„Coexistence, My Ass!“-Regisseurin Amber Fares zusätzlich Humor denn Waffe im Nahostkonflikt

Amber Fares’ Dokumentarfilm „Coexistence, My Ass!“ berührt den Nerv der Zeit: Das Porträt einer israelischen Stand-up-Komikerin, die Netanjahu kritisiert und Israels Politik gegenüber den Palästinensern zum Thema ihrer Comedy macht, inspiriert zur offenen Aussprache, wo Redeverbote und Tabus dominieren. Im Zoom-Gespräch erzählt Regisseurin Amber Fares, wie sie die Werbebranche verließ, um Filmemacherin zu werden, und wie es zu ihrer Doku über Noam Shuster Eliassi kam.

der Freitag: Amber Fares, wo erreiche ich Sie gerade?

Amber Fares: In Montreal. Ich habe jahrelang in New York gelebt. Aber ich bin Kanadierin und bin gerade zurück nach Kanada gezogen.

Wie haben Sie Noam Shuster-Eliassi, den Star Ihres Films, kennengelernt?

Ich kenne sie schon lange. Ich habe in Ramallah gelebt, wo ich meinen ersten Film Speed Sisters gedreht habe. Dort habe ich sie einfach zufällig kennengelernt und wir freundeten uns an. Damals arbeitete sie noch für die UN. Als sie dann später ein Stipendium bekam und nach Harvard ging, kamen wir wieder in Kontakt. Ich lebte damals in New York, sie erzählte mir von der Comedy-Show Coexistence, My Ass!, die sie damals entwickelte. Ich dachte, das wäre doch eine interessante Perspektive, um von Israel-Palästina zu erzählen.

Noam wuchs im israelischen Ort Newe Schalom/Wahat al-Salām auf, wo jüdische und arabische Familien zusammen wohnen. Als „Friedensort“ wurde er zum Aushängeschild einer „friedlichen Koexistenz“ von Israelis und Palästinensern, was Noam in ihren Auftritten auch immer wieder ironisch aufs Korn nimmt.

Zunächst wollte ich nur einen Kurzfilm über Noam machen, wie sie in den USA Comedian wurde und an Universitäten auftrat, in Zeiten des Wahlkampfs. Dann kam Covid und der Film entwickelte sich auf ungeahnte Weise weiter.

Stimmt es, dass Sie selbst erst durch die Anschläge vom 11. September 2001 auf den Gedanken kamen, Filmemacherin zu werden?

Ich würde nicht sagen, dass der 11. September allein ausschlaggebend war. Ich habe Wirtschaft studiert und arbeitete im Marketing, in der Werbebranche in Vancouver. Ich hatte immer schon Spaß am Fotografieren und am Storytelling, aber wusste nicht so recht, wohin das führen könnte.

Würden Sie sagen, dass Humor schon damals ein Teil Ihrer Arbeit in der Werbebranche war?

Ja, wir hatten Spaß! Generell spielte Humor immer schon eine wichtige Rolle in meiner Art und Weise, Geschichten zu erzählen. Aber durch den 11. September wurde mir erst klar, wie abwesend wir Araber normalerweise in den Medien sind. Ich wurde in Kanada geboren, meine Eltern auch. Aber meine libanesische Seite hatte bis dahin nur eine Rolle gespielt, wenn Freunde zu Besuch kamen und wir libanesisches Essen gemacht haben.

Dann erwachte mein Interesse, auch mal in den Nahen Osten zu reisen. Erstmal war ich im Libanon und habe dort mit palästinensischen Geflüchteten gearbeitet. Dann ging ich nach Palästina. Dort wollte ich eigentlich nur sechs Monate bleiben, daraus wurden sieben Jahre. Und ich lernte dann jenes Team aus palästinensischen Rennfahrerinnen kennen, über die ich meinen ersten Dokumentarfilm Speed Sisters gemacht habe.

Ihre Großeltern stammen aus dem Libanon?

Ja. Ich bin 100 Prozent Kanadierin und 100 Prozent Libanesin.

Für mich hat es sich nicht sicher angefühlt, zur Berlinale zu kommen

Weil in Berlin gerade die Internationalen Filmfestspiele stattfinden – haben Sie „Coexistence, my Ass!“ dort eingereicht?

