„Parasiten“, Israel-Streit und eine Schere im Studio: In der ARD-Sendung „Die 100“ eskaliert die Debatte über US-Präsident Donald Trump. Laut wird es auch, als ein Mann die Ausgrenzung der AfD kritisiert.
Der jüngste Teilnehmer war 19, der älteste 80 Jahre alt. In der neuen Ausgabe der ARD-Sendung „Die 100 – Was Deutschland bewegt“ sollten 37 Frauen, 61 Männer und zwei diverse Personen darüber diskutieren, was das Land bewegt – und das war offenbar Donald Trump. „Wollen wir Trumps Amerika noch zum Freund haben – oder wenigstens zum Partner?“, wurde gefragt.
Egal ob Zölle, Meinungsfreiheit oder Migration – die Debatte schwankte zwischen moralischen Prinzipien und nüchterner Realpolitik. „Einen Typen, der die ganze Welt bescheißt, kann ich nicht vertrauen“, sagte beispielsweise der Berliner Eventmanager Raymond Ferretti. „Die Leute haben ihn gewählt, und wir müssen jetzt mit ihm auskommen“, konterte Kathrin Bornkessel aus Erfurt.
Dass Trump polarisiert und die Deutschen in ihrer Haltung zu den USA spaltet, war von Anfang der Sendung an spürbar. Gleich an mehreren Stellen wirkte die Show so, als könne Moderator Ingo Zamperoni nur mit Mühe die Kontrolle über die Debatte behalten. Doch genau das ist schließlich das Krawall-Konzept der Show. Und der US-Präsident bot dafür reichlich Projektionsfläche.
Palituch-Träger trifft auf Kfz-Mechaniker
Nach jeder Vorstellung der Pro- und Kontra-Argumente durch die Journalisten Anne Planken und Tobias Krell (bekannt auch als „Checker Tobi“ aus dem Kinder-TV) kam es zu heftigen Debatten – insbesondere, als es um den Nahost-Konflikt und die Angriffe auf den Iran ging. Kfz-Mechaniker Mejd Ibrahim verteidigte die harte Linie der USA im Iran: „Eine Regierung wie Iran, die haben fast eine Atombombe, die jederzeit irgendein Nachbarland zerstört. (…) Die wollten nicht verhandeln.“
Daraufhin widersprach der Leipziger Student Nikita Höcke, der gut sichtbar eine Kufiya als politisches Statement trug: „Wir haben eine Macht im Mittleren Osten, die massig Atomwaffen hat – und das ist nicht der Iran, das ist Israel.“ Das sei das Land, das nicht mit der IAEA zusammenarbeite.
Ibrahim konterte sofort: „Israel muss sich auch verteidigen. (…) Alle Länder, die um Israel herum sind, wollen dieses Land vernichten.“ Es kam zu Zwischenrufen, dass das gar nicht stimme. „Doch, doch“, sagte Ibrahim. „Ich war in der Schule, die haben uns beigebracht, wie man Israel hasst.“ Was zu dem Zeitpunkt nicht zu sehen war: Ibrahim ist offenbar CDU-Mitglied, ausgewiesen wurde dies nicht.
Schließlich schaltete sich die Lehrerin Kaouther Neemann ein und erklärte, dass die meisten arabischen Länder mit Israel Verträge abgeschlossen hätten. Der Iran sehe das jedoch anders. „Aber Israel terrorisiert Iran auch – so ist es nicht“, behauptete sie. Gemeint sei das allerdings rhetorisch, ergänzte sie. „Iran hat proklamiert, niemals eine Atombombe zu bauen. Das wird immer wieder unter den Teppich gekehrt.“
Feuerwehrmann bezeichnet Zuwanderer als „Parasiten“
Schon zuvor war die Debatte über Migration hochgekocht, nachdem das Pro-Argument vorgestellt worden war: Trump spreche „unbequeme Wahrheiten“ aus. Eingespielt wurde ein Zitat des US-Präsidenten, Europa zerstöre durch Zuwanderung selbst „sein kulturelles Erbe“.
