Deaf Performing – Musikdolmetschen zu Gunsten von eine taube Community

Stand: 15.04.2026 • 11:35 Uhr

Weltweit werden Songs auf der Bühne mittlerweile in Gebärdensprache übersetzt. „Deaf Performing“ gilt als Kunstform. Die gehörlose Performerin Cindy Klink stand bereits mit Sting und Kylie Minogue auf der Bühne.

Von Florian Schmidt, NDR

Musik wird gehört. Und doch lässt sie sich auch sehen. Beim sogenannten „Deaf Performing“ werden Songs in Gebärdensprache auf die Bühne gebracht. Was zunächst wie Dolmetschen wirkt, ist für viele längst eine eigene Kunstform. Es bedeutet nicht, Liedtexte Wort für Wort zu übertragen. Vielmehr entsteht eine körperliche, visuelle Umsetzung der Musik: Hände, Arme, Gesicht und Haltung greifen Rhythmus, Dynamik und Emotion eines Songs auf.

Die gehörlose Performerin Cindy Klink steht seit Jahren auf Bühnen und begleitet Konzerte in Gebärdensprache. Die 29-Jährige arbeitet mit internationalen Künstlern wie Sting, Lenny Kravitz, Coldplay, Sam Smith und Kylie Minogue zusammen und veröffentlicht eigene Performances im Netz. Auf Instagram folgen ihr inzwischen mehr als 100.000 Menschen.

Mit „Deaf Performing“ erfolgreich: die 29-jährige gehörlose Performerin Cindy Klink.

Musik in Mimik und Bewegungen ausdrücken

„Ich stehe auf Bühnen oder bin auf Social Media“, sagt Klink. Wo immer es Musik gebe, performe sie in Gebärdensprache. Im Gespräch mit dem NDR beschreibt sie den Unterschied. „Deaf Performing“ verhalte sich zur Gebärdensprache ähnlich wie Gesang zur gesprochenen Sprache. Dolmetschen ziele vor allem auf Verständlichkeit. Beim Performen komme eine andere Ebene hinzu, mit Rhythmus, Timing, Dynamik und Gefühl, alles gleichzeitig zur Musik.

Anders als beim klassischen Dolmetschen geht es dabei nicht um zeitversetztes Übertragen. Klink lernt Texte auswendig, passt Bewegungen an Takt und Stimmung an und entwickelt daraus eine eigene Performance.

Für Außenstehende ist der Unterschied oft erst auf den zweiten Blick erkennbar. „Deaf Performing“ verlangt nach Ausdruck und Bühnenwirkung. Bei ruhigeren Songs entstehen weit ausholende, fließende Bewegungen. Bei schnelleren Stücken verdichten sich die Gesten, werden präziser, rhythmischer und oft körperbetonter. Mimik und Körperspannung transportieren Stimmungen wie Wut, Sehnsucht oder Euphorie.

„Deaf Performing“ beim Super-Bowl mit Bad Bunny

„Wenn ein Song schnell ist, rappe ich in Gebärdensprache“, sagt Klink. „Wenn etwas langgezogen ist, ziehe ich auch die Bewegungen länger.“ Entscheidend sei nicht nur, was gesagt werde, sondern wie. Früher hat Cindy Klink Songs auswendig gelernt, Takte gezählt und sich am Mundbild der Sänger oder am Publikum orientiert. Heute nutzt sie zusätzlich ein Cochlea-Implantat und kann sich bei Auftritten direkt mit dem Mischpult verbinden. Im Optimalfall werde die Performance so zum Automatismus.

Besonders sichtbar wurde „Deaf Performing“ bei der diesjährigen Halbzeitshow des Super Bowl, einem der meistgesehenen Musikereignisse weltweit. Zwar galt der Auftritt des puerto-ricanischen Popstars Bad Bunny vor allem als Signal für die Latino-Community in den USA. Doch zugleich markierte die Halbzeitshow einen Meilenstein für die Inklusion gehörloser Menschen. Erstmals wurde eine Show vollständig auch in puertoricanischer Gebärdensprache interpretiert.

Eigene künstlerische Präsenz für Gehörlose

Die puerto-ricanische Künstlerin Celimar Rivera Cosme interpretierte Bad Bunnys Musik in lokaler, Julian Ortiz in US-amerikanischer Gebärdensprache. Zugleich stand mit Rivera Cosme eine (teil-)gehörlose Person auf der Bühne. Das entspricht einer zentralen Forderung der Szene nach eigener künstlerischer Präsenz.

Je größer die Aufmerksamkeit für „Deaf Performing“, desto mehr wird eine grundsätzliche Frage diskutiert: Wer sollte Musik für gehörlose Menschen zugänglich machen? Bis heute stehen bei vielen Konzerten hörende Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher am Bühnenrand. Vertreterinnen und Vertreter der Deaf Community kritisieren, dass dabei ihre Perspektive oft fehlt.

Celimar Rivera Cosme gehört zu den Berühmtheiten im „Deaf Performing“. Sie interpretierte bei der Halbzeitshow des Super Bowl 2026 die Musik von Bad Bunny.

Auch Gebärdensprache wird populärer

Elisabeth Kaufmann vom Deutschen Gehörlosenbund erklärt in einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks, Interpretationen von tauben Performerinnen und Performern seien für viele besser nachvollziehbar als reine Übertragungen durch Hörende. Man könne sich stärker mit der Musik identifizieren. Der Deutsche Gehörlosenbund existiert seit fast 100 Jahren und vertritt die Interessen gehörloser Menschen bundesweit. Klink ist dort selbst im Präsidium aktiv.

Die Initiative „Deaf Performance Now“ hat diese Forderung öffentlich gemacht. Taube Künstlerinnen und Künstler sollten sichtbarer werden. Gehörlose Menschen hätten oft weniger Zugang zu kulturellen Angeboten und würden seltener als Künstler wahrgenommen. „Es fehlt oft das Bewusstsein, dass gehörlose Menschen genauso gut arbeiten können – oder sogar besser, aber nicht gesehen werden“, sagt Cindy Klink.

Gleichzeitig beobachtet sie, dass ihre Arbeit auch bei Hörenden etwas verändert: Nach ihren Online-Performances hätten viele begonnen, selbst Gebärdensprache zu lernen. „Das zeigt, dass sich da etwas bewegt“, sagt sie.

„Deaf Performing“ in Deutschland noch neu

International ist „Deaf Performing“ bereits häufiger Teil von Konzerten und Festivals. In Deutschland dagegen wirkt es noch ungewohnt. Vor allem im Vergleich zu internationalen Produktionen werde die Kunstform hierzulande seltener eingesetzt, meint Klink.

Gleichzeitig wächst jedoch die Sichtbarkeit, auch durch soziale Medien. Dort erreichen Performerinnen und Performer ein Publikum, das sich bislang oft nicht repräsentiert fühlte. „Es gibt viele Menschen, die solche Vorbilder brauchen“, so Klink. Bei Konzerten zeigt sich das unmittelbar: Gehörlose Zuschauer stehen oft vorne und machen die Gebärden mit – ähnlich, wie hörende Fans mitsingen.

„Deaf Performing“ ist jedoch noch keine Selbstverständlichkeit. Strukturelle Angebote sind selten, viele Projekte hängen vom Engagement Einzelner ab. Doch „Deaf Performing“ verändert den Blick darauf, wer an Kultur teilhat, auf der Bühne sichtbar wird – und wie inklusiv Kulturangebote künftig gedacht werden.

Source: tagesschau.de