Die Commerzbank lehnt die angekündigte Offerte der Unicredit ab. Die italienische Großbank hatte am Montag bekannt gegeben, ein öffentliches Übernahmeangebot vorzulegen. „Die Commerzbank nimmt diese Mitteilung zur Kenntnis“, hieß es als Reaktion. Das angekündigte Übernahmeangebot sei nicht mit der Commerzbank abgestimmt. Darüber hinaus beinhalte die Kommunikation der Unicredit keine weiteren Informationen bezüglich der Eckpfeiler einer wertstiftenden Transaktion. Das sei die notwendige Grundlage für etwaige Gespräche.
„Unsere oberste Priorität ist es, nachhaltigen Wert für unsere Aktionäre und alle Stakeholder der Commerzbank zu schaffen“, sagte die Commerzbank-Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp. „Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt. Das in der Bekanntmachung erwartete Umtauschverhältnis enthält faktisch keine Prämie für unsere Aktionäre.“
„Sache des Vorstands“
Die Bundesregierung reagiert ebenfalls skeptisch auf die Pläne der italienischen Großbank. Noch gebe es lediglich Ankündigungen, aber kein förmliches Angebot dafür, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums in Berlin. Sollte es dazu kommen, sei es Sache des Vorstands und des Aufsichtsrats der Commerzbank, dieses Angebot zu prüfen und eine Empfehlung an die Aktionäre auszusprechen.
Zugleich machte der Sprecher aber klar, der Bund lehne eine „feindliche Übernahme“ der Commerzbank weiterhin ab. „Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank. Eine feindliche Übernahme wäre insbesondere mit Blick darauf, dass die Commerzbank eine systemrelevante Bank ist, nicht akzeptabel“, sagte er. Damit erneuerte er die Aussagen, die Bundesminister Lars Klingbeil vor einigen Wochen im Interview mit der F.A.Z. gemacht hatte. „Was wir von Unicredit gegenüber der Commerzbank erlebt haben, war unfreundlich“, hatte Klingbeil gesagt. „Es geht um die Art und Weise.“
Der deutsche Staat ist noch immer mit gut 12 Prozent an der Commerzbank beteiligt. Im Zuge de Finanzkrise war die Bank vor über 15 Jahren gestützt worden, um einen Kollaps der Bank zu verhindern. Inzwischen gilt die Bank als saniert. Im Herbst 2024 war unter dem damaligen Finanzminister Christian Lindner der Verkauf der Commerzbank gestartet wurden. Dabei hatte die Unicredit zugegriffen. Nach vielen Ungereimtheiten rund um das Prozedere hatte es keine weiteren Aktienverkäufe des Bundes mehr gegeben.
Schnitzer: Grenzüberschreitende Konsolidierungen ernsthaft prüfen
Weitere Aktionäre im Kreise der Anteilseigner sind Fonds, von Blackrock über Vanguard und Amundi bis Union Investment. Die meisten kommentieren die Engagements in Einzeltitel nicht. „Nachdem das Übernahmeangebot auf dem Tisch liegt, würde ich davon ausgehen, dass das Commerzbank Management mit Herrn Orcel und der Unicredit in einen konstruktiven Dialog tritt. Was dann dabei rauskommt, werden wir sehen.“, sagte Fondsmanagerin Alexandra Annecke von Union Investment.
Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrats Wirtschaft, stellt sich bei der möglichen Commerzbank-Übernahme durch die italienischen Unicredit gegen die Position der Bundesregierung. „Es spricht ökonomisch viel dafür, grenzüberschreitende Konsolidierungen ernsthaft zu prüfen, statt sie reflexhaft politisch abzuwehren“, sagte Schnitzer der F.A.Z. Der europäische Finanzmarkt sei nach wie vor zu wenig integriert, und gerade deutsche Banken seien weniger produktiv und damit weniger wettbewerbsfähig als manche ihrer internationalen Konkurrenten.
Prämie von vier Prozent
Unicredit hatte am Montag ein Angebot vorgelegt, das eine Prämie von 4 Prozent auf den Commerzbank-Kurs vom vergangenen Freitag vorsieht. Nach eigenen Angaben will die Unicredit in diesem ersten Schritt nicht die Kontrolle über die Commerzbank übernehmen. Ihre Offerte entspricht 30,8 Euro je Commerzbank-Aktie basierend auf dem Preis vom vergangenen Freitag und ist eine reine Umtauschofferte ohne Barkomponente. Der Aktienkurs stieg am Montag auf dieses Niveau. Allen Commerzbank-Aktionären sollen je Anteilsschein 0,485 Unicredit-Aktien angeboten werden.
