„Das verändert die Sichtweise hinauf Alzheimer grundlegend“

Bislang unbekannte Zellen könnten künftig die Basis für innovative Therapien gegen Alzheimer bilden. Versagen diese speziellen Gehirnzellen, werden wesentliche Auslöser der Krankheit nicht abtransportiert.

Trotz der in den letzten Jahren erzielten medizinischen Fortschritte gibt es für die Alzheimer-Krankheit, an der in Deutschland rund 1,2 Millionen, in Frankreich mindestens 900.000 Menschen leiden – vor allem über 65-Jährige – noch immer kein wirksames Heilmittel. Zwar sind die tatsächlichen Ursachen für diese neurodegenerative Erkrankung nach wie vor kaum bekannt. Man weiß jedoch mittlerweile, dass der wichtigste Biomarker eine ungewöhnliche Ansammlung des sogenannten Tau-Proteins im Gehirn ist, die zu einer Degeneration der Neuronen und einem langsam fortschreitenden kognitiven Verfall führt.

Das Team um Vincent Prévot der Inserm (Französisches Institut für Gesundheit und medizinische Forschung) und vom CHU Universitätsklinikum in Lille hat vor kurzem die Schlüsselrolle entdeckt, die bislang unbekannte Zellen bei der Anhäufung dieses Tau-Proteins spielen. Ihre Arbeit, die in der Zeitschrift „Cell Press Blue“ veröffentlicht wurde, verdeutlicht die entscheidende Rolle dieser zuvor unbekannten Gehirnzellen, den sogenannten Tanyzyten, bei der Entstehung und dem Fortschreiten von Alzheimer. Die Entdeckung eröffnet neue Ansatzpunkte für künftige Therapien.

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Seit über zwanzig Jahren untersuchen Prévot, Forschungsleiter am Zentrum Lille „Neurosciences et Cognition“ (Neurowissenschaften und Kognition), und sein Team diese Zellen, die für den Austausch wichtiger Informationen zwischen Gehirn und Körper bekannt sind. So konnten sie bereits nachweisen, dass die Tanyzyten das Sättigungshormon Leptin erkennen und in Richtung Gehirn transportieren, und dass diesbezügliche Transportfehler zu Übergewicht und Diabetes führen können. Fettleibigkeit ist bereits als Risikofaktor für Alzheimer bekannt. „Wir haben also angenommen, dass so ein schlechter Transport auch zur Alterung des Gehirns und somit zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer führen könnte“, erklärt Prévot. Die sieben Jahre dauernde Studie verlief in mehreren Etappen.

Als erstes überprüfte das Team, ob die Tanyzyten tatsächlich am Transport des Tau-Proteins beteiligt sind. Zu diesem Zweck wurde fluoreszierendes Tau-Protein in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (CFS) von Mäusen injiziert und dann dessen Weg verfolgt. Anschließend konnte man beobachten, dass das Protein in der Flüssigkeit aufgefangen und dann zu den Kapillaren transportiert wurde: „Diese Tanyzyten bilden eine Brücke zwischen der Rückenmarkflüssigkeit und dem Blut“, erklärt der Forscher.

Als Nächstes gelang es den Wissenschaftlern, den Transport genetisch zu blockieren. Dadurch wurde Tau bei den Mäusen nicht mehr durch das CSF ins Blut transportiert. Parallel studierte das Team Maus-Modelle mit frühen Anzeichen der Krankheit und einem erhöhten Tau-Spiegel. Durch eine Blockade der Aktivität der Tanyzyten stellten sie ein beschleunigtes Fortschreiten der Krankheit fest, einschließlich der für Alzheimer demenztypischen Symptome.

„Verändert die Sichtweise auf die Krankheit grundlegend“

Nun musste noch ein entsprechender Zusammenhang beim Menschen nachgewiesen werden. Das Team verglich das Verhältnis von Tau-Proteinen im Blut und im Gehirn bei gesunden Probanden, um auf diese Weise ihre jeweilige Fähigkeit zur Beseitigung von Tau einschätzen zu können. „Wir haben festgestellt, dass diese Fähigkeit bei den erkrankten Personen geringer war, was auf eine Beeinträchtigung beim Tau-Transport ins Blut schließen lässt“, so die Zusammenfassung des Forschungsleiters.

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Anschließend untersuchten die Forscher das Gehirn von bereits verstorbenen Alzheimer-Patienten. „Bei einer näheren Betrachtung der Strukturen der Tanyzyten waren wir wirklich überrascht: Wir konnten erkennen, dass diese Brücken zerstört waren, vollkommen zusammengebrochen. Es existierte nicht mehr die geringste Kommunikation zwischen der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit und dem Blut. Man sieht, warum der Abtransport dieser toxischen Proteine nicht mehr richtig funktioniert.“ Diese Veränderung scheint ein spezifisches Problem der Alzheimer-Erkrankung zu sein, da es in den Gehirnen von Patienten mit anderen Demenzerkrankungen nicht festgestellt wurde.

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Die Identifizierung dieses Mechanismus „verändert die Sichtweise auf Alzheimer grundlegend“, meint Vincent Prévot. Dieser Meinung ist auch Philippe Amouyel, Direktor der Alzheimer-Stiftung und Professor für öffentliche Gesundheit am CHU, dem Universitätsklinikum in Lille: „Wir wussten zwar, dass die Eliminierung dieser anormalen Proteine (Tau) über einen Immunmechanismus erfolgte oder auch über das vor rund zehn Jahren entdeckte glymphatische System, das während des Schlafes aktiviert wird. Nun kommt noch ein dritter Weg hinzu, über die Tanyzyten. Das ist eine neue und interessante Hypothese“.

Vincent Prévot hofft, dass die Welt der Wissenschaft diese Entdeckung dazu nutzt, „um neue therapeutische Ansätze zu finden“. „Der Nachweis, dass es den Tanyzyten schlecht geht, birgt letztendlich die Hoffnung, dass man sie direkt anvisieren kann. Vor allem muss man verhindern, dass sie sich zersetzen, und zwar bevor dieser Prozess beginnt“, fügt er hinzu. Das Hauptziel ist ja die Früherkennung oder sogar Vorbeugung vor der Krankheit.

Der Forscher könnte sich vorstellen, dass man irgendwann in der Lage sein wird, „Biomarker zu entdecken, die für die Schädigung der Tanyzyten bei Risiko-Patienten zuständig sind, um deren Lebensgewohnheiten entsprechend anzupassen oder ihnen eine medikamentöse Behandlung“ zur Stärkung der Zellen vorzuschlagen. Der Weg dorthin ist allerdings noch sehr weit, warnt Amouyel. Zunächst müsse man „erkennen, welche Risikofaktoren auf die Tanyzyten einwirken, bevor man dann in der Lage ist, Mittel zu finden, die ihre Rolle bei der Beseitigung des Tau-Proteins stimulieren können“.

Dieser Artikel erschien zuerst im „Le Figaro“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Übersetzt aus dem Französischen von Bettina Schneider.

Source: welt.de

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