Claire Denis wird 80: Mulmige Männchen und herrliche Hexen

Ihr Kino hat, wiewohl unverkennbar Kunst, ganz selbstverständlich alles, was die Leute am Wochenende oder nach Feierabend lieben und sonst meistens nur aus Amerika kriegen – Hammer, Knaller, Kracher, Kuschelballade, sucht euch was aus.

Hammer? „White Material“ (2009): Isabelle Huppert verteidigt sinnlos und mit kaum erträglicher Tapferkeit eine Kaffeeplantage in einem afrikanischen Bürgerkrieg, unter dumpfen Schlägen aufs Gewissen. Knaller? „Trouble Every Day“ (2001): Vincent Gallo und Béatrice Dalle in einem Blutbad, das bis zum letzten Tropfen ausgetrunken wird. Kracher? „High Life“ (2018): Robert Pattinson, Juliette Binoche und Mia Goth in der Zukunft, wo Menschen ins Leere stürzen wie Tannenzapfen vom Baum. Kuschelrockballade? „Meine schöne innere Sonne“ (2017) hat nicht nur abermals Binoche an Bord, sondern außerdem Gérard Depardieu als Sitzkissen voll falscher Weisheiten, die aus ihm rauspfeifen, wenn sich die Regie draufsetzt. Dieser Film enthält eine Sex-Szene (das mag und kann Claire Denis), bei der ein ungeschickter Liebhaber auf Binoche gestrandet ist, dort herumhampelt und sie sowohl visuell wie spirituell verdeckt, bis es ihr reicht. Dann sehen wir ihren Rücken.

Dieser anatomische Bereich und überhaupt das Muskuläre fasziniert Claire Denis bei ihren Heldinnen, besonders bei Binoche. Die Aufnahmen zeigen einen Gedanken: Schönheit ist Ergebnis des inneren Gegeneinanderwirkens von Selbstsucht und Selbstzucht; die Frauen, denen man das ansieht, wollen sich durchsetzen und disziplinieren sich dabei selbst; das gilt für die Glücksjägerin in „Meine schöne innere Sonne“ wie für die Reproduktionsmedizinerin („Sperma-Schamanin“) in „High Life“ oder die Plantagenbesitzerin in „White Material“.

Männer und Jungs sind dabei selten hilfreich, oft planlos, manchmal äußerlich gepanzert, inwendig mulmig, unklar, quallig. In ihren besseren Momenten sieht man Sensibilität: Christopher Lambert, wie er seinem Sohn in „White Material“ das nasse Haar zurückstreicht; Robert Pattinson, wie er mit einem Kleinkind in „High Life“ ins Benehmen kommt; Vincent Gallo, wie er seiner Frau im Flugzeug den Arm küsst (aber sieht er nicht aus, als müsste er gleich reinbeißen?).

Vor Frauen, die wissen, worum es im Leben geht, haben diese Typen Manschetten – leicht resigniert, aber wegwerfend sagt Binoche in „High Life“ dazu, sie wisse schon, dass man sie für eine Hexe halte, kurz nach der schier endlosen Maschinensex-Sequenz, die den Rücken der Schauspielerin aufmerksamer betrachtet, als gewöhnliche dramatische Dialogporträts sprechende Gesichter studieren. Binoche ist bei Denis so deutlich wie Charlotte Gainsbourg bei Lars von Trier und Emma Stone bei Yorgos Lanthimos.

Wenn man Binoches Arbeit für Denis kennt, kann man sie auch in anderen Filmen nur noch so sehen, wie Denis sie sieht; auf diesem Weg wird dann ein Blockbuster wie „Ghost in the Shell“ (2017) von Rupert Sanders, in dem Binoche eine strenge Technokratin spielt, immer wieder plötzlich ein Claire-Denis-Film (das sind dann natürlich die besten Minuten des Ganzen). Der reinste Denis-Moment gehört aber Isabelle Huppert: In „White Material“ versucht sie einmal, einen überfüllten Kleinbus zu besteigen. Man bietet ihr an, sich zu den prekärsten Passagieren aufs Dach zu setzen. Das will sie jedoch nicht, sondern hängt sich lieber hinten ans Fahrzeug. Muskulatur, Ober- und Unterarme, ein Leib in trügerisch leichter Kleidung: Kein Actionheld hatte körperlich je mehr zu sagen. Heute wird Claire Denis achtzig Jahre alt.

Source: faz.net