Commerzbank-Chefin im Interview: „Ein kleinster Teil Druck von draußen ist weder noch schlecht“

Frau Orlopp, die Commerzbank befindet sich seit Herbst 2024 in einer Übernahmeschlacht mit Unicredit. Hat die Auseinandersetzung nicht auch ihr Gutes, weil sie Ihnen hilft, unbequeme Entscheidungen leichter durchzusetzen?

Den Druck von außen hätte es dafür nicht gebraucht. Das hätten wir auch so gut hinbekommen, so selbstbewusst sind wir. Ich bin sehr stolz auf das, was wir hier in kürzester Zeit erreicht haben. Würde ich mir manchmal trotzdem mehr Geschwindigkeit wünschen? Selbstverständlich, wir müssen das Tempo hoch halten. Dafür wiederum ist ein bisschen Druck von außen gar nicht schlecht.

Das klingt fast so, als könnten Sie einem Zusammenschluss mit Uni­credit nun doch etwas abgewinnen.

Wir haben immer gesagt, dass wir verschiedene Optionen ergebnisoffen prüfen, das sind wir unseren Kunden, Aktionären und Mitarbeitern schuldig. Aber wenn wir jetzt eine Integration mit Unicredit angehen würden, müsste man ziemlich schnell Synergien heben, also Bereiche zusammenführen. Solche Kostensynergien, etwa durch den Zusammenschluss von IT-Systemen, lassen sich nicht ohne Weiteres realisieren. Denn das würde erhebliche Kapazitäten binden, was leicht vergessen wird. Darum konzentrieren mein Vorstandsteam und ich uns lieber auf das, was wir selbst in der Hand haben: also auf eine Strategie, die die Profitabilität der Bank steigert. Ich finde, das machen wir sehr erfolgreich: 2025 war unser bestes Jahr in der Geschichte der Bank, wenn man auf unser operatives Ergebnis schaut. Unsere Eigenkapitalrendite ist so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr und soll bis 2028 auf mindestens 15 Prozent ansteigen. Das alles zeigt, dass wir allein gut vorankommen.

Vielleicht ginge es ja im Verbund mit Unicredit noch besser?

Größe allein ist kein Wert. Eines unserer Kerngeschäfte ist die Finanzierung des deutschen Mittelstands, für den lokale Expertise, Servicequalität und Kundennähe wichtiger sind als Größe. Zudem gibt es erhebliche Überlappungen zwischen unseren Firmenkunden und denen der Hypovereinsbank, der deutschen Tochtergesellschaft der Unicredit. Die unmittelbare Folge eines Zusammenschlusses wäre, dass sich eine größere Zahl von Firmenkunden eine neue Bank suchen würde. Weil es ein Klumpenrisiko darstellt, wenn man zu viel Geschäft über eine einzelne Bank abwickelt.

Unicredit sagt, die Überlappungen seien nicht so groß.

Auf Basis von unabhängigen Marktanalysen sieht das etwas anders aus: Gerade in Deutschland, wenn man sich die relevanten Unternehmen anschaut, wären mehr als 70 Prozent davon betroffen, die entweder schon sowohl Commerzbank als auch Unicredit als Banken haben oder nach einer Übernahme auch die jeweils andere Bank dazubekämen. Es kann ja nicht sein, dass unsere Kunden am Ende wegen solcher Überschneidungen zu Großbanken außerhalb der EU wechseln müssen. Das wäre gewiss nicht im Sinne eines wettbewerbsfähigen Deutschlands und Europas. Wir beobachten ohnehin, dass Banken außerhalb der EU versuchen, verstärkt hier Fuß zu fassen.

Man könnte auch anders argumentieren: Wenn aus Commerzbank und Unicredit eine europäische Großbank entsteht, wäre das ein echtes Gegengewicht zur US-Konkurrenz.

Allgemeinplätze zu paneuropäischen Banken nehmen uns nicht aus der Verantwortung, jede Transaktion auf Sinnhaftigkeit und Wertschaffung für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre zu bewerten. Und sinnvoll wäre eine Kombination nur dann, wenn sich die beiden Institute gut ergänzen würden. Selbstverständlich würden wir uns jede Idee anschauen, wie das gut funktionieren könnte. Nur ist Unicredit bislang einen konkreten Vorschlag schuldig geblieben, wie man sich das genau vorstellt.

