Gustave Courbet malt eine Welle. Danach malt er noch eine Welle. Insgesamt malt Courbet acht davon. Claude Monet findet, es seien noch nicht genug. Seiner Frau schreibt er, die Wellen ganz anders als Courbet, sein Trauzeuge, malen zu wollen. Das gelingt ihm. Courbets Wellen waren stets wie dunkle Mauern. Monets Wellen waren manchmal wie hellblaue Wollknäuel. Während beide malen, entstehen die ersten Fotografien. Jedoch nicht von Wellen, für die war die damals nötige Belichtungszeit zu lang. Wellen waren also nur als gemalte oder gezeichnete Bilder zu haben. Ans Meer nach Étretat fuhr Monet freilich gar nicht der Wellen halber, sondern wegen der Kreidefelsenformation. Die malt er dort unter waghalsigem bergsteigerischem Einsatz dutzendfach. Sein Pariser Kunsthändler konnte gar nicht genug von diesen Bildern bekommen, denn normannische Felsen und Bilder vom Meer wurden damals sehr verlangt.
Also malt Monet, der acht Kinder zu versorgen hat, eine Felsenszene nach der anderen. Hellgrün, dunkelgrün, türkis, aus allen möglichen Blickwinkeln, frühmorgens und im Mittagslicht. Der Galerist wird den Kunden erklären, was uns heute auch die Kuratoren sagen: Jedes Bild habe eine eigene Stimmung. Die Kuratoren sprechen sogar von Serialität, auch wenn die damals außer dem Künstler und dem Kunsthändler niemand sehen konnte, weil die Bilder ja einzeln abverkauft wurden und es weniger um ein ästhetisches Prinzip als um die wiederholte Belieferung des Marktes ging.
Nichts als Natur
Auf den Bildern des Meeres, des Strandes und der Kreidefelsen ist bei Monet nichts als Natur zu sehen. Zumeist lässt er die Fischer und ihre Boote, immer lässt er die Dörfer, die Badegäste und die anderen Maler weg, die sich am Strand aufgebaut hatten, um ebenfalls das Meer und die Felsen zu malen. Zeitweise muss ein ziemliches Gedränge geherrscht haben. Monet malt auch die Kinder nicht, die ihm seine Leinwände hinterhertrugen, wie Guy de Maupassant bezeugt. Monet war groß im Weglassen. In Paris ist reine, menschenleere Natur en vogue, und wo keine reine Natur angetroffen wird, muss die wirkliche eben um alles bereinigt werden, was das Auge von ihr ablenken könnte.
Interessant ist die Frage, weshalb denn reine Natur, reine Stimmung, ungestört von Fischern, Kindern und Badegästen so beliebt war, dass derselbe Felsen immer wieder gemalt und als Bildmotiv verkauft wurde. Die Antwort ist vergleichsweise banal: Tourismus. Der setzte im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ein. Straßen zum Strand waren gebaut worden, Wohnungen für Kurgäste und Maler, die Eisenbahn transportierte Publikum heran. Vier Stunden waren es von Paris, heute sind es knapp drei.
Sehnsucht nach Unberührtheit
Nichts davon auf Monets Bildern. Der Impressionist ist kein Realist. Er wählte seine Motive nach dem touristischen Wunschblick. Die Touristen begehren, einem gut gealterten Satz zufolge, etwas, was sie durch ihre eigene Anwesenheit zerstören. Sie sehnen sich nach Stille, nach Unberührtheit und Authentischem. Sie sehnen sich also nach einem Bild mehr als nach einer Wirklichkeit, nach einer ungestörten Stimmung, nach einer bildgemäß eingerichteten Welt.
Dieses Bild hat ihnen, hat uns Claude Monet gegeben. Die Frage, ob es Bildgewohnte, die schon viele Naturschauspiele gesehen haben, noch zu faszinieren vermag, ist schwer zu beantworten. Es ist jedenfalls nicht ästhetische Unempfindlichkeit, die einen, bei allem Respekt für die große Maltechnik, angesichts von Dutzenden von Kreidefelsen und Wellen leicht mit den Achseln zucken lässt. Sondern ästhetische Gewöhnung, Déjà-vu. Wie folgerichtig, dass die Ausstellung der vielen Bilder aus der Zone des Fremdenverkehrs im Frankfurter Städel durch die Unterstützung von Fraport möglich wurde, der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens.
Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“. Städel Museum, Frankfurt; bis zum 5. Juli. Der Katalog kostet 44,90 Euro.
Source: faz.net