interview
Die Schauspielerin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, er habe Fake-Profile mit pornografischen Inhalten über sie erstellt. In den tagesthemen fordert sie, Opfer von digitaler Gewalt besser zu schützen.
tagesthemen: Sie sind mit den Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gegangen, was wollen Sie damit bezwecken?
Collien Fernandes: Ich äußere mich nicht erst jetzt zu diesem Sachverhalt, sondern bereits seit Jahren. Und dass ich mittlerweile weiß, wer der Täter ist, soll daran nichts ändern. Mir ist einfach wichtig, darauf hinzuweisen, welche gesetzlichen Schutzlücken es gibt. Ich habe selbst Erfahrungen damit gemacht, dass wenn man das Thema zur Anzeige bringt, diese Anzeige nicht weiter verfolgt wird, das ganze Thema relativ schnell fallen gelassen wird. Also ich habe selbst Erfahrungen mit dem Justizversagen gemacht.
Ich habe mich ausgiebig mit den gesetzlichen Schutzlücken beschäftigt. Und jetzt, wo ich weiß, wer dahinter steckt, hat sich meine Haltung zu dem Thema nicht verändert, dass sich dringend etwas ändern muss.
Worum geht es im Fall von Collien Fernandes?
Der Spiegel hat über Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen berichtet. Der Moderator und Schauspieler soll jahrelang im Internet Fake-Profile seiner Frau erstellt und Deepfake-Pornos verbreitet haben.
Ende 2025 erstattete Fernandes Anzeige in Spanien, wo das Paar zuletzt gelebt hatte. Die Vorwürfe umfassen demnach unter anderem Identitätsmissbrauch, Beleidigung, Bedrohung und körperliche Gewalt innerhalb der Beziehung. Der Spiegel zitiert Fernandes mit den Worten: „Mir wurde über Jahre mein Körper geklaut“.
Das zuständige Gericht hat dem Spiegel-Bericht zufolge Vorermittlungen eingeleitet. Ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt werde, sei noch offen. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt sagte auf Nachfrage des WDR, dass die Spiegel-Berichterstattung aus mehreren Gründen rechtswidrig sei.
tagesthemen: Ist es neben der juristischen nicht auch eine gesellschaftliche Angelegenheit? Es ist ja kein Promi-Problem.
Fernandes: Es wurde vor nicht allzu langer Zeit diese Dunkelfeld-Studie veröffentlicht – und die zeigt relativ deutlich, wo das Problem liegt. Also ungefähr fünf Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt werden zur Anzeige gebracht. Bei digitaler Gewalt sind es 2,4 Prozent. Und alle Juristen und Juristinnen, mit denen ich gesprochen habe, berichten mir davon, dass die Anzeigen fallen gelassen werden, dass den Opfern nicht geholfen wird. Und ich habe das Gefühl, dass wir hier etwas im System haben, das nicht funktioniert. Und darauf möchte ich gerne hinweisen. Da muss sich ganz dringend etwas ändern. Denn warum sollte man etwas zur Anzeige bringen, wenn am Ende nichts dabei rumkommt?
tagesthemen: Nun haben Sie in Spanien geklagt. War das ein bewusster Schritt?
Fernandes: Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, in Spanien zu klagen, weil in Spanien die Rechte von Frauen deutlich besser sind als in Deutschland. Das betrifft nicht nur die digitale Gewalt, sondern auch die häusliche Gewalt. Spanien wird immer als recht progressiv bezeichnet, wenn es um diese Thematik geht. Und in diesem Fall war es so, dass wir mit der Kenntnis des Täters auch erfahren haben, dass der Tatort Spanien war. Der Täter lebt mit seinem Hauptwohnsitz in Spanien. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, diesen Sachverhalt in Spanien anzuzeigen.
