Herr Lück, was versteht man unter einem Börsencrash?
Eine Definition gibt es dafür nicht. Aber die Marke von zehn Prozent ist eine, die im Zusammenhang mit Kurseinbrüchen während Crashs oft zitiert wird. Ich selbst würde in der Rückschau sagen, dass die Aktienkurse während eines Crashs eher noch etwas stärker fallen. Manchmal ist ein Rückgang von zehn Prozent auch nur der erste Schritt. Es gibt verschiedene Arten von Crashs.
Der letzte war während der Corona-Pandemie, oder?
Genau. Die Kurse gingen in sehr kurzer Abfolge schrittweise nach unten. Während der sogenannten Dotcom-Krise im Jahr 2000 hingegen haben sich die Börsen über einen sehr langen Zeitraum immer weiter nach unten gearbeitet. Das war ein Etappencrash. Generell würde ich einen Crash immer als einen breit angelegten Vertrauensverlust an den Märkten verstehen, der zu einem starken Abverkauf führt. Und zwar in einer Größenordnung von Verlusten von eher 20 Prozent.
Kann man Crashs vorhersagen?
Immer kann man sie vermutlich nicht voraussagen. Aber während der Dotcom-Blase gab es durchaus viele Stimmen, die auf die hohen Bewertungen der Technologieaktien hingewiesen haben. Viele der am Neuen Markt gelisteten Unternehmen haben jahrelang keine Gewinne erzielt. Und dennoch schossen die Kurse in die Höhe. Da war ein Crash schon ein Stück weit absehbar.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis war also oft sehr hoch und die Aktien damit sehr teuer für Anleger.
Ja. Das war auch bekannt. Trotzdem haben sich viele Menschen von dem Hype begeistern lassen und mitgemacht.
Wie verhielt es sich in der Finanzkrise, als die US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 Insolvenz anmelden musste?
Auch da gab es Fachleute, ich erinnere mich noch genau, die gesagt haben: „Oh, der amerikanische Immobilienmarkt fängt an zu drehen.“ Ich habe diese Signale damals sorgfältig zur Kenntnis genommen. Das war im Frühjahr 2006. Es hat dann noch mehr als ein Jahr gedauert, bis es die ersten Ausfälle von Lehman-Zertifikaten gegeben hat. Zwei Geldmarktfonds gerieten ins Straucheln. Einer von der BNP Paribas und einer von Union Investment. Der Markt für US-Subprime-Kredite war eingefroren – es gab keine Preise mehr für die in den Fonds enthaltenen Wertpapiere.
Diese Fonds legten das Geld ihrer Anleger auch in Wertpapieren an, die mit US-Hauskrediten besichert waren. Solche Kredite galten jahrelang als sicher, bis in den USA immer mehr Hausbesitzer ihre Raten nicht mehr bezahlen konnten. Plötzlich wusste niemand mehr, was diese Wertpapiere noch wert waren.
Das alles war damals schwer zu durchdringen. Der Rückgang am Immobilienmarkt war zu sehen. Nicht sofort erkennbar war aber die kriminelle Energie, mit der Menschen und Unternehmen unterwegs waren und im Grunde Immobilienkredite schlechter Qualität als Sicherheit für Produkte genutzt haben, die Privatanlegern als sicher verkauft wurden. Und das ist ein Punkt, bei dem ich sagen würde, dass Crashs eben nicht immer vorhersehbar sind.
Für Privatanleger ist das wohl besonders schwer. Derzeit fragen sich viele Menschen, die am Aktienmarkt investieren, ob auch Risiken von den Technologieunternehmen ausgehen. Alle reden über Künstliche Intelligenz, aber wie lange kann der Boom von Unternehmen wie Nvidia, Apple, Amazon und der Google-Muttergesellschaft Alphabet weitergehen?
Im letzten Quartal 2025 fingen immer mehr Menschen damit an, sich Sorgen über das Geschäftsmodell mit Künstlicher Intelligenz zu machen. Die Bewertungen dieser Unternehmen steigen – wenngleich lange nicht so stark wie während der Dotcom-Blase. Außerdem gibt es viele Überkreuzbeteiligungen und Finanzströme zwischen den einzelnen KI-Konzernen. Das wirkt nicht unbedingt vertrauensstiftend. Wenn das Vertrauen erst einmal zurückgeht, kann es kaskadenartig verschwinden und einen Crash verursachen.
