Bisher gab es auf die iranische Insel Kharg nur Luftangriffe. Doch online kursieren bereits Videos, auf denen die Schlacht um die Insel zu sehen ist. Im Computerspiel „Battlefield 3“, das anderthalb Jahrzehnte alt ist, versuchen US-Truppen, die iranische Ölinsel Kharg einzunehmen. Die Chancen seien hoch, dass amerikanische Soldaten von heute schon als Jugendliche die Insel am Bildschirm erstürmt hätten, spekulieren manche Nutzer.
Pläne, Kharg anzugreifen und einzunehmen, gibt es in Washington jenseits von Computerspielen seit der Präsidentschaft Jimmy Carters. Nun denkt Donald Trump im Weißen Haus laut über eine Übernahme der iranischen Ölindustrie nach. Gegenüber der Zeitung „Financial Times“ ließ der Republikaner offen, ob er Kharg wirklich angreifen will. Doch dass er ein Interesse an Irans Öl hat, verschweigt er nicht: „Um ehrlich zu sein, am liebsten würde ich mir das Öl in Iran nehmen“, sagte Trump. Das würde Teheran treffen, aber nicht nur.
Der Westen war noch vor wenigen Jahren ein Abnehmer iranischen Öls. Besonders die Mittelmeerstaaten kauften bis 2012 erhebliche Mengen. Erst die Sanktionen gegen Teheran unterbrachen diesen Fluss. Hauptabnehmer des iranischen Öls waren aber auch damals schon asiatische Staaten, besonders China, Japan und Südkorea. Auch Indien gehörte zu den Beziehern. Das änderte sich mit den Sanktionen. Von den vielen Abnehmern blieb in größerem Maßstab nur ein Land übrig: China.
Das Öl, das Trump nun vielleicht unter Kontrolle bringen will, geht fast ausschließlich dorthin. Die Öltanker steuern von der Insel Kharg zunächst Malaysia an, dort wird das Öl verladen und umdeklariert und landet als malaysisches Öl an den Häfen der chinesischen Ostküste. Das führte zu dem kuriosen Ergebnis, dass China mehr malaysisches Öl importierte, als Malaysia selbst fördert. Das meiste iranisch-malaysische Öl ging in die Provinz Shandong, wo es von „Teekannenraffinerien“ weiterverarbeitet wurde. Die heißen so, weil sie kleiner sind als die der Raffinerien der großen Staatskonzerne.
Bisher profitierte China von einem „Sanktionsrabatt“
Die USA nahmen diese Teekannen in den vergangenen Jahren immer mal wieder ins Visier und verhängten Sanktionen. Im April vergangenen Jahres traf es Shandong Shengxing Chemical Co. Das Unternehmen habe iranisches Rohöl im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar gekauft, hieß es von der US-Regierung zur Begründung.
Doch die chinesischen Raffinerien machten aus den Sanktionen ein Geschäftsmodell. Sie erhielten das Öl aus Iran vergünstigt, rund elf Dollar je Fass betrug der Sanktionsrabatt vor dem Krieg, der den Raffinerien auf dem chinesischen Markt Profite sicherte. Inzwischen ist dieser Rabatt laut den Analysten von Kpler aber auf zwei Dollar gefallen – auch weil die USA einige Sanktionen auf iranisches Öl aufgehoben haben, der Sanktionsrabatt schmolz in der Folge.
Mit der Lockerung reagierte Washington auf weltweit steigende Ölpreise während des Krieges. Diese hängen weniger mit Schwierigkeiten beim iranischen Ölexport zusammen als damit, dass Teheran nicht-iranischen Schiffen die Passage durch die Straße von Hormus weitgehend untersagt – ein Viertel des weltweiten Öltransports ist von der faktischen Blockade betroffen. Auch in den Vereinigten Staaten, die längst selbst mehr Öl fördern als jedes andere Land der Welt, führte das zu steigenden Preisen und dem überraschenden Schritt, Sanktionen gegen den Kriegsgegner zumindest vorübergehend zu lockern. Möglicherweise sollten so Schiffe, die bereits iranisches Öl geladen hatten, zu anderen Zielen als den „Teekannen“ gelockt werden.
