Debatte darüber hinaus Feiertage: Zu tun sein die Deutschen sich wieder „kollektiv anstrengen“?

Die Deutschen müssen sich „wieder kollektiv anstrengen.“ Um die Produktivität zu steigern, könnte der Ostermontag als Feiertag gestrichen werden. Mit diesen Äußerungen hat die Trumpf -Vorstandsvorsitzende Nicola Leibinger-Kammüller die Debatte über Arbeitszeiten und die Streichung von Feiertagen neu entfacht. Die Vertreterin des schwäbischen Technologiekonzerns sagte der „Stuttgarter Zeitung“: „So gut wie niemand nimmt heute noch an einer Ostermontags-Prozession teil, für die der Tag im Mittelalter einmal gedacht war.“

Der Erdball habe sich weitergedreht, wenn man auf die Arbeitszeiten in Amerika, China oder Polen blicke. „Ich bin überzeugt, wir fänden eine Lösung, ohne dass Beschäftigte danach ins Sanatorium müssen“, sagte Leibinger-Kammüller. Die Menschen in Deutschland strengten sich ja nicht nur im Job an: „Sie laufen Marathon oder gehen ins Fitnessstudio. Und es ist aus meiner Sicht auch nichts Schlimmes, abends todmüde ins Bett zu fallen“, fügte die Konzernchefin hinzu.

Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende von Trumpfdpa

Zustimmend äußerte sich Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Abschaffung eines Feiertags wäre ein kleiner Beitrag, aber ein Schritt in die richtige Richtung, um dem wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands entgegenzutreten. „Die Politik in Deutschland konzentriert sich derzeit auf die Umverteilung eines schrumpfenden Kuchens, das Streichen eines Feiertags wäre eine Maßnahme, die den Kuchen vergrößert“, sagte der Ökonom der F.A.Z.

Vollzeiterwerbstätige in der Schweiz arbeiten mehr

Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, verwies auf die Probleme der alternden Bevölkerung. Bis zum Ende der Legislatur werde es zwei Millionen Erwerbspersonen weniger geben. „Darauf kann man mit weniger Feiertagen respektive Urlaubstagen oder einer höheren Wochenarbeitszeit reagieren“, sagte der IW-Direktor der F.A.Z. Wenn ein Vollzeiterwerbstätiger hierzulande etwa 250 Stunden im Jahr weniger arbeite als in der Schweiz, sei das „nun fragwürdig“. „Insofern gibt Frau Leibinger einen wichtigen Hinweis.“

Deutliche Kritik an den Äußerungen der Unternehmerin übte hingegen die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa. „Ausgerechnet den Ostermontag als möglichen Streichtermin zu empfehlen, zeugt von einer erschreckenden kulturellen Ahnungslosigkeit“, sagte sie der F.A.Z. Der Ostermontag sei in den meisten europäischen Ländern Feiertag – „nicht als Tag mittelalterlicher Osterprozessionen, sondern als Tag der biblischen Emmaus-Geschichte, die exemplarisch die Gefahr beschreibt, dass wir – gefangen in Alltagssorgen – das Auferstehungswunder nicht bemerken“. Jene, die die Produktivität ihres Unternehmens durch mehr Arbeitstage retten wollten, „täten gut daran, im Respekt vor den religiösen Wurzeln unserer Kultur bei Urlaubstagen in den eigenen Tarifverträgen anzufangen und nicht bei den höchsten christlichen Feiertagen“, mahnte Welskop-Deffaa.

Wie viel ein Feiertag weniger das BIP erhöhen würde

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat wiederholt eine höhere Leistungsbereitschaft der Deutschen gefordert. Die Debatte über die Streichung von Feiertagen führe indes nicht weiter, da sich keine Einigung erzielen lasse. Das kontroverse Thema wird denn auch nicht im Koalitionsvertrag von Union und SPD erwähnt.

Die Chefin des CDU-Wirtschaftsflügels, Gitta Connemann, verweist auf Berechnungen des IW, nach denen ein zusätzlicher Arbeitstag das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 8,6 Milliarden Euro erhöhen würde. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müsse man „an die Kostentreiber ran, auch an die Arbeitskosten“, sagte die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der F.A.Z. „Mir geht es dabei nicht um einen bestimmten Feiertag“, hob Connemann hervor. Aber eines sei klar: „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“

Unter anderem befürworten die Spitzenvertreter der Deutschen Industrie- und Handelskammer, des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft die Streichung eines Feiertags, um die Wirtschaft anzukurbeln. Gewerkschaftsvertreter halten dagegen, Feiertage seien notwendige Erholungspausen. Mit kranken und erschöpften Beschäftigten sei der Wirtschaft nicht geholfen.

ArbeitskostenBevölkerungCDUChinaClemensConnemannDeutschlandEndeEuroEvaFFeiertageFriedrichFriedrich MerzFuestGeschichteGittaifoIndustrieIWJobKölnKritikKulturLaufenMANMarathonMariaMerzMichaelMittelalterPolenPolitikProduktivitätSchweizSPDTAGTrumpfUnionWirtschaftZ