China I | China wiederbelebt abgelegene Militäranlagen: Verbleibend neue Gemahlin Sicherheitsstrategien

Verstreut über Berghänge und Schluchten Sichuans liegen die verfallenen Ruinen eines Militärexperiments aus den 1960er Jahren. Eine gespenstische Stille liegt über Fabriken, in denen einst Tausende von Arbeitern beschäftigt waren. Die Vegetation wuchert auf Dächern und in Gebäuden.

Aus den Dörfern ringsherum sind die meisten von denen wieder verschwunden, die einmal aus dem ganzen Land herbeigeschafft wurden, um Chinas Zukunft zu sichern. Die Straßen entlang versunkener, in sich gekehrter Geschichte sind heute mit Werbung für moderne Hörgeräte oder Bestattungsangebote zugepflastert, die „einen diskreten und kompletten Service“ anbieten.

Die Anlagen im Südwesten Chinas gehörten zu dem Verteidigungsprogramm, das Mao Zedong 1964 ins Leben rief. Man mobilisierte Millionen Menschen, um gegen einen möglichen Angriff der USA oder der Sowjetunion gerüstet zu sein. Die Feindschaft zwischen Moskau und Peking hätte in jener Zeit erbitterter kaum sein können, sodass es 1969 am Grenzfluss Ussuri und auf der Insel Damanski zu bewaffneten Zusammenstößen kam.

Tarnname „Dritte Front“

Was in der Abgeschiedenheit von Sichuan entstand, kostete innerhalb von 15 Jahren gut 200 Milliarden Yuan (damals 30 Milliarden Dollar) an staatlichen Investitionen. Die Projekte trugen den Tarnnamen „Dritte Front“ und waren Teil einer dritten Verteidigungslinie, weniger exponiert als die „erste Front“ mit den großen Städten an der Ostküste und die „zweite Front“ mit kleineren, als Festungen ausgebauten Orten im Landesinneren.

Dabei lag die „Dritte Front“ nicht nur in den Bergen Sichuans, auch Provinzen wie Gansu und Ningxia kamen in Betracht, da man sie weit außerhalb der Reichweite potenzieller Invasionsstreitkräfte wähnte. Die Vorteile von Sichuan galten jedoch als einmalig. Viele der Rüstungsfabriken waren durch das Huaying-Gebirge geschützt wie eine natürliche Festung.

Nach dem Tod Mao Zedongs im September 1976 und bei sich verbessernden Beziehungen zu den USA wurden die verborgenen Werke nach und nach stillgelegt. 1985 erklärte Chinas führender Reformpolitiker Deng Xiaoping: „Es wird auf absehbare Zeit keinen großen Krieg geben. Wir haben unsere Einschätzung über die uns drohenden Gefahren revidiert.“

Chinas KP rüstet auf

Angesichts des heutigen Verhältnisses zwischen Peking und Washington wirken Dengs Worte wie aus der Zeit gefallen. China konzentriert sich erneut auf Kerngebiete einer „Dritten Front“, wie vor einem halben Jahrhundert, um der nationalen Verteidigung zu dienen und jeden Angriff abwehren zu können. Bei einigen militärischen Bereichen ist das Land möglicherweise bereits im Vorteil. Auf Satellitenbildern basierende Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Volksrepublik Nukleararsenal in Sichuan disloziert hat.

Im Juli 2024 verabschiedete die KP-Führung eine Resolution, überschrieben mit: „Entwicklung des strategischen Hinterlandes und Aufstellung von Notfallplänen für die Schlüsselindustrien“. Dies galt im Landesinneren gelegenen Provinzen, um mit deren Potenzial die Resilienz bei Invasionen zu stärken und gegen eine Isolation von internationalen Märkten gewappnet zu sein.

Xi Jinping, Chinas mächtigster Führer seit Mao, räumt der Selbstverteidigung einen hohen Stellenwert ein. 1964, als der „Große Steuermann“ die „Dritte Front“ wollte, führte China erste Atomwaffentests durch. Inzwischen verfügt das Land über 600 Kernsprengköpfe nebst Trägerwaffen. Die US-Regierung rechnet damit, dass sich diese Zahl bis 2035 verdoppelt, was Standorten zu verdanken sein dürfte, die ehedem zur „Dritten Front“ gerechnet wurden.