Die „Glorreichen Sieben“, wie die großen KI-Konzerne oft genannt werden, haben damit begonnen, Kredite aufzunehmen. Ist das ein schlechtes Zeichen?
Die Technologiekonzerne verschulden sich immer stärker, um ihre gigantischen Investitionen vor allem in die Rechnerleistung zu finanzieren. Da baut sich derzeit eine recht hohe Crash-Wahrscheinlichkeit auf. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt aber von vielen verschiedenen Faktoren ab. Ich glaube, dass die positive Entwicklung noch eine ganze Weile anhalten wird. Ein Crash steht nicht unmittelbar vor der Tür.
Viele Menschen sorgen sich auch wegen der vielen geopolitischen Konflikte. US-Präsident Donald Trump ließ den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro verhaften und will sich Grönland einverleiben. Im Iran schlägt das Regime Demonstranten blutig nieder.
Geopolitische Auseinandersetzungen gehören zu den Bereichen, in denen es ganz schwer absehbar ist, ob sie zu einem Crash führen. Wenn China Taiwan angreift oder die USA militärisch im Iran intervenieren, haben solche Konflikte das Potential, einen Börsencrash zu verursachen? Ja, das Potential haben sie auf alle Fälle. Aber ob sie dann letztendlich zum Crash führen, ist eine ganz andere Frage.
Wenn diese Konflikte das Potential haben, einen Crash zu verursachen: Was machen Anleger nun? Und was tun Sie als Profi in den Depots Ihrer Kunden?
Ganz allgemein gesprochen: Man versucht, Resilienz aufzubauen. Computergestützte Handelsprogramme nutzen zum Beispiel Algorithmen. Das sind Computerprogramme, die nach ganz bestimmten Regeln automatisch Wertpapiere kaufen und verkaufen. Wenn beispielsweise der US-Leitindex S&P 500 innerhalb eines Tages um fünf Prozent fällt, dann wird automatisch ein Verkauf ausgelöst. Die Aktienposition wird verkauft und stattdessen eine risikoärmere Anlage gekauft, zum Beispiel eine langlaufende amerikanische Staatsanleihe.
Das ist zunächst eine Absicherung, da man aus der Vergangenheit weiß, dass Crashs auch in Etappen verlaufen können. Aus den ersten fünf Prozent Verlust können Anleger schnell 30, 40 oder 50 Prozent der Marktkapitalisierung, also des Gesamtwertes all ihrer Aktien, verlieren. Da hat es Sinn, bereits zu verkaufen, wenn die Kurse erst um fünf Prozent fallen, und das Portfolio sicherer aufzustellen. Je nach Art der Krise, könnte man die Aktien, die am stärksten in ihren Kursen schwanken, verkaufen. Wenn es zum Beispiel eine Währungskrise gibt, sollte man Titel dieser Währung möglichst komplett eliminieren oder zumindest deutlich reduzieren.
Und stattdessen Anleihen kaufen?
Ja, meist sind Anleihen sicherer, sofern der Schuldner verlässlich ist. Aber davon gehen wir bei Staatsanleihen solider Länder und bei Unternehmensanleihen guter Bonität aus.
Aber wenn alle in Anleihen flüchten, werden diese auch teurer.
Bei solch einer Fluchtreaktion ist es daher von Vorteil, diese Anleihen früh zu kaufen, bevor die Kurse der Anleihen steigen. So kann man zumindest einen Teil der Verluste, die man im Aktiendepot gemacht hat, wieder kompensieren.
Sie als Profiinvestor können das und haben die entsprechenden Systeme. Aber können Privatanleger das ebenfalls so schnell?
Das ist doch heutzutage kein Problem mehr. Die meisten Menschen haben ihr Portfolio auf dem Handy. Das ist nicht mehr wie früher, dass man sich freinehmen muss, um zur Bank zu gehen. Bis man damals einen Termin hatte, war der größte Schaden im Zweifel schon entstanden. Aber heutzutage nehmen Sie einfach Ihr Handy in die Hand.
Zu verkaufen ist gar nicht so leicht, oder?
Wenn man sieht, dass der Markt fällt, und man das für einen Crash hält, sollte man sein Depot schnell adjustieren. Es ist eine Segnung des elektronischen Zeitalters, dass man ganz schnell reagieren kann. Klicken muss aber jeder selbst.
