Carries Manolos in „Sex and the City“, Lady Dis „Revenge Dress“ und nun „Marie Antoinette“: Manolo Blahniks Schuhe sind längst Teil der Kulturgeschichte. Im Interview erzählt der 82-Jährige, warum er Trends ignoriert, welche Frauen ihn prägen – und wieso Arbeit für ihn alles ist.
In Staffel 4, Episode 13 von „Sex and the City“ stapeln sich in Carries Apartment die Kisten, es herrscht ein riesiges Durcheinander, weil Aidan plant, einzuziehen. Irgendwann ertönt ein schriller Schrei, Aidans Hund Piet nagt ausgerechnet an Carries Manolos. Da war der Name schon derart aufgeladen, dass aus dem ruinierten Schuh ein dramaturgischer Vorbote der Trennung wurde.
Die Serie hat den Schuhdesigner international berühmt gemacht, dabei hatte Manolo Blahnik es eigentlich schon geschafft, als Bianca Jagger auf einem weißen Schimmel ins Studio 54 ritt und seine Pumps trug. Heute sind Manolos eine Art Gütesiegel in der Mode, eines, das Qualität und Glamour vereint. Auch Lady Di wählte bei ihrem Auftritt im schwarzen Revenge Dress schwarze Manolos.
Blahnik, der auf Umwegen zu seiner Berufung fand, ist heute 82 Jahre alt, aber so richtig interessieren ihn diese Geschichten nicht. In einem Telefongespräch, das er von seiner neuen alten Heimat aus führt, den Kanarischen Inseln, wo er auch aufgewachsen ist und heute mit seinen zehn Hunden lebt, redet er viel lieber über Marie Antoinette. Er hat bestimmt alle Bücher gelesen, die es über die französische Königin gibt, sagt er. Bei einer neuen Ausstellung im V&A in London über sie ist er Sponsor und er hat außerdem eine Kollektion entworfen, die sich an den Schuhen orientiert, die er einst für den Film von Sofia Coppola beigesteuert hat.
WELT: Mr. Blahnik, es gibt dieses etwas ausgereizte Klischee, dass Frauen besessen von Schuhen seien. Warum wird dieser so wichtige Teil vom Outfit so oft ins Lächerliche gezogen?
Manolo Blahnik: Schuhe waren immer wichtig. Stellen Sie sich griechische Schauspielerinnen im Theater vor, große Tragödien. Die Leute schauten sofort auf die Füße. Man zieht High Heels an und der Körper verändert sich. Man bewegt sich anders, vielleicht attraktiver. Die beste Läuferin in High Heels ist Yasmeen Ghauri, ein Model, das in den Neunzigern auf Modenschauen gelaufen ist. Schauen Sie sich Videos an, wie sie bei Karl Lagerfeld über den Laufsteg geht. Ich habe keine einzige Karl-Show verpasst. Dieses Mädchen – sie und Shalom Harlow – waren die besten Läuferinnen überhaupt.
WELT: Heute kann niemand mehr in High Heels laufen, auf der Straße tragen alle flache Schuhe.
Blahnik: Ich folge nie Trends. Ich renne nicht modischem hinterher. Trends sind für einen Tag. Was bleibt, ist die Geschichte. Etwas, das von den Frauen, die die Kleider tragen, erzählt. Ein Kleid von 1919 kann heute noch frisch aussehen. Das ist es, was ich am Design liebe: die Ausdauer. Das gleiche gilt für Menschen. Ich schaue mir Bilder von Franca Sozzani an – so perfekt, zeitlos. Oder Anna Piaggi – sie machte Alltagskleidung zu Kunst. Ihre Bilder hängen immer noch an meiner Wand. Es geht nicht nur um Kleidung, sondern darum, was ihre Träger projizieren, wie sich bewegen, die Energie. Das ist Schöpfung. Franca trug meine Schuhe bis zum letzten Moment. Auch meine Mutter trug bis zuletzt High Heels – sie starb mit 98. Warum sollte man dasselbe kaufen wie alle? Ich mag es nicht, gleich zu sein.
