Cybersicherheit: Wie Europa digital souverän werden kann

Die Vorlage hat Uli Hoeneß gegeben. In der Münchner Allianz-Arena zeigte sich der Ehrenprä­sident des FC Bayern im Gespräch mit der Fernsehmoderatorin Dunja Hayali am Mittwoch zuversichtlich, dass Deutschland gute Chancen habe, aus dem gegenwärtigen Tal herauszukommen und wieder ein blühendes Land zu werden. Das setze den Willen voraus, mehr und nicht weniger zu arbeiten.

Die Zuversicht von Hoeneß spiegelte sich auch in der anschließenden Diskussion um die digitale Souveränität wider, in der sich die Teilnehmer, allen voran Claudia Plattner, die Präsidentin des Bundesamtes für Sicherheit in der In­formationstechnik (BSI), gegen eine Selbstverzwergung Deutschlands und Europas wandten. Die Logen der Allianz-Arena, der Heimstätte des Fußball-Rekordmeisters FC Bayern, waren Schauplatz einer Konferenz zur Cybersecurity, die federführend von dem Münchner Datentransferspezialisten FTAPI veranstaltet wurde.

„Im Fahrersitz bleiben“

Dessen Vorstandschef Ari Albertini definiert digitale Souveränität als Möglichkeit, den Verhandlungstisch gegebenenfalls verlassen zu können. Für BSI-Präsidentin Plattner steht der Begriff für die Optionsmöglichkeiten, also die Freiheit zu eigenen Entscheidungen. „Im Fahrersitz bleiben“, sagte Fabian Mehring (Freie Wähler), baye­rischer Staatsminister für Digitales. Er setzt digitale Souveränität nicht gleich mit Autarkie. Vielmehr müsse man die Freiheit haben, zwischen den Produkten aus Asien, Amerika oder Europa auswählen zu können.

In einer Umfrage zeigte sich mehr als die Hälfte des Publikums dazu bereit, Mehrkosten für die IT von 15 Prozent für eine digitale Souveränität Europas zu tragen. Wie verlässlich solche Umfragen sind, daran zweifelte Alexander Schellong, Mitglied der Geschäftsleitung bei Schwarz Digits, der Digitalsparte der Schwarz Gruppe (Lidl), und Geschäftsführer des Instituts für Cybersicherheit und Digitale Souveränität. Er verwies auf die hohen Zustimmungen in Kundenbefragungen, im Lebensmitteleinzelhandel künftig mehr Bioprodukte kaufen zu wollen. Das könne auf dem Einkaufszettel dann wieder anders aussehen, gab er zu bedenken.

Kontrolle zurückholen

Gleichzeitig wandte er sich gegen den Eindruck, dass digitale Sicherheits­lösungen aus Eu­ropa zwangsläufig teurer sein müssten. Dem schloss sich Marc-Julian Siewert an. Der Vorstandsvorsitzende des Sicherheitsspezialisten Secunet hält aber ein hohes Volumen für erfor­derlich, also eine ausreichend hohe Nachfrage nach europäischen An­ge­boten.

BSI-Präsidentin Plattner sprach sich dafür aus, die Abhängigkeit von ame­rikanischen Technologiekonzernen zu verringern, indem ein Teil der Kontrolle über die digitale Infrastruktur zurückgeholt werde. „Alles selber zu machen, wird nicht funktionieren. Wir müssen aber mehr selber machen“, sagte sie. Sie forderte, die lokalen, nationalen und europäischen Anbieter digitaler Technologien zu stärken, damit sie am Weltmarkt mithalten können. Ohne starke eigene Anbieter könne keine Unabhängigkeit erreicht werden. „Wir müssen relevant bleiben“, betonte die BSI-Präsidentin. Ihrer Ansicht nach müssen die Daten in Europa bleiben, ansonsten geht das Wissen verloren.

„Nicht schutzlos ausgeliefert“

Für Staatsminister Mehring muss sich Europa viel stärker auf die eigenen Stärken und Alleinstellungsmerkmale konzentrieren. „Es hilft nichts, einer Entwicklung hinterherzurennen, die ein anderer schon vor zwei Jahren umgesetzt hat“, sagte er. Mögliche Alleinstellungsmerkmale könnten seiner Ansicht nach die industriellen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sein. Darauf richtet sich zum Beispiel immer stärker der Technologiekonzern Siemens aus. Er und Plattner sprachen in diesem Zusammenhang von Gegenabhängigkeiten, also der Notwendigkeit, in Asien oder Amerika weiterhin europäisches Wissen einsetzen zu können.

Secunet-Chef Siewert bezeichnete die Lage in der Cybersicherheit als extrem. Es komme hier auf Geschwindigkeit und Kollaborationen an. Europa sei den Hackerangriffen aber nicht schutzlos ausgeliefert, betonte Plattner. Die Gefahren für die IT-Sicherheit hätten stark zu­genommen. „Man weiß gar nicht mehr, wo man hingucken soll.“ Dabei sieht sie hinter den Cyberangriffen zunehmend staatlich organisierte Spezialisten am Werk. Ziel seien keine Erpressungen mehr, sondern die Verunsicherung der Bevölkerung.

Als Beispiel verwies sie auf die jüngsten Überlastungsangriffe auf die Systeme der Deutschen Bahn. Damit solle in der Bevölkerung der Eindruck entstehen, dass die Infrastruktur nicht mehr geschützt werden könne. „Wir müssen uns komplett anders aufstellen, aber wir können etwas dagegen tun“, sagte die BSI-Präsidentin. Dazu arbeiteten die Behörden in der Cyber­abwehr immer enger zusammen. Es sei wichtig, sich untereinander zu warnen. Die Hersteller digitaler Produkte müssten sich um mögliche Schwachstellen kümmern und regelmäßige Updates für die Cyberresilienz anbieten.

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