Nein, ich habe mich im letzten Jahr bewusst dagegen entschieden. Ehrlich gesagt, als arabische Filmemacherin hat es sich damals nicht sicher angefühlt, nach Berlin zu kommen.

Beziehen Sie sich auf die Kontroverse um den Film „No Other Land“?

Ja, als er vor zwei Jahren auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, hat die deutsche Kulturministerin später erklärt, ihr Applaus hätte nur dem israelischen Filmemacher gegolten und nicht seinem palästinensischen Kollegen – obwohl es in dem Film der beiden um Palästinenser ging. Das und die Art und Weise, wie in Deutschland gegen pro-palästinensische Demonstrationen vorgegangen wird, hat mir nicht das Gefühl gegeben, dass die Berlinale für mich und diesen Film ein sicherer Ort sein könnte. Mehr noch, für mich wäre es geradezu lächerlich gewesen, ein Festival zu unterstützen, auf dem sich ein Mitglied der Regierung so äußert.

Seit letztem Jahr gibt es in Berlin ein alternatives Festival, die Palinale. Sie wird von einem Kollektiv parallel zur Berlinale veranstaltet und will „den Dialog über die Befreiung Palästinas und globalen Widerstand gegen Unterdrückung anregen.“ Ihr Film hätte dort sicherlich auch gezeigt werden können, wenn er nun nicht ohnehin deutschlandweit in den Kinos laufen würde.

Ja, aber glücklicherweise hatten wir uns dann für unsere europäische Premiere auf dem Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki entschieden. Dort wurde der Film mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, was dazu führte, dass er auf der Shortlist für die Oscars landete. Das war also die richtige Entscheidung.

Wie hat das Publikum bisher auf den Film reagiert?

Unser Publikum hat eine große Bandbreite, trotzdem würde ich nicht sagen, dass der Film polarisiert. Stattdessen habe ich immer wieder erlebt, dass er Menschen zum Nachdenken bringt. Nach einer Vorführung auf dem San Francisco Jewish Film Festival gab es eine Party. Irgendwann kam eine Mutter zu mir, die den Film zusammen mit ihrer Tochter gesehen hatte. Die beiden waren politisch nicht einer Meinung, aber die Mutter sagte mir: „Wir konnten uns gerade zum ersten Mal gemeinsam hinsetzen und über den 7. Oktober sprechen.“

Ich würde nicht behaupten, dass der Film die Leute dazu bringt, ihre politische Haltung zu ändern. Aber er, besonders Noams Art die Dinge beim Namen zu nennen, ermöglicht es den Menschen, anders als bisher über das nachzudenken, was in den letzten Jahren geschehen ist. Im Großen und Ganzen sind die Reaktionen also geradezu überwältigend positiv, auch wenn wir den Film in Israel zeigen. Aber natürlich sind manche Zuschauer nicht einverstanden damit, dass wir im Film das Wort Genozid benutzen. Manche sagen auch, dass wir zu wenig von dem Leid israelischer Opfer zeigen.

Darüber musste ich auch nachdenken. In Ihrem Film zeigen Sie z. B. TV-Aufnahmen von Opfern im zerstörten Gazastreifen. Als es um den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 geht, erscheinen auf der schwarzen Leinwand lediglich Nachrichten in weißer Schrift. Bilder gibt es nur von einer Video-Botschaft israelischer Geiseln.

Uns war klar, dass sich diese Bilder ohnehin schon in den Köpfen der Menschen eingebrannthaben werden, wenn unser Film in die Kinos kommt. Das wäre nichts Neues gewesen. Also haben wir eine andere Herangehensweise gewählt. Wir zeigen, wie diese Nachrichten und Bilder Noam persönlich getroffen haben. Und ich bin mir sicher, dass die schwarze Leinwand, auf der diese Worte erscheinen, einen viel stärkeren emotionalen Effekt hat, als es Bilder gehabt hätten. Wir wollten uns in dem Moment bewusst auf Noams Reaktionen konzentrieren, weil sich in ihr beide Seiten, die israelische und die palästinensische, widerspiegeln.