Unicredit-Chef Andrea Orcel sagte kürzlich, der Zusammenschluss werde „auf die richtige Weise“ passieren. Wie interpretieren Sie das?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssten Sie schon in Italien nachfragen.

Unicredit hält fast 30 Prozent der Commerzbank-Anteile. Von diesem Sonntag an besteht für die Bank die rechtliche Möglichkeit, die Übernahme durch eigene Aktien zu finanzieren. Wie sehr besorgt Sie das?

Auch diese Frage zielt ja eigentlich in Richtung Mailand. Ich kann nur sagen, dass die jüngsten Äußerungen aus Italien nicht unbedingt darauf hindeuten, dass kurzfristig etwas passiert.

Wieso sprechen Sie nicht offen mit Andrea Orcel über die Situation? Damit wäre allen Beteiligten geholfen.

Wir führen mit Unicredit regelmäßig Investorengespräche, genau wie mit allen anderen Aktionären auch. Manchmal ist Herr Orcel dabei, manchmal nicht. Ein informeller Austausch in offener Atmosphäre ist früh im Prozess möglich. Da sind wir aber nicht mehr. Wir müssen Unicredit so behandeln wie jeden anderen Investor auch. Es darf keine Vorzugsbehandlung geben. Und man darf nicht vergessen, dass die Unicredit nicht nur einer unserer Anteilseigner ist, sondern auch ein Wettbewerber.

Sie wären demzufolge auch dagegen, dass Unicredit auf der nächsten Hauptversammlung der Commerzbank im Mai einen Sitz im Aufsichtsrat Ihrer Bank erhält?

Darüber habe nicht ich zu entscheiden, sondern die Hauptversammlung. Ich weiß nur, dass aktuell kein Sitz im Aufsichtsrat zur Neuwahl ansteht. Die rechtlichen Komplikationen blieben dieselben: Es müsste sichergestellt werden, dass keinerlei vertrauliche Information in Richtung Unicredit geht, was in der Praxis schwierig sein dürfte.

Ihr Vorgänger Manfred Knof scheint weniger Berührungsängste zu haben: Neulich kam heraus, dass Orcel ihn kurz nach Beginn der Auseinandersetzung in seinem Privathaus aufgesucht habe – „unabgestimmt“, wie Knof sagt.

Es hat mich überrascht und verwundert, das Monate später aus den Medien zu erfahren. Wer die Regeln in deutschen Vorständen kennt, weiß, dass dies ein mindestens unübliches Vorgehen war. Der Rest liegt nicht bei mir, sondern beim Aufsichtsrat. Er muss über die Konsequenzen entscheiden.

Der Unicredit-Chef scheint auch an anderer Stelle große Lust an der Provokation zu haben. Im F.A.S.-Interview im Sommer 2025 hat er beispielsweise gesagt, es sei noch zu früh, um festzustellen, ob Sie einen guten Job machen. Ärgert Sie das?

Jeder hat seinen eigenen Stil, ich lasse lieber die Zahlen für sich sprechen. Und wenn ich mir die so anschaue, kann ich sehr gelassen bleiben – ganz egal, was Herr Orcel sagt.

Müssten Sie nicht härter dagegen­halten?

Nein, das mache ich nur, wenn ich das Gefühl habe, dass man unseren Aktienkurs bewusst schlechtreden will. So eine Situation gab es einmal im vergangenen Jahr. Ansonsten machen wir weiter unsere Arbeit.

Können Sie mit der Aktienkursentwicklung denn zufrieden sein? Seit Jahresanfang ist der Kurs im Minus.

Schauen Sie einmal, wo wir herkommen. Seit Herbst 2024 hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Natürlich hätte ich es am liebsten, wenn er kontinuierlich immer weiter steigen würde. Aber so ist der Markt eben nicht. Kurzfristige Kursrücksetzer sind angesichts der Schwankungen an der Börse normal. Das ändert nichts am mittelfristigen Trend, und der zeigt nach oben. Das bestätigen uns auch die Analysten.

