„Christdemokratie bekämen wir dann von Leuten, die nicht wissen, wie die funktioniert“

Ein junger Mann lebt im Verbindungshaus und sucht – die Liebe. In Volker Zierkes Roman „Herrengedeck“ taumelt ein Nihilist durch die rechten Milieus von heute. Die Geschichte spielt in Dresden. Hat sich „Werther“ an die Elbe verirrt?

Also, was ist denn nun eigentlich dran an den Rechtsradikalen? Aus einem rechtsradikalen Verlag? Man redet ja viel über sie. Stehen sie noch auf dem Boden des Grundgesetzes? Soll man mit ihnen sprechen? Sofern sie schreiben, könnte man sie ja mal lesen. Aber wie bereitet man sich auf die Lektüre vor? Als „Scheißliberaler“, der noch dazu für eins der Mainstreammedien arbeitet?

Soll ich am besten noch mal kurz ein paar Seiten Thomas Mann inhalieren, um für die antibürgerliche Aggressivität gewappnet zu sein, die mir in „Herrengedeck“ womöglich entgegenrülpst? Denn den gleichnamigen Roman von Volker Zierke schnappe ich mir.

Ha! Prompt geht es auch schon bald gegen meinen Lieblingsautor. Sagt doch der Ich-Erzähler, der es in seiner Bude so allein nicht mehr aushält und „aufs“ Verbindungshaus zu den „Kameraden“ zieht: „Ich werfe weg: die Thomas-Mann-Gesamtausgabe, die ich von meiner Großmutter geerbt und nie gelesen habe.“ Ahnte ich’s doch. Spätestens jetzt ist klar: Ich muss sehr tapfer sein. Aber ich halte durch. Ich bleibe bis zum erstaunlich guten Ende (wird nicht gespoilert!) am Ball.

Zu meiner Beruhigung behält der Antiheld dieser Geschichte nämlich doch ein paar Bücher. Ernst Jünger und Oswald Spengler sind obligatorisch, logisch. Aber er liest eben auch „viel Christian Kracht“.

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Immerhin: Er liest. Mehr noch: Er denkt viel nach. Er ist, obwohl er sich nur in rechten Kreisen bewegt, ein Grübler. Auf der Suche nach Sinn. Eine Weile sah er den bei den Identitären. Vor zehn Jahren, ja, da haben die noch etwas gerissen. Jetzt hocken sie lustlos in den schlecht gelüfteten Büros von AfD-Abgeordneten, für die sich keiner interessiert. Der Protagonist arbeitet für einen von ihnen. Diese Herren sind gleich die nächsten, die hier abgebügelt werden. Grauenvolle Vorstellung, dass einmal die eigenen Leute was zu sagen haben: „Christdemokratie bekämen wir dann auch, aber von Leuten, die nicht wissen, wie die eigentlich funktioniert.“

Keine Frage: Dieser junge Mann, der immerhin schon das dreißigste Jahr erreicht hat, gibt sich gründlich desillusioniert. Was bleibt ihm noch? Bevor eine Person in sein Leben tritt, die sein „Herz näher angeht“, um es mit einem Seelenverwandten sagen, der den Reigen jener problematischen Naturen in der deutschen Literatur eröffnet hat, in deren Tradition Volker Zierke steht – bevor ihn also die Liebe übermannt, gibt’s eigentlich nur das Saufen. Natürlich, man lässt den Proletarier raushängen: Bier. Marke: Felsenkeller. Davon möglichst bis zum Filmriss. Am besten „gleich aus dem Kasten“. Aber, und damit sind wir wieder beim jungen Werther, auf den natürlich gerade angespielt wurde: Es gibt noch etwas. Es gibt die Tagträumereien in der Landschaft.

