Niemand weiß genau, wie er dort hingekommen ist. Der älteste Baum Deutschlands steht an einem besonderen Ort. Wissenschaftler haben ihn eingehend untersucht und versuchen, seine Geheimnisse zu lüften.
Sie würden sicherlich eine ganze Menge erzählen, wenn sie denn reden könnten. Seit Jahrhunderten stehen Methusalembäume an Ort und Stelle, um sie herum gab es Kriege, Feste, Freude und Leid. Viele von ihnen stehen mitten in Dörfern, oft vor Kirchen oder Klöstern.
Doch der vermutlich älteste Baum Deutschlands steht fernab des Trubels: auf einer beweideten Alpwiese in 1100 Metern Höhe an der Nordseite der Hochgrat-Bergkette im Allgäu. So viele Meter sie hoch in den Bergen steht, so viele Jahre hat sie wohl auf dem Buckel.
Vorsichtig gerechnet sei die Ureibe bei Steibis etwa 1100 Jahre alt, sagt Andreas Roloff. Er ist Seniorprofessor für Baumbiologie an der Technischen Universität Dresden und engagiert sich in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, einer Vereinigung für Baumkunde. „Ihr Stamm ist ein traumhaftes Monument mit Spalten, Wülsten, Beulen, Rippen, Rissen und Löchern, bestehend aus mehreren sehr unterschiedlichen Anteilen“, referiert er über den Baum.
Die Eibe steht zwischen Steibis und Balderschwang im Oberallgäu, teilte die Deutsche Dendrologische Gesellschaft, ein Expertenbund für Gehölzkunde, mit. Ihr Platz auf einem Nordwesthang befindet sich demnach nah an der Höhenverbreitungsgrenze für Eiben. Diese verläuft in den Alpen bei etwa 1300 Metern. „Im Winterhalbjahr erhält sie dort kaum Sonne, und es ist deutlich kälter als auf Südhängen in dieser Höhenlage“, erklärte die Gesellschaft. „Deshalb ist es ein Wunder, dass sie dort all diese Jahrhunderte überlebt hat und es ihr offensichtlich gut geht – sie dürfte sich sogar über die derzeitige Erwärmung freuen.“
Niemand wisse, wie der Baum dort auf die Almwiese gekommen sei. „Er wurde sicher nicht gepflanzt, sondern der Same ist vermutlich von Vögeln dorthin gebracht worden“, schreibt Roloff. Eibenbäume hätten schon in der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren große Bedeutung für die Menschen in den Südtiroler Alpen gehabt. Der „Mann aus dem Eis“, Ötzi, wurde in der Region auf über 3000 Metern Höhe in einer Gletscherspalte gefunden und trug einen Eibenholzbogen zur Jagd mit sich.
Der Stammumfang der Ureibe betrage 5,10 Meter. Damit ist sie die dickste bekannte Eibe Deutschlands. Wegen des knorrigen Wuchses sei es schwierig, dieselbe Messebene mehrmals wiederzufinden. Eine genaue Altersherleitung aus mehreren nacheinander folgenden Messungen über längere Zeiträume sei deshalb nicht möglich.
Zuvor veranschlagte der lokale Fremdenverkehrsverein Oberstaufen in seiner Touristeninformation lediglich 600 bis 800 Jahre für das Alter des Baumes. Ein Bohrspan zeigte jedoch 54 Jahresringe sowie sechs Jahresringausfälle, insgesamt 60 Jahre, auf vier Zentimetern. Auf den Stammumfang hochgerechnet ergeben sich 1100 Jahre. Wegen des früher vermutlich besseren „Jugendwachstums“ seien sogar bis zu 1300 Jahre möglich. Damit würde diese Eibe dort in der Höhenlage „etwas tiefgekühlt“ und nur etwa halb so schnell wachsen wie andere Eiben im Tiefland.
Den neuen Erkenntnissen nach ist die Eibe der älteste derzeit bekannte Baum Deutschlands und löst die Dorflinde von Upstedt in Niedersachsen ab. Die Sommerlinde galt mit rund 1000 Jahren bislang als ältester Baum Deutschlands.
Nur knapp dahinter folgt die Erler Femeiche in Raesfeld im Westmünsterland mit geschätzten 900 Jahren. Diese Eiche ist in vielerlei Hinsicht besonders: Mit mehr als zwölf Metern Stammumfang ist sie wohl auch die dickste Eiche Deutschlands. Von 1363 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts wurden unter ihr Femegerichte abgehalten – sie ist damit der älteste bekannte Gerichtsbaum Europas.
