Im Nahen Osten sind Christen vielerorts Ausgrenzung und Verfolgung ausgesetzt. Aber im muslimischen Ägypten fördert der Herrscher Abd al-Fattah as-Sisi den Bau von Kirchen. Dahinter steckt ein politisches Kalkül.
Bevor man die Kirche betritt, muss man stehenbleiben. Nicht zum Gebet oder zur Andacht – sondern, um zu warten. Metallgitter lenken die Besucher in schmale Bahnen, ein Soldat hebt kurz die Hand, ein Scanner piept, Taschen werden geöffnet. Erst dahinter beginnt der religiöse Raum.
Eine junge Frau tritt aus der Sonne in den Schatten des Eingangs. Mit einer routinierten Bewegung zieht sie ein schwarzes Tuch über ihr Haar, glatt bis zum Ansatz, als gehöre dieser Handgriff ebenso zum Ritual wie das Gebet selbst. Dann geht sie weiter, durch die Kontrolle, hinein in die Kirche.
Die Kuppel der Michael Angel Church ragt unübersehbar über Luxor – groß, hell, fast monumental inmitten der staubigen Stadt. Sie gehört zu den größten Kirchen Ägyptens, 9000 Gläubige finden in ihr Platz. Doch im Inneren zeigt sich an vielen Stellen noch ein anderes Bild: nackter Beton, lose Kabel, Schritte, die im weiten Raum nachhallen. Die Kirche ist geweiht, aber nicht fertig, ein Ort zwischen Vollendung und Baustelle. Und ein Symbol für das neue Verhältnis zwischen Staat und Christen in Ägypten.
Im Nahen Osten sind Christen seit vielen Jahren Verfolgung und Ausgrenzung ausgesetzt, besonders extrem etwa in Syrien oder dem Irak. Dort lebten bis zum Sturz von Saddam Hussein 2003 schätzungsweise zwei Millionen Christen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Die meisten sind seitdem geflohen.
Im Libanon – einst das einzige mehrheitlich christlich geprägte Land im Nahen Osten – hat sich die Demografie zugunsten der Muslime verschoben, Machtfragen bleiben ungelöst.
Es gibt Ausnahmen: Israel natürlich oder Jordanien, wo Christen als kleine Minderheit vergleichsweise sicher leben. Oder die Golfstaaten, in denen Millionen christliche Arbeitsmigranten geduldet und teils sogar in ihrer Religionsausübung unterstützt werden.
Ägypten ist anders. Hier stellen die Kopten, eine altorientalische christliche Gemeinschaft, nach Schätzungen rund zehn Prozent der Bevölkerung – etwa zwölf Millionen Menschen und damit die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten. Ihre Geschichte ist geprägt von Diskriminierung, aber auch von Verwurzelung.
Anders als in Syrien oder dem Irak kam es nie zu einer massenhaften Abwanderung. Armut, fehlende internationale Netzwerke, aber auch eine tiefe Bindung an das Land halten viele hier, trotz Phasen von Verfolgung. Die begannen vor allem unter Präsident Anwar as-Sadat, der von 1970 bis 1981 regierte. Er betonte immer wieder, er sei ein muslimischer Präsident eines muslimischen Landes.
Dazu kamen konservativ-islamische Strömungen, die ägyptische Gastarbeiter aus den Golfstaaten mitbrachten, sowie später das Erstarken des IS. Seit den 1990er-Jahren gab es immer häufiger Anschläge auf Kopten und Kirchen. Einen Höhepunkt erreichte die Gewalt nach dem Sturz von as-Sadats Amtsnachfolger Hosni Mubarak 2011.
Unter Präsident Mohamed Mursi, der als Muslimbruder nach dem Arabischen Frühling eine weitergehende Islamisierung ankündigte, wurden mehr als 100 Kopten getötet. Nach dem Militärputsch 2013 und dem Machtantritt von Abd al-Fattah as-Sisi hat sich die Lage geändert – auch weil Ägypten unter Sisi zu einem Überwachungsstaat wurde. Kirchen werden seitdem durch Sicherheitspersonal geschützt.
Sisi betonte zudem wiederholt die Einheit von Christen und Muslimen. Seine Regierung stellte Hassreden gegen religiöse Minderheiten unter Strafe, übernahm die Kontrolle über die Ausbildung von Imamen, führte Quoten im Parlament ein, erleichterte den Bau und die Legalisierung von Kirchen. Seit 2018 gab es kaum noch Anschläge auf Kopten.
Wer heute durch Ägypten reist, sieht ein neues christliches Selbstbewusstsein: Noch vor wenigen Jahren war der Bau neuer Kirchen mit erheblichen bürokratischen Hürden verbunden, oft de facto unmöglich. Heute hingegen wächst ihre Zahl sichtbar. So wie in Luxor entstehen in vielen Städten riesige neue Kirchen und Kathedralen.
