Das große Geheimnis, dies was auch immer infrage stellt

Sollte man in einer Beziehung alles über den anderen wissen? Das Paar im Film „Das Drama“ hat vor der Hochzeit die Idee, sich gegenseitig das jeweils schlimmste Geheimnis zu beichten. Nicht zur Nachahmung empfohlen.

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Manchmal hat man ja solche Einfälle. Auf einer Party etwa, in einer Eckkneipe, oder eben bei der Weinverkostung für die eigene Hochzeit. Zum Beispiel, dass man sich gegenseitig das Schlimmste beichtet, was man je getan hat. Oft klingen solche Ideen aber nur im ersten Moment lustig, also bevor man mit der Umsetzung begonnen hat. Danach würde man die Zeit gerne wieder zurückdrehen.

Denn was einmal in Bewegung gesetzt wurde, lässt sich nur schlecht wieder stoppen. Der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Kristoffer Borgli, der bereits mit seiner schwarzen Komödie „Sick of Myself“ eine ähnlich geniale Ausgangssituation ins Zentrum rückte, zieht in seinem neuen Kinofilm „Das Drama – Noch einmal auf Anfang“ geschickt alle Register des Thrillers, Psychodramas und der schwarzen Komödie.

Ähnlich gewieft wie Celine Songs „Materialists“ kürzlich die amerikanische Rom-Com mit soziologisch-materiellen Vorzeichen versah, steckt Borgli sie jetzt bis hin zum klassischen „Meet-Cute“-Café-Moment ins Horror-Kostüm. Die 106-minütige Eskalationsspirale verdankt es nicht zuletzt dem bis in die Nebenfiguren perfekt besetzten Cast von Zendaya („Challengers“) über Robert Pattinson („Die My Love“) bis hin zu Alana Haim („Licorice Pizza“), dass sich Humor, Tiefe und Makabres stets die Waage halten.

Zunächst erzählen sich Bräutigam Charlie (Robert Pattinson) genauso wie das befreundete Trauzeugen-Paar Rachel (Alana Haim) und Mike (Mamoudou Athie) an diesem Abend kurz vor der Feier Dinge, die zwar schlimm sind, aber nach einigen schockierten Blicken aller Beteiligten und großzügigen Schlucken Wein höflich weggelächelt werden. Aber dann kommt Emma (Zendaya) an die Reihe. Und was sie über ihre Vergangenheit offenbart, ändert mit einem Schlag alles.

Rachel will plötzlich nicht mehr Trauzeugin sein. Charlie überlegt, ob er die Frau, mit der er seit zwei Jahren zusammen ist, wirklich kennt. Kann er sie jetzt, mit dem Wissen über das, was sie einmal getan hat, heiraten? Liebt er sie noch? Oder liebt er nur die Person, für die er sie bislang gehalten hat?

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Was Emma ihm da genau beichtet, soll natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: Ihre Tat ist klug gewählt – nicht zu unglaubwürdig-abseitig, aber auch nicht zu harmlos-alltäglich. Es ist genau die richtige Dosis an Verunsicherung, die es braucht, um ihr Umfeld und dadurch auch sie langsam, aber sicher auf die Katastrophe zusteuern zu lassen.

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Einen kleinen (jetzt folgenden) Spoiler braucht es dann doch, um zumindest zu erwähnen, dass der Inhalt des Geheimnisses in den USA bereits eine Kontroverse ausgelöst hat, wie der „Guardian“ berichtet. Denn Emmas Geheimnis ist ebenso schmerzhaft in die amerikanische Identität eingeschrieben wie die obligatorischen kalten Füße im Liebesfilm.

Immer wieder streicht Charlie Passagen aus seiner Hochzeitsrede: Kann er den Satz, dass Emma die netteste Person der Welt ist, jetzt wirklich so stehen lassen? Wie ihn eine Tasse mit einem blöden Spruch darauf plötzlich aus der Bahn wirft oder wie er frühere Gespräche mit Emma vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt und nun in ganz anderem Licht sieht, strotzt vor tragikomischer Raffinesse.

Wie geht man damit um?

Der Mix aus Rückblenden, imaginierten Szenen, abrupten Unterbrechungen, unzuverlässigen Erinnerungen, Zukunftsszenarien und Wunschvorstellungen verstärkt die radikale Beunruhigung, die Charlie mit dem Zuschauer teilt. Der Filmtitel in seiner Doppeldeutigkeit zwischen Ironie und Programmatik lässt bereits erahnen, dass man sich auf klassisch aristotelische Dramen-Elemente wie Peripetie, Anagnorisis, Hamartia und Katharsis freuen darf.

Gleichzeitig ist man stets geneigt zu fragen: Ist das wirklich alles so schlimm? Oder wird hier unnötig „Drama“ gemacht? Dass es dem zügig voranschreitenden Plot gelingt, jederzeit zwischen Übertreibung („Oh mein Gott, ich muss die Polizei rufen“) und Verharmlosung („Es ist doch gar nichts passiert“) zu changieren, ist eine große Stärke dieser amüsanten Versuchsanordnung.

Die Frage, ob man solch eine Tat verzeihen kann, drängt sich genauso auf wie die, ob man solch eine Tat überhaupt beichten muss. Wie relevant ist das, was wir uns in der Vergangenheit zu Schulden haben kommen lassen, für die Gegenwart oder die Zukunft? Ähnlich wie in Ruben Östlunds „Force Majeure (Höhere Gewalt)“, wo ein Vater im Affekt vor einer vermeintlichen Lawine flieht und dabei seine Frau und Kinder schutzlos zurücklässt, zieht das Geständnis in Borglis Gedankenexperiment eigentlich keine realen Konsequenzen für den Alltag nach sich. Streng genommen handelt es sich lediglich um eine neue, womöglich ganz und gar überflüssige Information.

Wie geht man also mit so einem Wissen um? Was bedeutet es überhaupt? Tut es gut, über alles zu sprechen, oder lässt man manche Dinge, auch wenn sie wahr sind, lieber ungesagt – wie etwa das Lob des Sex in der Hochzeitsrede vor versammelter Familie? Und wo verlaufen die Grenzen – hat nicht Charlie selbst das Kennenlernen der beiden mit einer Lüge eingefädelt, als er vorgab, Emmas Buch gelesen zu haben?

Nicht nur aufgrund der Diskussionen, die der Film auslösen wird, ist er Pflicht-Programm für alle frisch Verliebten. Vielleicht sollte er aber mit der Warnung versehen werden: „Nicht zur Nachahmung empfohlen.“

Der Film „Das Drama“ läuft ab dem 2. April im Kino.

Source: welt.de

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