Nehmen wir den Kursrückgang im April 2025, kurz nachdem Donald Trump seine Zollpläne vorstellte. Da ging es schnell runter, aber auch wieder schnell rauf. Das kann man doch vorher nicht wissen, oder?
Es hilft, den Markt genau zu beobachten. Wir erinnern an den 2. April, als Trump im Rosengarten auf einem Pappkarton seine Zollpläne vorstellte. Da gingen die Kurse schon runter. Aber der eigentliche Einbruch folgte erst knapp eine Woche später, als die Chinesen Ernst machten und ihrerseits noch höhere Zölle gegen die USA verhängten. Erst da haben die Anleger gemerkt, dass es sich um eine echte Eskalation handelt. Man hatte also gar nicht mehr so sehr auf die amerikanische Zollankündigung geschaut, sondern vielmehr auf die chinesische Entgegnung.
Aber ein wenig beeindruckt waren die Märkte schon.
Natürlich haben sich die Märkte auch ein wenig von Trumps angeblich wissenschaftlich hergeleiteten Zölle-Berechnungen beeindrucken lassen. Aber als sich herausstellte, dass die Berechnung nichts anderes war als eine Formel für Handelsbilanzüberschüsse, die Amerika braucht, ist dem Ganzen ein wenig die Luft ausgegangen. Anleger dachten wohl: „Okay, es ist wie immer. Wir müssen das nicht so ernst nehmen.“ Und dann setzte auch schon die Gegenbewegung an der Börse ein, und die Kurse stiegen wieder.
Wenn ich nun wie viele Menschen in Deutschland kein Großanleger bin, sondern regelmäßig in meinen ETF-Sparplan einzahle, wie reagiere ich in solch einem Fall? Sollte ich dann auch alles verkaufen, wenn der Markt um fünf Prozent einbricht?
Nein. ETF-Sparpläne sind dafür gedacht, langfristig Geld einzuzahlen. Was wir bisher gelernt haben: Je länger der Anlagehorizont, desto geringer das Risiko, Geld zu verlieren. Wer zum Beispiel jeden Monat in einen Aktien-ETF einzahlt, sollte auch dabeibleiben. Hinzu kommt bei Sparplänen ein Punkt, den man Durchschnittskosteneffekt nennt. In dem Moment, in dem die Kurse fallen, bekomme ich für meinen monatlich fixen Sparbetrag auch mehr Aktien. Das wirkt sich für die Zukunft, wenn die Kurse wieder steigen, positiv aus.
Wann sollten Anleger ihren Sparplan ändern?
Nur, wenn sich im Maschinenraum der Weltwirtschaft oder der Geopolitik etwas fundamental ändert. Wer vor zwei Jahren einen Aktiensparplan abgeschlossen hat, und damals herrschte die Erkenntnis: „Vergiss Europa, vergiss die Schwellenländer, die Musik spielt nur in den USA“, der sollte nun etwas ändern. Denn die Amerikaner machen gerade die Weltordnung kaputt. Sie ziehen sich aus der Rolle des Garanten der Weltordnung zurück, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Sie missachten sogar die Eigentumsrechte von Unternehmen, indem sie bestimmten Konzernen verbieten, Dividende zu zahlen. Sie drohen, ihre Staatsanleihen nicht mehr zu bedienen und daraus Ewigkeitsanleihen zu machen. Das ist eine fundamentale Verschiebung der Weltordnung. Vielleicht gilt die Logik, auf der ein junger Mensch einst seinen Sparplan aufgebaut hat, nicht mehr. Das sollte man dann anpassen.
Ist dieser Zeitpunkt nun gekommen?
Ich glaube, wir sind noch nicht an dem Punkt angelangt. Aber man stellt sich derzeit solche Fragen angesichts der fundamental großen Veränderungen in den USA. Generell ist ein Sparplan dazu da, ihn durchlaufen zu lassen, ohne groß daran zu schrauben.
Viele Menschen in Deutschland investieren regelmäßig in den bekannten Index MSCI World. Mehr als 72 Prozent der darin enthaltenen Unternehmen kommen, gemessen an ihrem Börsenwert, aus den USA. Ist es Zeit, daran etwas zu ändern?
Absolut. Das ist genau der Punkt. So etwas muss man nicht jede Woche anpassen. Aber alle zwei Jahre sollte man das schon überprüfen. Ich halte den aktuellen Zeitpunkt dafür für günstig.
Wie lange dauern Crashs denn im Durchschnitt? Wenn jemand Mitte 40 ist, kann er das aussitzen?