Warum die Versorgung Chinas nicht gefährdet ist
Rund 1,5 Millionen Fässer Öl flossen vor Kriegsbeginn Tag für Tag von Iran nach China, etwas weniger als die Hälfte der gesamten iranischen Ölproduktion und mehr als 80 Prozent des Öls, das Iran verschifft. Neben China hat Iran keine nennenswerten anderen Abnehmer für sein Öl. Ein kleiner Teil fließt nach Syrien.
Die iranischen Exporte entsprachen zuletzt rund zwölf bis 14 Prozent der chinesischen Öleinfuhren. Doch obwohl durch die Straße von Hormus zuletzt knapp ein Drittel der chinesischen Einfuhren flossen, zeigt sich das Energiesystem der Volksrepublik – dem größten Öl- und Gasimporteur der Welt – erstaunlich robust. Soweit bekannt, zapfte China seine Reserven, die für vier bis fünf Monate reichen sollen, bisher nicht an. Anders als die G-7-Staaten.
Das liegt auch daran, dass Öl und Gas zusammen nur etwas mehr als ein Viertel des chinesischen Energieangebots ausmachen. In Deutschland sind es mehr als drei Fünftel. Stattdessen ist es vor allem der hohe Anteil der Kohle, die für weit mehr als die Hälfte des chinesischen Energiemixes steht, die China in der aktuellen Krise relativ gut dastehen lässt. Auch wenn Trump also Irans Öl unter Kontrolle bringt: China kann es verkraften.
Die Insel ist für Irans Ölexporte entscheidend
Allerdings spürt Peking durchaus, dass die Vereinigten Staaten jüngst in Venezuela die Kontrolle über einen chinesischen Öllieferanten übernommen haben. Zusammen mit Iran stand Venezuela für rund ein Fünftel der chinesischen Öleinfuhren. Auch aus dem südamerikanischen Land waren Lieferungen an die „Teekannen“ erfolgt. Seit die Amerikaner aber die venezolanischen Ausfuhren kontrollieren, ist ein Rückgang der Exporte nach China beobachtbar.
Einen vergleichbaren historischen Niedergang der Ölindustrie wie in Venezuela gab es in Iran auch; allerdings hat die Industrie sich dort bereits wieder etwas erholt. Auch wenn das Land die Fördermengen aus der Zeit unmittelbar vor der Islamischen Revolution nicht mehr erreicht, ist Iran innerhalb der OPEC der drittgrößte Ölproduzent. Die Fördermenge ist etwa halb so hoch wie die Saudi-Arabiens – beträgt aber etwa das Fünffache der Venezuelas.
Abhängig bleibt Teheran aber von der Kontrolle über Kharg. Die Insel ist für Irans Ölexporte entscheidend. Im sonst relativ seichten Wasser des Persischen Golfs gibt es hier Anlegestellen für große Öltanker. Etwa 90 Prozent des Exportöls wird durch unterirdische Pipelines auf die Insel gepumpt und dort verladen. Auch nach Luftangriffen auf militärische Ziele auf Kharg vor zwei Wochen läuft die Produktion weiter.
Kharg zu kontrollieren ist aber nicht ausreichend, um die iranischen Ölexporte zu beherrschen. Als nicht auszuschließen gilt, dass Teheran die Pipelines dorthin kappen würde. Das würde den langfristigen Exportinteressen des Landes schaden, den Amerikanern aber einen Trumpf nehmen für den Fall, dass es nach einer hypothetischen Besetzung Khargs zu Verhandlungen mit Teheran kommt, deren eigentliches Ziel die Wiederöffnung der Straße von Hormus wäre.
Source: faz.net