Humor ist ein großer Bestandteil der jüdischen und auch der palästinensischen Kultur

Diese beiden Seiten bilden auch den Kern von Noams Auftritten als Stand-up-Comedian. In einer Szene des Films gibt eine Kollegin Noam den Rat: „Das Publikum will, dass du ehrlich bist und ihnen auf lustige Art deine Wahrheit erzählst.“ Folgen Sie als Filmemacherin einem ähnlichen Prinzip?

Humor ist ein großer Bestandteil der jüdischen und auch der palästinensischen Kultur. Humor ist für sie wie eine Medizin, die ihnen hilft, mit dem Zustand der Welt umzugehen. Ich betrachte das menschliche Dasein in allen Schattierungen. Witz und Leichtigkeit haben ihren Platz auch in Filmen, in denen es um ernste, wichtige Themen geht. Das gilt z. B. auch für meinen Film Speed Sisters, der auch ziemlich lustig ist. Was Noam angeht: Uns war es wichtig, nicht nur von ihrer Comedy-Show zu erzählen. Wir wollten zeigen, dass sie auch privat ein sehr witziger, humorvoller Mensch ist.

Eine der Geschichten, die Noam aus ihrer Kindheit erzählt, handelt vom Grillen. Ein jüdischer Feiertag fiel auf den 15. Mai. Ihre Eltern wollten aber aus Respekt vor den palästinensischen Nachbarn nicht im Garten grillen, weil an diesem Tag der Nakba gedacht wird, der Flucht und Vertreibung hunderttausender Palästinenser im Jahr 1948 nach der Staatsgründung Israels. Die kleine Noam war traurig – bis sie bemerkte, dass ihre Nachbarn selbst den Grill angeworfen hatten und sie dort etwas vom Fleisch abbekam. Das erinnert an die aktuelle deutsche Komödie namens „Extrawurst“, die bereits eineinhalb Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt hat. Dort kommt es in einem Tennisclub zum Streit über die Frage, ob man für ein muslimisches Vereinsmitglied einen zweiten Grill ohne Schweinefleisch besorgen soll. Der Film geht in Sachen Ehrlichkeit und Witz überraschend weit, bis am Ende ein medizinischer Notfall die zerstrittenen Parteien wieder zusammenbringt und alle gemeinsam zu türkischer Musik aus dem Radio tanzen. Klingt das für Sie wie die Lösung eines Konflikts oder nach einem kitschigen Klischee?

Wie letzteres, auf jeden Fall. Diese Art von Ende scheint nicht darauf einzugehen, was dem Rassismus wirklich zugrunde liegt, den es in der deutschen Gesellschaft gibt. Ein „friedlichesZusammenleben“ – das sind natürlich schöne Worte. Aber sie bedeuten nichts, wenn man sich nicht tatsächlich mit den systemischen Problemen befasst, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Wenn es um Israel-Palästina geht: Es gibt eine Besatzung, es gibt einen Genozid, und wenn man das nicht anerkennt, kann man nicht einfach grillen und tanzen. Dann ist auch die „friedliche Co-Existenz“ nur ein leeres Wort. Davon handelt ja unser Film, dass die Koexistenz, so wie sie bis jetzt umgesetzt wurde, nicht funktioniert.

Die Show von Bad Bunny war ein politischer Akt

Eine letzte Frage: In Ihrem Film erklärt Noam den ehemaligen Comedian und jetzigen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu ihrem Vorbild. Durch ihn habe sie verstanden, dass sie mit Comedy viel mehr erreichen kann, als mit politischer Arbeit. Ist es vorstellbar, dass sich Noams Kunst und Popularität doch eines Tages als Sprungbrett zu politischer Macht entpuppen wird?

Ich weiß nicht, ob ich ihr das wünschen soll. Außerdem hat sie gerade ein Baby bekommen und darauf wird sie sich wohl vorläufig konzentrieren. Ich bin mir aber sicher, dass sie auf die Bühne zurückkehren wird. Und das ist das, was wir gerade brauchen: Menschen, die uns bei wirklicher kultureller Veränderung helfen. So können auch Regierungen dazu gezwungen werden, sich in eine andere Richtung zu bewegen. Was wir zum Beispiel gerade beim Super Bowl gesehen haben, die Show von Bad Bunny, das war ein politischer Akt und zugleich das Feiern von Kultur. Was er dort für den amerikanischen Kontinent getan hat, das kann auch Noam für Israelis und Palästinenser erreichen. Mit Comedy.

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