Sie versuchen, Ihre Aktionäre durch eine höhere Dividende und Aktienrückkäufe zu beglücken. Ist das nicht ein bisschen einfallslos?

Das sehe ich anders. Genauso wie unsere Mitarbeiter ein ordentliches Gehalt erwarten dürfen und unsere Kunden eine ordentliche Betreuung, haben unsere Investoren das Recht auf eine ordentliche Rendite. Das geht einerseits über Aktienrückkäufe und andererseits über die Dividende. Ein Dividendentitel zu sein, also regelmäßig Geld auszuschütten, ist ein Wert an sich. Das waren wir sehr lange nicht: Jetzt bieten wir wieder eine wettbewerbsfähige Dividendenrendite.

Man kann dem Kontrahenten die Übernahme auch durch unattraktive Zukäufe erschweren – im Investmentbanking nennt man das „Giftpille“. Entpuppt sich der Kauf des Vermögensverwalters Aquila Capital im Nachhinein als eine solche Giftpille?

Nein. Ich halte grundsätzlich nichts von Giftpillen, es ist nicht im Sinne der Aktionäre, die Bank vorsätzlich zu schwächen. Der Erwerb von Aquila Capital war ein strategischer Schritt im Rahmen unserer Wachstumsstrategie im Asset-Management. Wir haben die Übernahme übrigens im ersten Halbjahr 2024 abgeschlossen, also bevor Unicredit in die Commerzbank investiert hat. Auch wenn zwei bestehende Fonds, die sich ausschließlich an institutionelle Investoren richten, schließen mussten, bin ich unverändert davon überzeugt, mit Aquila Capital auf weitere Expertise im Bereich der erneuerbaren Energien zu setzen. Investments in erneuerbare Energien sind die Zukunft. Wir befinden uns aktuell nur an einer ungünstigen Stelle im Zyklus.

Gilt das auch für die Wirtschaft ­insgesamt?

Nein, ich bin da optimistischer. Natürlich sehen wir bei kleinen und mittleren Unternehmen mit Fokus auf Deutschland eine gewisse Vorsicht. Die warten auf eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen, bevor sie Investitionen angehen. Ich finde aber, dass schon mehr passiert ist, als bei aller berechtigten Kritik so wahrgenommen wird.

Was zum Beispiel?

Die besseren Abschreibungsregeln für Unternehmen sind nur ein Beispiel. Auch bei der Energiepolitik kommt man voran, und in der Rentenpolitik erwarte ich Ähnliches. Natürlich reicht vieles noch nicht, aber es gibt eben nicht die eine Wunderpille, die man nimmt, und schon ist alles wieder gut. Veränderung ist harte Arbeit, wir sollten sie jedoch unbedingt positiv angehen.

Schauen Sie auch positiv auf den ­Umgang mit der Künstlichen Intelligenz (KI)?

Ja, das sehe ich als eine große Chance für unsere Bank an, weil das Bankgeschäft datengetrieben und komplex ist. Für uns ist KI schon jetzt ein sehr sinnvolles Hilfsmittel. Unsere Mitarbeiter im Beratungscenter können sich zum Beispiel über unsere internen KI-Tools im Beratungsgespräch direkt unterstützen lassen. Das funktioniert heute schon sehr gut.

Müssen die Mitarbeiter sich sorgen, durch KI ersetzt zu werden?

Die Aufgaben werden sich sicher verändern. Aber ohne den Menschen funktioniert KI in unserem Geschäft bislang kaum. Wer soll zum Beispiel die Haftung für eine Kreditentscheidung übernehmen? Eine Künstliche Intelligenz kann das jedenfalls nicht.

Frau Orlopp, Sie sind seit Oktober 2024 Commerzbank-Chefin, vorher waren Sie lange im Vorstand. Was ist für Sie der größte Unterschied ?

Als Chefin können Sie eine Diskussion sehr stark in Ihre Richtung lenken, wenn Sie sehr früh eine Einschätzung zu einem bestimmten Thema äußern. Das versuche ich zu vermeiden, um alle Blickwinkel mitzubekommen. In meiner heutigen Position ist auch die Sichtbarkeit noch einmal eine andere: Jede Geste, jeder Gesichtsausdruck von mir wird beobachtet und gedeutet.

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