WELT: Mir ist neulich ein Foto von Franca Sozzani begegnet, das sie mit ihrer Schwester zeigt. Es sah aus, als wäre es gerade erst aufgenommen.
Blahnik: Ja. Ich bewundere viele Menschen dieser Art. Ihr Einfluss vergeht nicht. In Mailand gibt es eine Frau, die ich verehre: Benedetta Barzini. Sie war Model, heute ist sie älter, in meinem Alter, achtundsiebzig, neunundsiebzig, so etwas. Mit weißem Haar, elegant – und sie strahlt immer noch Stil aus, sie ist absolut zeitlos. Vielleicht trägt sie manchmal Zara oder was auch immer, trotzdem strahlt sie Eleganz aus. Irgendwann hat sie Filme gemacht, was immer sie tat, war großartig.
WELT: Wie sehr hat Marie Antoinette Ihre Arbeit beeinflusst? Sie kehren immer wieder zu ihr zurück.
Blahnik: Ein Leben lang. Nicht die ganze Zeit — ich habe mich vielleicht alle zehn oder fünfzehn Jahre mit Marie Antoinette beschäftigt. Ich konnte als Kind nicht gut schlafen. Also hat meine Mutter mir die Biografie von Stefan Zweig über Marie Antoinette vorgelesen, da war ich gerade mal sieben. Meine Mutter war verrückt nach Marie Antoinette. Ich glaube, ich habe das geerbt.
WELT: Was fasziniert Sie an ihr?
Blahnik: Zweieinhalb Jahrhunderte später ist sie immer noch sehr einflussreich. Sie wurde sehr ungerecht behandelt, und es tauchen immer neue unglaubliche Facetten ihres Lebens auf: ihr Interesse an Musik und Kunst, wie sie aus Wien die Opernkultur nach Frankreich brachte, und wie sie Werkstätten und Schneider ehrte. Trotzdem blieb sie die „Österreicherin“, unbeliebt und verleumdet; lange wurde sie als fragil und frivol dargestellt. Antonia Frasers Biografie und neu gefundene Briefe haben dieses Bild verändert: da zeigt sich eine menschliche, starke Frau, die ihre Würde bewahrte, selbst in jenen Jahren, in denen der König sie acht oder sieben Jahre lang nicht berührte. Sofia Coppola hat das poetisch eingefangen – ihr Film ist nach zwanzig Jahren nicht gealtert und vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Schönheit, Lebenslust und zu früher Verletzlichkeit, die Marie Antoinette bis heute als Projektionsfläche funktionieren lässt.
WELT: Sofia Coppola hat Sie 2006 gebeten, für ihren Film über Marie Antoinette die Schuhe zu entwerfen, die Sie jetzt im Rahmen einer Ausstellung neu aufgelegt haben.
Blahnik: Ich hatte damals eine unglaubliche Freiheit. Sofia sagte mir: „Nicht zu akademisch denken, nicht zu historisch.“ Zwei oder drei Schuhe stechen hervor, der Rest ist ok.
WELT: Sie haben auch Ihre Zeichnungen zur Ausstellung beigesteuert.
Blahnik: Ja, obwohl ich nicht sehr begeistert war. Sie befanden sich in den digitalen Archiven. Normalerweise zeige ich sie nicht gern – es sind nur schnelle Skizzen, in zwei Sekunden gemacht, nichts Besonderes. Aber die Leute scheinen sie für etwas Besonderes zu halten.
WELT: Weil sie persönlich sind.
Blahnik: Vielleicht. Aber für mich sind es nur schnelle Skizzen.
WELT: Sie sind jetzt 82 Jahre alt und arbeiten immer noch.
Blahnik: Ich glaube an Arbeit. Wenn die Leute sagen, ich könnte in Rente gehen, sage ich nein. Wenn die Leute nicht mögen, was ich tue, höre ich auf. Aber bis jetzt ist das nicht der Fall.
Source: welt.de