Die Geschichte spielt in Dresden

„Wie’s liebe Tal um mich dampft“, heißt es in Goethes Briefroman über Jungmännernot. Der namenlose Ich-Erzähler Zierkes hält es mit dem lieben Tal der Elbe. Mit Dresden: „Welch ein Glück, in dieser Stadt leben zu dürfen“. Wie Rousseaus promeneur solitaire streift er auf einsamen Spaziergängen durch die Stadt. Bei Nacht und am Tag; die Hügel hinan, zum Fluss hinab. Selten hat man in den letzten Jahren eine so poetische Verdichtung von Stadtlandschaft gelesen wie in „Herrengedeck“.

Doch so richtig in Fahrt kommt die Geschichte mit Idylle. Mademoiselle heißt tatsächlich so. Sie ist das Kind eingewanderter Franzosen. Die Orientierungslosigkeit der Gen Z, die in diesem Buch die Folie abgibt, ist bei Idylle weltanschaulichem Andocken gewichen: Sie ist bei den Katholiken gelandet. Das hat Folgen für den Werther-Nachfahren. Es kommt zu vielen weltanschaulichen Diskussionen. Aber Zierke ist ein Meister witzig-grimmiger Dialoge, und so liest man auch diese intellektuellen Verständigungsbemühungen von Nihilist zu Christ durchaus nicht gelangweilt. Übrigens bleibt der Nihilist standhaft und hat dafür eine emblematische Szene gestaltet: Als das Liebespaar einen Ausflug in die Gemäldegalerie unternimmt, bleibt es vor Caravaggios ungläubigem Thomas stehen. Es ist das einzige Bild, das die Hauptfigur interessiert.

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Aber beim gemeinsamen Kunstgenuss bleibt es nicht. Es locken handfestere Genüsse. Ihn jedenfalls. Sie kommt irgendwann auch auf den Geschmack. Hier wird es nun sprachlich, nun ja, nicht so recht zitierfähig. Nur so viel sei gesagt: Wir erfahren sehr genau, wer hier wo schraubt, wer hier was stöpselt. Houellebecq lässt grüßen. Und der Nihilist wäre nicht der Grübler, als den man ihn nun schon kennt, wenn er sich nicht den Kopf darüber zerbrechen würde, wie er sich beim ersten Date unterhalb der Gürtellinie präsentieren soll. Eier rasieren oder besser nicht? Wirkt das nun schwul oder hygienisch auf Idylle? Nach reiflicher Überlegung spricht der Grübler: „Ich beschließe, mir nicht die Hoden zu rasieren. Das ist konservativer.“

Es gibt viele solche Lacher in diesem Text. Es gibt aber auch Stellen, an denen man eine innere Bedrängnis der Protagonisten spürt, die einen durchaus berühren kann. Als bürgerliche Seele wird man von Kraftmeierei und Machogehabe abgestoßen sein. Aber wo bitteschön, bleibt nun in „Herrengedeck“ das Rechtsradikale? Das „Faserland“, das hier durchmessen wird, ist aus schwarzen Fäden gewirkt, das ja. Links-grüne Milieus kommen schlichtweg nicht vor. Als eine Gruppe aus dem Queer-Studies-Seminar im entsprechenden Outfit durch den Caravaggio-Raum zieht, tut sich ästhetischer Abscheu kund. Doch dafür braucht man ja nicht rechtsradikal zu sein.

Nein, mit Volker Zierke meldet sich ein begabter Hund zu Wort. Die Leiden seines jungen Nihilisten an Deutschland, an der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“, um mit Kleist zu sprechen, gestalten einen alten Topos neu. Auf rechte, statt, wie gewohnt, auf linke Weise. Wie geht es wohl mit diesem Autor weiter? An einer Stelle des Buches lässt er seinen Grübler sinnieren: „Ich will keinen Erfolg haben. Aber es wäre schön, wenn am Ende wenigstens alles Sinn ergäbe.“ Ich kann mir nicht helfen, ich wünsche beiden, dass das klappt.

Volker Zierke: Herrengedeck. Jungeuropa, 270 Seiten. 25 Euro

Source: welt.de

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