Der Internationale Währungsfonds erhöht den Druck auf China, den Exportboom zu begrenzen und gegen die Schwäche der chinesischen Währung vorzugehen. „Wenn Chinas Wirtschaftswachstum weiter so abhängig von Exporten bleibt, steigt das Risiko, dass sich die globale Handelskonflikte weiter verschärfen“, sagte Kristalina Georgiewa in einer Pressekonferenz in Peking. Die IWF-Chefin äußerte sich anlässlich turnusmäßiger Beratungen in China.
Chinas Handelsüberschuss hat bis Ende November die Schwelle von einer Billion Dollar übersprungen und damit das Niveau aus dem Vorjahr deutlich übertroffen. Auch deshalb nahm die Kritik an der Schwäche des Renminbi (RMB) zuletzt zu. Einige Denkfabriken äußerten sich entsprechend. Der RMB sei um 25 Prozent unterbewertet, konstatierte nun die Großbank Goldman Sachs, die nicht im Verdacht steht, sich besonders negativ über China zu äußern.
Ist Chinas Währung zu 30 oder 40 Prozent unterbewertet?
„Mein Bauchgefühl ist, dass der RMB um 30 bis 40 Prozent unterbewertet ist“, sagte Jens Eskelund, Chef der EU-Handelskammer in Peking, Ende November der F.A.Z. Die Schwäche der deutschen Industrie hänge stark am Wechselkurs zwischen Euro und Renminbi. „China steht für 37 Prozent aller exportierten Container auf der Welt“, sagte Eskelund, der im Hauptberuf für die Reederei Maersk tätig ist. „Wenn China niest, kriegt Europa eine Erkältung.“
Peking erteilte den Forderungen eine Absage. Parallel zum Besuch des IWF tagte die Zentrale Wirtschaftsarbeitskonferenz, auf der das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und der Staatsrat die Agenda für das Folgejahr festlegen. Der Wechselkurs sei „auf einem angemessenen, ausgewogenen Niveau stabil zu halten“, hieß es in einem Kommuniqué der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua.
Eine Aufwertung könnte Chinas Konsum stärken
Die nationalistische Parteizeitung „Global Times“ schrieb, der Handelsüberschuss sei Ergebnis ökonomischer Gesetze. Westlichen Medien, die den Überschuss kritisierten, fehle „ein rationales Verständnis der Geschichte und dieser Gesetze“. Die Handelsüberschüsse würden nur als Problem erachtet, weil China diese erwirtschafte, nicht der Westen. Während des Zollkrieges Ende April hatte Pekings Außenministerium dem Plaza Accord, auf dem sich Japan, einige europäische Länder und die USA im Jahr 1985 auf eine Abwertung des Dollars einigten, die Schuld für Japans Wirtschaftsschwäche in den Folgejahrzehnten gegeben.
IWF-Chefin Georgiewa ging nicht so weit, eine Aufwertung des Renminbis zu fordern. In einer Mitteilung des IWF zu ihrer Reise hieß es aber, Chinas niedrige Inflation im Vergleich zu Handelspartnern habe zu einer „realen Abwertung des Wechselkurses“ geführt, die zu starken Exporten und einem steigenden Leistungsbilanzüberschuss beigetragen habe. Der Fonds sieht große Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen kritisch. Er empfahl „größere Flexibilität“ bei den Wechselkursen, um die heimische Nachfrage zu stärken.
Wegen des billigen Renminbi sind ausländische Waren teuer
Eine schwache Währung hilft dem Export, weil im Inland hergestellte Waren für das Ausland günstiger werden. Anfang des Jahres bekam man für einen Euro Waren im Wert von 7,50 RMB, vor drei Jahren lag der Kurs bei 6,80 Euro. Inzwischen ist er auf mehr als 8,20 RMB gestiegen. Die Schwäche des RMB schadet der Kaufkraft der Chinesen, weil Waren aus dem Ausland für sie teurer werden.
Die Abwertung des Renminbis ist das Ergebnis einer Reihe von Entwicklungen. Der Westen hatte eine hohe Inflation. Diese wurde auch durch einen Engpass von Produkten aus China und Asien ausgelöst, die durch Lieferkettenprobleme während der Pandemie zustande kamen. Phasenweise stauten sich Container, der Chipmangel führte dazu, dass weniger Autos hergestellt wurden, und die Preise stiegen. Parallel trieb der Gasmangel die Energiepreise. Auch wenn die Inflation in den USA und der EU wieder deutlich gesunken ist, bleibt das Preisniveau erheblich höher als davor und als in China. Bei den Erzeugerpreisen, die Hersteller für ihre Produkte verlangen, ergibt sich zwischen Deutschland und China eine Differenz von mehr als dreißig Prozent. Hinzu kommt die Aufwertung des Euros. Deutsche und europäische Unternehmen begründen Investitionen in China häufig mit deutlich niedrigeren Kosten in der Volksrepublik.
China kämpft mit einer Deflation, also dem umgekehrten Phänomen. Die Erzeugerpreise sinken seit drei Jahren. Die Volksrepublik steckt in einer tiefen Immobilienkrise, die zu Vermögenseinbußen führt. Viele Chinesen sparen mehr und konsumieren weniger. Man dränge seit Längerem darauf, dass China der Immobilienkrise mehr Aufmerksamkeit schenke, sagte Georgiewa. Sie forderte, Großkonzerne abzuwickeln. „Wir nennen sie ‚Zombie-Firmen‘. Lasst die Zombies verschwinden.“ Aktuell kämpft Vanke, einer der größten Immobilienentwickler Chinas, gegen einen Zahlungsausfall. Größter Anteilseigner von Vanke ist die Techmetropole Shenzhen.
Von Chinas Überschüssen fließt nicht alles zurück
In der Theorie führt ein Exportüberschuss dazu, dass die Währung des Exporteurs aufwertet. Die Exporteure wollen das im Ausland verdiente Geld zurücktauschen in ihre Heimatwährung. Deshalb steigt die Nachfrage nach der Währung. China verzeichnet aber eine Kapitalflucht. Viele Chinesen misstrauen nach den Lockdowns in der Pandemie und den Kampagnen gegen Chinas Tech-Milliardäre den Behörden und bringen ihr Geld in Sicherheit. Xis autoritärer Kurs schwächt damit indirekt den Renminbi und trägt zur Exportstärke Chinas bei. Zudem steuert Chinas Zentralbank den Wechselkurs und orientiert sich dafür am Dollar. Der Euro hat auch zum Dollar aufgewertet.
Der Export gilt als der wichtigste Treiber des chinesischen Wachstums. Deshalb halten viele Ökonomen im Land eine Aufwertung des Renminbis für riskant, zumal auch Xis Prioritäten zu einer Stärkung des Exports führen. Dieser setzt auf neue Technologien und Unabhängigkeit vom Ausland. Der IWF erhöhte nun trotz der Widrigkeiten seine Prognose für Chinas Wirtschaftswachstum und rechnet mit fünf Prozent in diesem und 4,5 Prozent im kommenden Jahr.
Die Kommunistische Partei räumte in dem Kommuniqué einen „Widerspruch von starkem Angebot und schwacher Nachfrage im Inland“ ein. Die oberste wirtschaftspolitische Priorität sei die Stärkung der Nachfrage. Diese verspricht Peking seit Jahrzehnten ohne Erfolg. Der Anteil des Konsums an Chinas Wirtschaftsleistung steigt nicht, sondern sinkt eher.