Vom Entwicklungsland zum ebenbürtigen Gegner

Obwohl Peking immer noch deutlich weniger für sein Militär ausgibt als die USA, verringert sich die Kluft zwischen den beiden Weltmächten. Laut dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington lagen Chinas Verteidigungsausgaben 2012, im Jahr von Xi Jinpings Machtantritt, bei einem Sechstel des US-Budgets. Bis 2024 war dieser Wert auf ein Drittel oder 317,6 Milliarden Dollar gestiegen.

„In der Folge ist das Land heute deutlich stärker“, urteilt Covell Meyskens, China-Historiker an der Naval Postgraduate School, einer von der US-Marine finanzierten Lehranstalt, und Autor eines Buches über die „Dritte Front“. „Es wird versucht, die Fähigkeit zum Zweitschlag auszubauen, also auf einen nuklearen Angriff mit einem Gegenschlag reagieren zu können. Vor Jahren fehlte es noch an der Expertise und dem Vermögen“, so Meyskens.

Mitte der 1960er Jahre sei China „ein sehr armes Entwicklungsland“ gewesen, aus dem im westlichen Pazifik ein ebenbürtiger Gegner wurde. „Sie könnten gegen uns kämpfen, um zu gewinnen oder sich zu behaupten“, urteilt Meyskens, dessen Sicht von der US-Marineführung nicht geteilt wird.

Es ist schwierig, Menschen in die Region zu bekommen

Unbestreitbar besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen 1964 und 2026 in einer engen Verflechtung der US- und chinesischen Wirtschaft, die theoretisch das Risiko eines bewaffneten Konflikts verringern sollte. Aber nicht zuletzt im Sog des von Donald Trump durch seine Zollpolitik ausgelösten Handelskrieges arbeiten die politischen Entscheidungsträger in Peking und Washington daran, Lieferketten zu entflechten und gegenseitige Abhängigkeiten zu verringern.

Wieder werden Arbeiter in die abgelegenen Bergregionen Sichuans entsandt, um Chinas Verteidigungskapazitäten zu stärken. Ein Mann, der neben den Ruinen der Huaguang-Fabrik wohnt, in der einst Kampfflugzeuge produziert wurden, erzählt, dass in dieser Gegend nur noch „sehr wenige Menschen leben“. Es sei schwierig, Ersatz zu finden. Zu viele wanderten in die großen Städte an der Ostküste ab.

In der Umgebung der 1966 eröffneten Hongguang-Fabrik reichen heute die Schläge mit Weißkohl oder Raps bis zum Horizont und werden von älteren Bauern ohne große maschinelle Hilfe abgeerntet – als hätte ein industrieller Aufschwung die Einheimischen kurz in die Zukunft katapultiert, bevor sie in ein gemächlicheres, ländliches Leben zurückkehrten.

China ist weitgehend unabhängig in der Waffenbeschaffung

Trotz der enormen Investitionen wurden die Rüstungsfabriken in den frühen 1980er Jahren, als sich die Beziehungen zum Westen entspannten, aufgegeben oder auf zivile Fertigung umgestellt. Auch die war oft nicht von Dauer. „Warum sollte man eine Autofabrik in einem unterirdischen Stollen und 500 Kilometer von einer Stadt entfernt betreiben? Das ergab wirtschaftlich keinen Sinn“, findet Covell Meyskens.

Xi Jinping hat die weitgehende Selbstversorgung im Krisenfall zur Priorität erklärt. Seine Rhetorik erinnert an Mao Zedongs Vision, China in die Lage zu versetzen, eine unabhängige, widerstandsfähige Großmacht zu sein. Kollidierte das einst mit den Realitäten, ist es ein halbes Jahrhundert später anders. Allein die Waffeneinfuhren sanken laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI zwischen 2021 und 2025 dank gestiegener inländischer Kapazitäten im Vergleich zu den fünf Jahren zuvor um 70 Prozent.

Diese Autonomie lässt die „Dritte Front“ eine Renaissance erleben und wegen der geopolitischen Lage eine Neubewertung erfahren. „Es geht zurück in eine Ära der Feindseligkeiten“, findet Meyskens. „Wir befinden uns in einem neuen Kalten Krieg.“ Man könne nur hoffen, dass der kalt bleibe und die Munitionsfabriken in Sichuan weiter verfallen, statt neu aufgebaut zu werden.

Amy Hawkins ist China-Korrespondentin des Guardian

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