Feuerwehrmann Otmar Krüger verteidigte im Studio diese Sicht, auch wenn er nicht einverstanden sei mit dem, wie die Einwanderungsbehörde ICE in den USA vorgehe. Aber man sei sich in Deutschland doch einig, dass Menschen mit „gelungener Integration“ willkommen seien. Aber diejenigen, die seiner Ansicht nach „unser System ausnutzen“, bezeichnete er als „Parasiten, die uns aussaugen“. Auf Nachfrage zu dem Wort „Parasit“ konkretisierte er, dass dies jemand sei, der „nicht arbeiten geht“ und „vom Arbeitsamt lebt“.
Daraufhin überschlugen sich die Wortmeldungen regelrecht, aus dem Publikum kam der Zwischenruf „rassistisch“, der Moderator griff ein. Studentin Eva Paravyan widersprach sofort und forderte eine Konkretisierung: „Ich möchte, dass Sie mir erklären, wie diese Parasiten aussehen.“ Auch andere Teilnehmer widersprachen. Jurastudentin Laura Hühmner sagte: „Man kann einen Menschen nicht als Parasit bezeichnen. Jeder hat eine Würde.“
Krüger versuchte, seine Position zu verteidigen, verwies auf Migration seit 2015 und argumentierte, ein Teil der Menschen nutze staatliche Leistungen aus. „Aber die Mehrheit, die 2015 gekommen ist, ist mittlerweile in Arbeit“, sagte Zamperoni und verwies auf einen „Faktencheck“ der Redaktion.
„Checker Tobi“ greift zur Schere
Immer wieder mussten sich die Teilnehmer während der Debatte neu positionieren auf der Skala, wie es für sie um die Freundschaft mit den USA stand. Einige rückten vor, andere rückten weiter weg – irgendwann griff „Checker Tobi“ dann zur Schere. Denn alle Teilnehmer trugen symbolisch Freundschaftsbändchen, die für die Verbindung mit den USA standen. „Ich schneide die mal ab“, sagte er und kappte ein Band nach dem anderen. Die Botschaft war klar: „Diese Freundschaft gibt es nicht mehr.“
Dass das transatlantische Verhältnis infrage gestellt wurde, lag unter anderem auch an dem Thema Meinungsfreiheit und der Frage, ob Trump die Demokratie zerstöre. Anne Planken etwa argumentierte, Trump kritisiere zu Recht Einschränkungen der freien Rede in Europa. Als Beispiel nannte sie, dass es für die Bezeichnung „Schwachkopf“ für Robert Habeck auf X eine Hausdurchsuchung gegeben habe. Andere Teilnehmer hielten dagegen, dass gerade unter Trump demokratische Prinzipien in den USA unter Druck gerieten: Unter anderem würden unliebsame Journalisten von Weißen Haus ausgeschlossen.
Eine der deutlichsten Gegenpositionen formuliert die 21-jährige Studentin Marietta Geismann, eines von drei in der Sendung ausgewiesenen SPD‑Mitgliedern. Für sie läuft die Debatte um Meinungsfreiheit in die falsche Richtung: „Wir haben hier Freiheit. (…) Das haben die Amerikaner nicht mehr.“ Besonders betroffen seien Menschen mit Migrationshintergrund, die in den USA zunehmend unter Druck gerieten: „Die können in Amerika nicht einfach auf die Straße gehen. Die werden niedergemacht.“
Auch Tobias „Checker Tobi“ Krell warnte, Trump greife Medien, Justiz und Wahlen an und sei dabei, „die US-amerikanische Demokratie kaputtzumachen“. Dem widersprach wiederum jedoch Diakon Jörg Vogt, der die Stabilität des Systems betonte: Die USA hätten schon viele Krisen überstanden, Trump sei nur „zweieinhalb Jahre da, dann ist er weg“. Zudem hätten die USA trotz Trump funktionierende demokratische Strukturen. Vogt drehte die Perspektive sogar um: Die Amerikaner hielten vielmehr „uns für undemokratisch“, weil hier eine Partei ausgegrenzt werde, „die nicht verboten ist und in den Parlamenten eine Mehrheit hat“ – gemeint war die AfD. Diese Einordnung stieß im Studio sofort auf Widerspruch, andere Teilnehmer bezeichneten die Aussage als „falsch“.
Am Ende blieb alles offen: Kaum Bewegung bei den Zahlen – aber die Fronten waren härter denn je. Aus 45 Prozent Trump-Gegnern und 39 Prozent Befürwortern ging kein klares Votum hervor, sondern nur ein noch tiefer gespaltenes Land.
kami
Source: welt.de