Seit einem neuen Kirchengesetz im Jahr 2016 wurden nach offiziellen Angaben mehr als 2500 Kirchen und kirchliche Gebäude anerkannt oder legalisiert. Präsident Sisi präsentiert diese Entwicklung als Zeichen nationaler Einheit. „Der Bau von Kirchen ist ein Recht, kein Privileg“, erklärte er bei mehreren öffentlichen Auftritten.
Tatsächlich hat Sisi symbolische Schritte unternommen, die zuvor undenkbar waren: Er besucht regelmäßig die koptische Weihnachtsmesse, ließ mit der Kathedrale der Geburt Christi die größte Kirche des Nahen Ostens errichten und machte den Schutz von Kirchen zu einer staatlichen Priorität. Während der Weihnachtsmesse 2019 sagte er: „Wir bauen ein Ägypten für alle, ohne Unterschied.“ In einem autoritär regierten Land wie Ägypten prägt das den Ton.
Offizielle Vertreter oder religiöse Persönlichkeiten betonen heute stets die Verbundenheit von Muslimen und Christen. „Wir stehen alle gemeinsam in einer Reihe, wie ein einziger Körper: Brüder, die sich lieben und zusammenarbeiten“, sagt etwa Salah Al Din Zidan, der Dekan der Fakultät „Grundlagen der Religion“ in der ägyptischen Stadt Al Arish.
Der frühere Abgeordnete Mohamed Shousha sagt: „Kirchen sind unser zweites Zuhause, um unseren koptischen Brüdern unsere Verbundenheit zu zeigen. Wir sind ein Gewebe: ein Volk, eine Familie, immer.“ Und Generalmajor Khaled Majawar erklärt: „Weil dies das Land ist, auf dem Gott sich offenbart hat – das Land der Propheten.“
Doch trotz aller Worte und Gesten ist die Realität komplexer. Kritiker sehen in den Bekenntnissen weniger einen Ausdruck echter Gleichberechtigung als vielmehr ein Instrument staatlicher Kontrolle und internationaler Imagepflege.
„Die Regierung nutzt religiöse Toleranz gezielt, um Stabilität zu demonstrieren – nach innen wie nach außen“, schreibt die Nahostexpertin Michele Dunne vom Carnegie Endowment for International Peace in ihrer Analyse zur Lage der Christen. „Das bedeutet nicht automatisch, dass Diskriminierung im Alltag verschwindet.“
Tatsächlich ist die Einbindung der Kopten Teil einer größeren politischen Strategie. Nach den turbulenten Jahren der Muslimbruderschaft-Herrschaft setzt die Regierung auf Kontrolle, Ordnung und nationale Einheit. Religiöse Minderheiten spielen dabei eine doppelte Rolle: Sie sind Schutzobjekt – und zugleich Beleg für die zur Schau gestellte Toleranz des Systems.
Konflikte gibt es weiterhin. Human Rights Watch stellte 2022 fest: „Trotz Fortschritten beim Kirchenbau bestehen strukturelle Ungleichheiten fort, insbesondere beim Zugang zu staatlichen Positionen und beim Schutz vor lokaler Gewalt.“ Vor allem in ländlichen Regionen berichten Christen von Diskriminierungen oder rechtlichen Konflikten, die lokal oft zugunsten der muslimischen Mehrheit entschieden werden.
Koptische Vertreter im Ausland werden noch deutlicher. In einem Interview mit dem Blog „Botschafter Menschenrechte“ zeichnet der Bürgerrechtler Medhat Klada ein Bild anhaltender und teils zunehmender Repressionen: „Die Kopten haben vergeblich auf Verbesserungen gewartet.“ Dass viele Übergriffe kaum öffentlich werden, führt er auch auf Informationskontrolle zurück. „Die staatlich kontrollierten Medien berichten aber nicht darüber“, kritisiert Klada.
Auch in Luxor sind die Spannungen spürbar. Die Michael Angel Church ist hell erleuchtet, erfüllt von Gesängen und dem Duft von Weihrauch. Kinder laufen zwischen den Bankreihen, Priester sprechen leise Gebete. Gläubige zünden Kerzen an, ihre Gesichter sind im flackernden Licht kaum zu erkennen.
Doch draußen vor den schweren Toren stehen Soldaten mit automatischen Waffen. Sicherheit und Bedrohung liegen nah beieinander. Ein Gemeindemitglied, ein Mann mittleren Alters, formuliert es vorsichtig: „Der Staat hilft uns mehr als früher, sehen Sie die Soldaten draußen? Aber wir wissen auch, warum sie da sind. Weil wir noch immer nicht sicher sind.“
Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit über die Lage der Christen in Ägypten: Der Staat baut Kirchen – und stärkt damit auch seine eigene Stabilität. Doch ob daraus echte Gleichberechtigung erwächst, ist eine andere Frage. Eine, die sich nicht in Beton und Kuppeln messen lässt, sondern im Alltag der Menschen.
Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Network, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.
Source: welt.de