Nach eigenen Angaben will italienische Bank sich damit zunächst nur der lästigen Anforderungen infolge der 30 Prozent-Hürde des deutschen Aktienrechts entledigen. Würde Unicredit unter dieser Grenze bleiben wollen, um ein Übernahmeangebot zu vermeiden, müsste sie bei Aktienrückkäufen der Commerzbank einen Teil ihrer Beteiligung immer wieder verkaufen. Dieses permanente Anpassen entfällt, wenn Unicredit ein Übernahmeangebot vorlegt.
Die Offerte, die sich an alle Commerzbank-Aktionäre richtet, verschafft Unicredit somit mehr Flexibilität, um am offenen Markt nach Belieben Aktien zuzukaufen und damit den Einfluss auszuweiten. Zudem kann sich der Unicredit-Chef im weiteren Verlauf ein höheres Übernahmeangebot für die Commerzbank vorstellen, wie er in einem Rundruf mit Finanzmarkt-Analysten unterstrich. Zuvor will die italienische Bank aber intensive Gespräche mit dem Commerzbank-Management führen. Bisher wurde Unicredit in Frankfurt nur wie andere institutionelle Aktionäre auch behandelt.
Vorbild aus Griechenland
Doch Unicredit-Chef Andrea Orcel will mehr: Als Vorbild nannte er die Kooperation mit der griechischen Alpha-Bank, an der Unicredit die Anteile schrittweise auf rund 30 Prozent erhöht hat. Von einer losen Geschäftsbeziehung hat sich das Verhältnis mit den Griechen zu einer breit angelegten strategischen Partnerschaft mit gemeinsamer Produktplattform wie Asset Management, Versicherungen und Zahlungsverkehr sowie einer gemeinsamen Präsenz in Südosteuropa entwickelt.
„Wir glauben, dass mehr Werte durch die Commerzbank geschaffen werden können”, sagte Orcel am Montag „Wir glauben an Deutschland, wir glauben an den Mittelstand“. Auch in Polen seien die Geschäftschancen sehr groß, wo die Commerzbank und Unicredit vertreten sind. Europa brauche mehr denn je größere Banken. „Eine Kombination würde nicht nur viel Wert für die Aktionäre schaffen, sondern auch für Deutschland, für Europa, für die Kunden und für die Beschäftigten beider Banken“, betonte der Unicredit-Chef.
Nach eigenen Angaben erwartet Orcel gar nicht die Zustimmung von 100 Prozent der Commerzbank-Aktionäre. Er nannte die Möglichkeit, die Anteile vielleicht nur auf 34 Prozent zu erhöhen. Dennoch will Unicredit eine Kapitalerhöhung vornehmen, um das Umtauschangebot zu realisieren. Im Mai soll dafür eine außerordentliche Hauptversammlung stattfinden. Wenn alle Genehmigungen vorliegen, solle das Übernahmeangebot „voraussichtlich“ in der ersten Hälfte des Jahres 2027 abgeschlossen sein, berichtet die italienische Bank.
„Sollte Unicredit – wie erwartet – keine Kontrolle über die Commerzbank erlangen, wäre die Auswirkung auf das Kapital geringfügig“, hieß es bei Unicredit. Sie strebt vorerst weiterhin die Zustimmung der Aktionäre zu einem früher bekannt gegebenen Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 4,75 Milliarden Euro auf einer Hauptversammlung am 31. März an. Die Dividendenpolitik der Unicredit bleibe unverändert. Unicredit hält derzeit eine direkte Beteiligung von rund 26 Prozent an der Commerzbank sowie eine zusätzliche Beteiligung über Derivate von rund 4 Prozent.
Für die Finanzminister der sechs größten EU-Staaten (E6) hat eine Konsolidierung des Bankensektors erkennbar keine Priorität. In einem Arbeitspapier, das ins Abschlusskommuniqué des EU-Gipfels an diesem Donnerstag einfließen soll, dringen die Minister zwar auf „prioritäre Maßnahmen“ zur Weiterentwicklung der Spar- und Investitionsunion. Diese beziehen sich aber vor allem auf die Vertiefung der Kapitalmärkte und einen Bürokratieabbau.