April 2025. Aufgegeben haben die Aktivisten aber nicht; dieses Jahr haben sie für diesen Tag eine Demonstration in Buchenwald angemeldet.
Wagner will die verhindern. Auch aus der Politik kommt Gegenwind. So fordert der Fraktionsvorsitzende der Linken im Thüringer Landtag, Christian Schaft, die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ auf, die Aktion abzusagen. Unter diesem Namen haben sich Aktivisten zusammengeschlossen, die eine „offene Thematisierung des Völkermords in Gaza“, „kein Verbot palästinensischer Symbole“ und keine „Haus- und Sprechverbote wegen Palästina-Solidarität oder Kritik am Apartheidstaat Israel“ in der Gedenkstätte Buchenwald fordern.
Unterzeichnet haben das Statement Organisationen wie die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, aber auch Studentengruppen, in deren Umfeld Personen das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel als „Befreiungskampf“ deuteten, oder eben die „Kommunistische Organisation“, die eine Revolution auf Basis des „Demokratischen Zentralismus“ nach Lenin vorantreiben will.
Warum wollen sie ausgerechnet in Buchenwald mit Kufiya demonstrieren, einem Ort, der für die Entrechtung und Ermordung von Juden und anderen Verfolgten durch die Nationalsozialisten steht? Für ein Gespräch mit dieser Zeitung stand die Initiative nicht zur Verfügung. In ihrem im Internet veröffentlichten Statement erklärt sie: In Buchenwald werde „Deutschlands erneute Beteiligung an einem Völkermord ideologisch“ gerechtfertigt. Die Aktivisten werfen der Gedenkstätte vor, aus den NS-Verbrechen nichts gelernt zu haben. Sie beobachteten „seit geraumer Zeit“, wie Buchenwald zu einem „Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung“ werde. Die Gedenkstätte verbreite „Israelpropaganda“ und liefere damit „ideologische Munition für den andauernden Genozid in Palästina“.
Gruppe kritisiert vermeintliches Verbot palästinensischer Symbole
Laut Wagner haben Personen aus der Initiative sich schon öfter holocaustrelativierend geäußert. Davor will Wagner seine Gedenkstätte – und vor allem die Überlebenden, die am Befreiungstag im Mittelpunkt stehen sollen – schützen. Wagner ärgert sich auch über die Methoden und Vorwürfe von „Kufiyas in Buchenwald“. So kritisiert die Gruppe, dass palästinensische Symbole in Buchenwald „pauschal kriminalisiert und verboten“ würden, und nennt als Beleg eine Handreichung, die vergangenen Sommer öffentlich wurde. Darin stand, dass bestimmte Symbole nicht erlaubt sind, zum Beispiel rechtsextreme wie das Hakenkreuz, aber eben auch die Kufiya.
Dass dieses Papier fehlerhaft war und noch überarbeitet wurde, wie schon damals zu erfahren war, erwähnt die Initiative nicht. „Die Kufiya als solche zu tragen, ist nicht untersagt“, stellte Wagner im Gespräch mit der F.A.Z. schon vor Monaten klar. „Es wird untersagt, wenn es in einem Kontext passiert, um NS-Verbrechen zu relativieren, indem sie zum Beispiel mit einem ,Genozid‘ im Gazastreifen gleichgesetzt werden.“ Ein Gericht bestätigte damals, dass es rechtens war, im konkreten Fall am 12. April 2025 die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung für die Aktivisten zu untersagen, um die Gedenkstätte vor politischer Instrumentalisierung zu schützen. Doch „Kufiyas in Buchenwald“ behauptet weiter, dass es ein pauschales Verbot gebe. „Es wird gezielt mit Desinformationen gearbeitet“, sagt Wagner dazu.
Die Initiative kritisiert zudem, dass die „internationalistische und antifaschistische Geschichte des Lagerwiderstands zunehmend verleugnet“ werde. „Die Menschen im Lager organisierten Widerstand und dieser befreite das Lager noch vor der Ankunft der ausländischen Truppen und konnte es damit vor der sicheren Vernichtung durch die Faschisten retten“, behauptet die Initiative.
Eine Befreiung von innen und von außen
In Wirklichkeit gab es in Buchenwald keine Selbstbefreiung. Am 11. April 1945 fuhren US-Panzer am Lager vorbei, die SS ergriff darauf die Flucht. In diesem Moment, als 95 Prozent der Wachmannschaft das Lager verlassen hatten, bemächtigten sich die Häftlinge des Lagers. Wagner sagt, in den Führungen in Buchenwald werde dies thematisiert: „Wir sprechen immer von einer Befreiung von innen und von außen.“ Das Jahresthema der Gedenkstätte sei „Widerstand, etwa von Kommunisten, Christen und Zwangsarbeitern.“ Auch sonst gebe es keine „Sprechverbote“: „Das ist Mumpitz! Wenn Besuchergruppen das Thema Gaza bei einer Führung ansprechen, wird da natürlich drüber gesprochen“, so Wagner.
Die Initiative führt jedoch auch die Ausladung des jüdischen Philosophen Omri Boehm im vergangenen Jahr ins Feld zum Thema „Sprechverbote“. Boehm hatte dort eine Rede zum Gedenktag der Befreiung von Buchenwald halten sollen; der israelische Botschafter kritisierte die Wahl des Redners gegenüber der Staatskanzlei in Erfurt, drängte, die Rede abzusagen, und drohte, selbst nicht an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Er könne Wagner nicht den Gefallen tun, bei diesem Redner einen „ungestörten Ablauf“ zu gewährleisten, äußerte der Botschafter gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“. Wagner lud daraufhin Boehm aus, sprach sich aber öffentlich gegen die „Einflussnahme“ aus.
In diesen Tagen trifft sich der Gedenkstättenleiter mit der zuständigen Versammlungsbehörde und Vertretern von „Kufiyas in Buchenwald“. Die Behörde muss entscheiden, ob die Kundgebung am 12. April wirklich stattfinden darf.
Source: faz.net