Eine kaum kürzere Vergangenheit hat die Tassilolinde in der Nähe des Klosters Wessobrunn unweit des Ammersees. Sie übertrifft die Femeiche mit einem Stammumfang von über 14 Metern. An ihr Alter kommt sie fast heran: 800 Jahre dürften es sein.
Was Dorflinde, Femeiche und Tassilolinde der Eibe in den Alpen bislang voraus hatten? Ihren Status als Nationalerbe-Baum. Dabei handelt es sich um eine private Initiative zum Erhalt von Uraltbäumen in Deutschland. Mitbegründer ist Andreas Roloff, der jeden Baum höchstpersönlich prüft. Auch das Alter der Ureibe hat er wissenschaftlich bestimmt. Im Juni wird sie nun offiziell als Nationalerbe-Baum ausgerufen.
Wie kam er auf die Idee zu der Initiative? Der Baumbiologe vermisst Methusalembäume in Deutschland. Bei einem Blick nach Großbritannien ist ihm aufgefallen, dass es auf der Insel viel mehr alte Bäume gibt als in Deutschland. Da die klimatischen Bedingungen sehr ähnlich sind, fällt das Wetter als Begründung dafür weg. Für Roloff steht der Übeltäter fest: „Die Rechtsprechung in Deutschland ist überzogen.“ Er meint damit, dass die Verkehrssicherheit zu scharf ausgelegt wird.
Baumbesitzer entscheiden sich daher zu oft für radikale Rückschnitte, die für die alten Bäume massive Auswirkungen haben: Weniger Laub führt zu weniger Zuckerproduktion und damit zu weniger Energie. Gleichzeitig können Pilze ungehindert an den Schnittstellen in den Baum eindringen und ihn zusätzlich schwächen. Manche Bäume werden auch gleich gefällt, weil Gutachten und Pflege den Besitzern zu teuer sind.
Mindestens 66 Bäume in Deutschland wird dieses Schicksal nicht ereilen. Sie wurden inzwischen zu Nationalerbe-Bäumen ernannt, 54 von ihnen bereits offiziell ausgerufen und mit einer entsprechenden Plakette ausgezeichnet. Zehn bis 15 weitere sollen jährlich folgen.
Mögliche Uraltbäume sollten einen Stammumfang von mindestens vier Metern aufweisen. Außerdem kommen nur bestimmte Baumarten infrage, die in Deutschland 500 bis 1000 Jahre alt werden können. Dazu zählen bestimmte Eichen und Linden, Eiben und Ess-Kastanien.
Viele der Nationalerbe-Bäume sind auch offizielle Naturdenkmäler. Was die zusätzliche Ausrufung bringt, zeigen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Roloff erläutert, dass in den meisten Bundesländern die Pflege von Naturdenkmälern Aufgabe der Landkreise ist. Da viele Kreise die Kosten nicht mehr tragen können, streichen sie Bäume von ihren Listen. Das kann den Nationalerbe-Bäumen nicht passieren. Die Initiative kommt für sämtliche Pflegekosten der Uraltbäume auf.
Roloff hat jeden der Bäume selbst begutachtet. Auch in Zukunft soll das so weitergeführt werden. Neben dem Besuch neuer Kandidaten ist auch die regelmäßige Sichtung des Bestandes geplant.
Wenn alles gut läuft, können Roloff und seine Mitstreiter schon vor dem Jahr 2030 den 100. Nationalerbe-Baum ausrufen. Im Juli 2025 erreichte die Initiative ein wichtiges Etappenziel: den 50. Nationalerbe-Baum. Damit lag zwischen zwei Nationalerbe-Bäumen maximal eine Entfernung von 100 Kilometern. Nächstes Ziel: 50 Kilometer Abstand. Es müssen nur noch die richtigen Bäume gefunden werden.
Ob unter ihnen ein noch älterer Baum ist als die Eibe bei Steibis? Diese sei „schon jetzt eine Sensation für uns Baumbiologen“, so Roloff. Mit mehreren (fast) tausendjährigen Bäumen in Deutschland sei der Nachweis erbracht, „dass die auch bei uns so alt werden können, wenn wir es mal etwas gelassener sehen“.
mit KNA
Source: welt.de