Chemieindustrie: Ostdeutschlands Chemiebranche sendet ein SOS

An Warnsignalen aus der deutschen Chemieindustrie gibt es derzeit keinen Mangel. „Die Industrie funkt SOS“, fasste der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie, Markus Steilemann, in der vergangenen Woche die Stimmung in der energieintensiven Branche zusammen. Die Produktion bewegt sich nach Angaben des Branchenverbands auf dem tiefsten Ni­veau seit dreißig Jahren, und auch im neuen Turnus ist keine Trendwende in Sicht. Jedes zweite Unternehmen kämpft mit einer schlechten Auftragslage.

Insgesamt liegen die Bestellungen ein Fünftel unter dem Vorkrisenniveau von 2021. Die Aus­lastung der Anlagen in der gesamten Branche sei auf einem historischen Tiefpunkt von 70 Prozent angelangt und liege weit unterhalb der Renta­bilitätsschwelle, teilte der Verband mit. Ein Fünftel der Mitgliedsunternehmen denke über die Verlagerung oder gar Stilllegung von Teilen der Produktion in Deutschland nach. Jedes zehnte Unternehmen plant demnach, ganze Standorte zu schließen.

Ein Notsignal sendete die Branche auch nach der Auftaktveranstaltung zur „Chemieagenda 2045“ in der vergangenen Woche im Bundeswirtschaftsministerium. Mit dem im Koa­litionsvertrag von Union und SPD vorgesehenen Konzept für die Chemieindustrie will die Bundesregierung das Fundament für eine erfolgreiche Transformation der Branche über die nächsten zwanzig Jahre erarbeiten. Auf dieser Grundlage soll Deutschland wieder zum innovativsten Chemie- und Pharmastandort aufsteigen.

Chemiestandort ruft nach dem Notarzt

Die Arbeitsgruppen starten im Januar, ein Abschlusspapier soll bis Ende März vorliegen. Doch nicht nur den Unternehmen ist dieser Tage nicht nach Transformation zumute. Für den Chemiestandort Deutschland gehe es im ersten Schritt um „Notarzt-Management“, sagte der Vorsitzenden der Chemie-Gewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, nach dem Treffen mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Spitzenvertretern der Chemieindustrie in Berlin.

Reanimation geht vor Transformation. Das wird vermutlich auch die Kernbotschaft des Chemiegipfels im sächsischen Böhlen sein, mit dem ein breites Bündnis von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern der ostdeutschen Chemieindustrie am Montag ein Alarmsignal senden will. Es dürfte in Berlin schon allein aus poli­tischen Gründen besonderen Widerhall finden. Denn betroffen von der notleidenden Chemieindustrie in Ostdeutschland ist vor allem das Bundesland Sachsen-Anhalt, in dem in neun Monaten gewählt wird.

Die AfD liegt stabil über 40 Prozent in den Umfragen. Die Entwicklung an den Chemiestandorten in Leuna, Bitterfeld und Schkopau, die für das Indus­trieland Sachsen-Anhalt und die ganze Region eine überragende Bedeutung spielen, droht für Wirtschafts­minister Sven Schulze als Spit­zen­kandidat der CDU bei der anste­hen­den Landtagswahl zu einer Hypothek im Rennen um die Nachfolge von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zu werden.

Dow Chemical legt Anlagen still

Die Sorgen um die Standorte im mitteldeutschen Chemiedreieck sind groß, spätestens seit der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical im Sommer angekündigt hat, voraussichtlich bis 2027 zwei Anlagen im Stoffverbund stillzulegen. Die Entscheidung ist für die Region besonders schmerzhaft, weil Dow nach der Wende zu den ersten internationalen Investoren zählte, die sich im großen Stil im mitteldeutschen Chemie­dreieck engagierten.

Ihre Bedeutung für die Aussichten des Standorts geht über den erwarteten Verlust von 500 Arbeitsplätzen hinaus, weil die Stilllegung der Anlagen die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Stoffverbunds am Standort belastet.Vor allem die geplante Abschaltung des Stream-Crackers von Dow Chemical im sächsischen Böhlen, der Rohbenzin aus der Raffinerie in Leuna bezieht und unter anderem in Grundbausteine für die Herstellung von Kunststoffen an anderen Standorten im Chemiedreieck aufspaltet, ist ein bedrohliches Signal.

Denn während die Raffinerie einen wich­tigen Abnehmer verliert, müssen andere Produktionsanlagen an den ostdeutschen Chemiestandorten aus neuen Quellen mit Grundbausteinen wie Ehtylen und Propylen versorgt werden. Das macht nicht nur die Logistik teurer, sondern erhöht auch den Kostendruck am Standort weiter.

Die Branche warnt schon vor ei­nem Dominoeffekt, wenn der erste Stein im mitteldeutschen Chemiedreieck gefallen ist. Das dürfte allerdings kaum noch zu verhindern sein. Denn in den vergangenen Tagen hat sich auch die Hoffnung zerschlagen, dass sich Dow mit einem interessierten Investor über den Weiterbetrieb des Crackers einig wird.

AfDArbeitgeberBerlinBundesregierungBundeswirtschaftsministeriumCDUChemieChemieindustrieDeutschlandEiEndeEntwicklungGewerkschaftHaseloffHypothekIndustrieKatherinaLeunaLogistikMarkusMichaelOstdeutschlandPlantProduktionReanimationReicheReinerSachsenSachsen-AnhaltSchulzeSommerSPDSteilemannSteinSvenUmfragenUnionUnternehmenWeilWettbewerbsfähigkeitWill