Frankreich ist ein weithin deindustrialisiertes Land. Gerade einmal zehn Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen noch auf das verarbeitende Gewerbe, während es in Deutschland trotz aller Krisen immer noch fast doppelt so viel ist. Die Industrieunternehmen, die es in Frankreich gibt, sind in aller Regel aber sehr groß.
Ob die Energiekonzerne Totalenergies und Engie, Thales und Safran in der Luft- und Raumfahrt, Legrand und Schneider Electric in der Elektrotechnik, der Gaseproduzent Air Liquide und der Reifenhersteller Michelin oder die Bauriesen Vinci und Bouygues – viele dieser französischen Industriegiganten sind Weltmarktführer. Auch wenn sie ihre Produktion weitgehend ins Ausland verlagert haben, bleiben sie mit ihren Konzernzentralen der Heimat treu.
Auch die Compagnie de Saint-Gobain fällt in diese Kategorie. Als Baustoffhersteller ist sie in vielen Märkten der Welt die Nummer eins. Der Konzern mit seinen rund 163.000 Mitarbeitern produziert das ganze Sortiment von Keramik und Kunststoffen bis hin zu Schleifmitteln und Gipskartonplatten. Daneben ist er führender Hersteller von Hochleistungsmaterialien und Glas – und hat sich Saint-Gobain unter Benoît Bazin, der seit 2021 an der Spitze steht, insbesondere dem „leichten und nachhaltigen Bauen“ verschrieben.
„Nachhaltiges Bauen“ bleibe auch in der Ära Trump zeitgemäß
Wirtschaftlich steht der Konzern gesund da. Der Umsatz sank im vergangenen Jahr nur minimal um 0,2 Prozent auf rund 46,5 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) blieb mit 7,2 Milliarden Euro ebenso konstant wie die Ebitda-Marge mit 15,5 Prozent. Die für den Zeitraum 2021 bis 2025 angestrebten Finanzziele wurden vollständig erreicht.
Die am Donnerstagabend veröffentlichten Zahlen mögen gleichwohl überraschen, schließlich verzeichnete Saint-Gobain in Nordamerika einige Rücksetzer. Lange Zeit Wachstumsmotor, lag der Umsatz hier vergangenes Jahr 4,2 Prozent niedriger als 2024. Im Schlussquartal betrug das Minus gar 8,2 Prozent. Hauptgrund war die abgeschwächte Bau- und Renovierungstätigkeit in den USA. Auch die geopolitischen Spannungen lasteten auf dem Geschäft.
An der Börse endete die Rekordjagd von Saint-Gobain schon im März, auch wenn die Marktkapitalisierung mit rund 42 Milliarden Euro stattlich bleibt und in einer Analystenumfrage des Finanzdiensts Bloomberg weiterhin knapp 70 Prozent der Befragten zum Kauf der Aktie raten. Doch US-Schwäche hin oder her – dass „nachhaltiges Bauen“ in der Ära von Trump nicht mehr zeitgemäß sein könnte, dementierte der Saint-Gobain-Chef ausdrücklich.
Beständig und ohne viel Aufhebens
„Nachhaltiges Bauen bedeutet bessere Gebäude“, sagte Bazin im Gespräch mit Journalisten. Der Trend werde sich deshalb fortsetzen. Dabei gehe es nicht nur um Energieeinsparungen, sondern auch um den Schutz gegen die Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen – weshalb sich in den USA unzureichend geschützte Häuser teilweise nicht mehr versichern ließen.
„Grundsätzlich sind nachhaltige Gebäude widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel“, so Bazin. Und auch mit Blick auf den Immobilienwert zahlten sich Langlebigkeit und Energieeffizienz aus. In Europa gebe es einen „Green Value“ von 30 bis 35 Prozent bei Immobilientransaktionen, erklärte der Saint-Gobain-Chef. Käufer seien also bereit, einen Aufpreis für Gebäude mit guter Energieeffizienz zu zahlen. In den USA sei das nicht viel anders.
Saint-Gobain gilt in der schnelllebigen Pariser Wirtschaftswelt als langweiliges Unternehmen, bei dem sich nicht viel tut. Der Bekanntheitsgrad in der breiten Masse ist überschaubar, weil der Konzern tatsächlich beständig und ohne viel Aufhebens wirtschaftet, und das schon seit Jahrhunderten. Traditionelles Geschäft ist die Glasherstellung.
Die wachsende Weltbevölkerung erhöht die Bautätigkeit
1665 als Spiegelmanufaktur von Sonnenkönig Ludwig XIV. gegründet, hat sich Saint-Gobain von seinen Wurzeln nie verabschiedet. Nur sind die Produkte komplexer geworden. Heute führen die Franzosen etwa Brandschutzverglasung der Widerstandsklasse F 90 im Sortiment, das anderthalb Stunden Feuer standhält, oder Verbund-Sicherheitsglas für Windschutzscheiben, das beim Bruch nicht in unzählige scharfkantige Einzelteile zerfällt.
Auch Hersteller von Unterhaltungselektronik und Bauherren auf aller Welt beliefert Saint-Gobain mit Glas. Die Baustoffe des Konzerns sind gefragt und dürften es bleiben: weil die wachsende Weltbevölkerung vor allem in Städten die Bautätigkeit erhöht, etwa in Indien, Mexiko und Ägypten, aber eben auch, weil durch den Klimawandel andere Bauweisen und die energetische Sanierung hoch im Kurs stehen.
Für dieses Jahr stellte die Geschäftsführung eine Ebitda-Marge von weiterhin mehr als 15 Prozent in Aussicht – und unterstrich, dass das erste Halbjahr von den extremen Wetterbedingungen in Europa und Nordamerika seit Jahresbeginn beeinflusst werde. Im rezessionsgeplagten Deutschland sieht Saint-Gobain Anzeichen der Besserung, nachdem das Geschäftsvolumen hier seit 2019 um 15 bis 20 Prozent geschrumpft war.