Die Erholung von den heftigsten Crashs, die wir erlebt haben, dauerte sechs bis sieben Jahre. Erst dann wurden die Höchststände an den Börsen wieder erreicht. Die Geschichte lehrt uns, investiert zu bleiben.
Wenn wir in der Geschichte weiter zurückgehen, gibt es durchaus längere Crashs. Nach dem Börsencrash 1929 hat es viel mehr als 20 Jahre gedauert, bis die Märkte sich wieder erholt haben. Kann so etwas noch einmal passieren?
Ja, absolut. Auch wenn die Vergleichbarkeit der Daten über eine so lange Zeit schwierig ist. Aber die Börsenkrise 1929 markierte das Ende der Goldenen Zwanziger. Die Weimarer Republik und der Versailler Vertrag kamen zum Ende. Anfang der 1930er-Jahre folgten dann die Wahlen, die die Nazis an die Macht gebracht haben. Es war eine dunkle Zeit, die im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt hatte. Der Markt hatte damals überhaupt keine Möglichkeit, wieder Vertrauen zu fassen.
Es gibt derzeit Stimmen, die Parallelen zu der Zeit ziehen.
Es gibt Menschen, die glauben, dass die Pax Americana zum Ende kommt und wir uns derzeit im Übergang zu einer neuen Phase befinden, in der es in verschiedenen Teilen der Welt wieder rechtsextreme Regime gibt. Man kann darüber streiten, ob das auch in Amerika bereits der Fall ist.
Stehen wir also an einem Wendepunkt?
Das ist die Frage. Wir können uns derzeit auf jeden Fall nicht mehr sicher sein, ob im Falle eines Crashs nach sechs bis sieben Jahren wieder Höchststände erreicht werden. Die Ordnung, die diese Logik begründet hatte, könnte dann nicht mehr existieren.
Das klingt Angst einflößend.
Die US-Regierung ist erst ein Jahr im Amt. Was sie in der Zeit schon kaputt gemacht hat, ist unfassbar. Aus Dutzenden internationalen Organisationen hat sie sich verabschiedet. Sie hat das Völkerrecht mit Füßen getreten. Sie drangsaliert ihr eigenes Volk, sie lässt Agenten der Einwanderungs- und Zollbehörde auf den Straßen patrouillieren. Sie zerstört bewusst ihr eigenes moralisches und politisches Fundament, um innenpolitisch Macht zu gewinnen. Hinzu kommen die auch wirtschaftlich höchst bedenklichen Entwicklungen.
Was meinen Sie damit genau?
Den Druck auf die US-Notenbank Federal Reserve zum Beispiel. Aber auch – wie bereits erwähnt – die Eingriffe in die Eigentumsrechte der Unternehmen. Das sind Eingriffe in die ökonomische Ordnung. In einer meiner Kolumnen habe ich zum Amtsantritt von Donald Trump am 20. Januar 2025 geschrieben: „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen.“ Und es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Daher ist die Frage sehr berechtigt, ob die Finanzmarktlogik, wie wir sie kennen, noch funktioniert.
Was sollten Anleger tun, die nun Angst bekommen?
Erst mal – wie immer – ihre Geldanlage breit streuen. Auch in normalen Zeiten sollte ein Portfolio diversifiziert sein. Je größer die Risiken, desto breiter aufgestellt sollte die Geldanlage sein. Es gibt Anlageklassen wie die bereits erwähnten Anleihen, die werden von einem Börsencrash weniger betroffen sein. Und auch diese Anlageklasse kann ich noch mal diversifizieren, indem ich europäische Staats- und Unternehmensanleihen kaufe und Anleihen aus Schwellenländern.
Viele Menschen kaufen Gold oder Gold-ETFs.
In Gold zu investieren, kann sinnvoll sein. Gold ist derzeit zwar sehr teuer. Aber es hat einen dämpfenden Effekt auf die Schwankungen in einem Depot. Gold ist die Antikrisenanlage schlechthin.
Alles zu verkaufen, was halten Sie davon? Es soll Menschen geben, die nicht mehr ruhig schlafen können.
Langfristig ist es sinnvoll, investiert zu bleiben. Das Geld unters Kopfkissen zu legen, davon rate ich unbedingt ab, auch schon wegen der Inflation. Aber man sollte nicht unterschätzen, wie stark der psychologische Druck für manche Menschen ist.
Source: faz.net