Die New Yorkerin ist irritiert. „Unser amerikanisches Haus sieht ganz schön düster aus“, sagt sie einem Mitarbeiter des Weltwirtschaftsforums in Davos, der früher für das Büro des New Yorker Bürgermeisters gearbeitet hat. Beide treffen sich kurz vor Beginn des Forums auf einer Fahrt in der Bergbahn auf die Schatzalp hinauf. Und es ist das, was sie sagen, ohne es zu sagen, was das Unbehagen, das die 3000 offiziellen Davos-Besucher in diesem Jahr beschleicht, treffend auf den Punkt bringt. Es ist ein Elefant im Raum, und er heißt Donald Trump.
Am Mittwoch wird der Präsident der Vereinigten Staaten hier im Konferenzzentrum seine Rede halten. Ob man danach klarer sieht? Nach den Zolldrohungen gegenüber Staaten der Europäischen Union jedenfalls, dem Streit um Grönland und der Reaktionen darauf, gibt das amerikanische Haus die Stimmung wider, das haben die beiden New Yorker auf ihrer Zufallsbegegnung in der Gondel mit Blicken und wenigen Worten auf den Punkt gebracht: Auf der Promenade, der durch Davos führenden Haupteinkaufsstraße, ist ein Ladengeschäft mit schwarzer Folie abgedeckt, eine Kirche ebenfalls.
Darauf ist der Schriftzug „USA House Davos 2026“ zu lesen. Darunter verbirgt sich die Silhouette der Vereinigten Staaten, ein grimmig dreinblickender Seeadler, der eher bedrohlich als einladend wirkt. Hier will man nicht eintreten – außer man muss.
Von Biden lernen
Was für ein Wandel im Lauf der Zeit. Wer lange auf das Weltwirtschaftsforum nach Davos fährt, erinnert sich noch an Joe Biden. Vor neun Jahren hielt Biden hier seine letzte Rede als Vizepräsident, bevor Donald Trump, der nur noch Schimpf und Schande über ihn ausbreitet, das erste Mal Präsident wurde.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen lohnt es sich, sich zum Auftakt des Forums 2026 noch einmal in die derzeit untergegangene Welt des Jahres 2017 zu erinnern: Damals forderte Biden die Vereinigten Staaten und Europa dazu auf, das transatlantische Bündnis zu bekräftigen und weiterhin gemeinsam für die Verteidigung der liberalen internationalen Ordnung einzutreten, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Stabilität und Frieden in Europa gebracht habe.
„Die Geschichte hat gezeigt, dass die Verteidigung der freien Nationen in Europa immer auch Amerikas Kampf war“, sagte Biden damals. „Die Vereinigten Staaten sollten ihrer historischen Verantwortung als unverzichtbare Nation gerecht werden, aber wir waren nie in der Lage, allein zu führen. Nur wenn wir uns für die liberale internationale Ordnung einsetzen, können wir unsere Führungsposition behalten.“
„Keine Mauern errichten“
Biden merkte an: „Es wird einen neuen Präsidenten in den USA geben, aber die Herausforderungen und Entscheidungen, denen wir als internationale Gemeinschaft gegenüberstehen, hängen nicht ausschließlich von der Führung Washingtons ab. Ob wir die Bande, die uns verbinden, stärken oder ob sie sich auflösen, diese Entscheidungen werden von jeder einzelnen Nation getroffen werden.“
In Anbetracht der Tatsache, dass die jüngsten wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen in den USA und Europa nationalistischen und populistischen Kräften ermöglicht haben, die Sorgen der Bürger für sich zu nutzen, lehnte Biden die Politik der Angst ab. „Der Impuls, sich zurückzuziehen und Mauern zu errichten, ist genau die falsche Antwort“, argumentierte er. „Wir können und müssen Maßnahmen ergreifen, um die wirtschaftlichen Trends abzuschwächen, die in so vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften Unruhe schüren und das grundlegende Gefühl der Würde der Menschen untergraben.“
„Wir können Angst nicht durch Rückzug bekämpfen“
Die wirtschaftlichen Belastungen, die zu einer Aushöhlung der Mittelschicht führten, und die sozialen Verwerfungen, die durch den technologischen Wandel verursacht werden, müssen angegangen werden, sagte Biden den Teilnehmern. Ungelernte Arbeitnehmer verlören ihre Arbeitsplätze, während besser bezahlte Fachkräfte immer mehr verdienten. „Die Globalisierung ist kein uneingeschränktes Gut“, sagte der damalige Vizepräsident, „sie hat die Kluft zwischen denen, die an der Spitze vorpreschen, und denen, die in der Mitte feststecken oder nach unten fallen, vertieft“.
Beschwerden derjenigen, die sich zurückgelassen fühlen, seien berechtigt, sagte Biden. „Weiterbildung wird erforderlich sein, egal ob man Astrophysiker ist oder am Fließband arbeitet.“ Auch Steuerreformen seien notwendig, damit jeder seinen gerechten Anteil zahlt. „Das oberste eine Prozent trägt nicht seinen Teil bei“, bemerkte Biden. Sich aus der Welt zurückzuziehen, sei jedoch keine Lösung, betonte er. „Wir können Angst nicht durch Rückzug bekämpfen.“ Auch wenn die USA nicht immer der perfekte Verteidiger waren, „müssen wir dringend die liberale internationale Ordnung verteidigen – um sie aufrechtzuerhalten.“
Er sei nach Davos gekommen, um einen Abschiedsappell an Europa und die USA zu richten, sich zusammenzuschließen und den „Kampf für die Demokratie, wo immer sie bedroht ist“, zu erneuern. Er unterstrich die Bedeutung der europäischen Einheit und der Integrität der Europäischen Union, die seiner Meinung nach im Interesse Amerikas liegen. Biden betonte, dass das transatlantische Bündnis von größter Bedeutung sei und dass „das amerikanische Engagement für die NATO in Washington von beiden Parteien uneingeschränkt unterstützt wird“. Er bezeichnete die NATO als das „größte Bollwerk unserer transatlantischen Partnerschaft“.
Nun hat Biden, als er vier Jahre später dann doch noch selbst Präsident wurde, wohl zu wenig getan, um seinen eigenen Worten in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Aber zur Vorbereitung auf das, was in Davos in den nächsten Tagen zu hören sein wird, sind die Worte des damaligen Vizepräsidenten ein spannendes Echo – vielleicht nicht nur aus der Vergangenheit. Und der amerikanische Seeadler hat ja immer grimmig geschaut. Entscheidend war stets, was passierte, wenn man die Tür öffnete, ob in Davos oder im übertragenen Sinne.