Und dass die aktuelle Debatte mit dem Täter sich ausschließlich darum dreht, ob Deutschland oder Spanien zuständig ist – das verhandeln gerade die spanischen Anwälte – das zeigt ja, dass Deutschland ein absolutes Täterparadies ist. Wenn der Täter ein sehr umfangreiches Schreiben vorlegt, in dem es nur darum geht, dass Deutschland zuständig sein soll, zeigt das ein großes Versagen, eine große Schutzlücke in der Justiz.
tagesthemen: Nachdem der Fall gestern bekannt geworden war, haben sich sehr viele Leute solidarisiert. Wie haben Sie das wahrgenommen? Haben Sie damit gerechnet?
Fernandes: Ich glaube, viele hätten das nicht erwartet. Und ich habe von sehr vielen Frauen auch ihre persönliche Geschichte erfahren. Und das zeigt auch, dass dieses Problem viel weiter verbreitet ist, als man meint. Deswegen ist es so wichtig, dass wir jetzt endlich ganz viel Licht in dieses große Dunkelfeld bringen.
tagesthemen: Was macht die Öffentlichkeit der Anklage gerade mit Ihnen?
Fernandes: Grundsätzlich hilft es, damit nicht mehr alleine zu sein. Ich glaube, dass es gerade bei Tätern, die kein Unrechtsbewusstsein haben, total wichtig ist, dass die Gesellschaft als Korrektiv funktioniert und dem Täter den Spiegel vorhält. Und ich glaube, es ist auch total wichtig zu zeigen, was das mit den Opfern macht. Ich habe das Gefühl, dass es jahrelang nicht ernst genommen wurde. Ich finde es wichtig aufzuzeigen, dass digitale Gewalt reale Gewalt ist. Ich war lange in psychotherapeutischer Behandlung. Ich musste das extrem aufarbeiten.
Ich glaube, vielen Menschen ist nicht bewusst, was das mit den Opfern macht und was für traumatische Auswirkungen das haben kann, wie intensiv man sich in psychotherapeutische Behandlung begeben muss, um diese Traumata aufzuarbeiten. Und ich glaube, dass es auch wichtig ist, dass die Gesellschaft hier als Korrektiv funktioniert, gerade dann, wenn Täter überhaupt kein Unrechtsbewusstsein haben.
tagesthemen: Nun haben Sie schon die Lücken in der Justiz angesprochen, aber was sollte sich in der Gesellschaft verändern? Warum gehen Sie gerade jetzt an die Öffentlichkeit – in einer Massivität, die auch Sie selbst bedroht?
Fernandes: Gesetze werden ja da gemacht, wo etwas nicht von alleine funktioniert. Wo man das Gefühl hat, dass man etwas korrigieren muss. Und ich glaube, das muss man in diesem Fall ganz massiv tun. Denn die häusliche Gewalt hat nun mal an sich, dass sie zu Hause stattfindet und da bleibt sie von Mauern geschützt, wenn man nicht darüber spricht. Und wir müssen darüber sprechen, damit sich etwas verändert, damit überhaupt das Ausmaß bekannt wird. Denn auch statistisch können die Fälle nur erfasst werden, wenn sie bekannt sind. Und dafür ist es total wichtig, dass man als Frau, und ich hoffe, ich kann da auch anderen Mut machen, diese Mauer des Schweigens bricht.
tagesthemen: Wobei Deepfakes ja über häusliche Gewalt hinausgehen.
Fernandes: Es war in diesem Fall ja so, dass zum einen noch das andere kam. Und wir haben es in dem Ausmaß auch nur deshalb in der Klage erwähnt, weil all das Gewalt ist. Weil eben auch die digitale Gewalt eine Form von Gewalt ist. Und natürlich macht das was mit einem, wenn man eine solch massive Form der Gewalt erfährt. Und ich glaube, es braucht das gesellschaftliche Bewusstsein dafür, was hinter verschlossenen Türen stattfindet. Und ich wünsche mir, dass Frauen den Mut finden, aufzustehen, auch wenn man das Gefühl hat, dass man einen David-gegen-Goliath-Kampf kämpft. Dass man trotzdem irgendwie den Mut fasst, darüber zu sprechen und sich nicht mundtot machen lässt.
Das Interview führte Andreas Hilmer für die tagesthemen. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung redigiert.
Source: tagesschau.de