Wien, Burgtheater, A-Premiere. Mit dem Ofczarek. Der Reinsperger. Der Peters. Große Besetzung. Große Bühne. Draußen vor dem berühmtesten Theater der Welt fahren die Taxis vor, Damen in rauschenden Kleidern steigen aus, Herren mit weißen Schals halten die Türen auf. Aus der Straßenbahn kommen die durchschnittlicher gekleideten Theaterbesucher, die gibt es schon auch, die Kulturwissenschaftlerinnen im sechsten Semester und die Regieassistenten mit weißen Tennissocken über den Jeans. Aber die sind hier in der Minderheit. In der Mehrzahl wird das Theater an diesem Abend von Parfümwolken und Diamantenketten bevölkert.
„Wir sind noch einmal davongekommen“ – so heißt das Stück, so ist die Stimmung. Brennen tut die Welt anderswo, hier hat höchstens das Taxi etwas mehr gekostet. Es nützt im Theater, insbesondere im Wiener Burgtheater, nichts, so zu tun, als wäre es fünf vor zwölf, als stünde die Katastrophe kurz vor der Tür. Das glaubt, das fühlt hier eh niemand. Die Apokalypse kann man sich im Parkett höchstens als Farce vorstellen. Deshalb passt die Satire „Wir sind noch einmal davongekommen“ des amerikanischen Dramatikers Thornton Wilder im Grunde ganz gut zur gegenwärtigen Geisteslage: „alles schlimm, aber wir kommen da schon durch“.
So groß sind die Krisen nicht
Wilders Groteske, die 1942 kurz nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten entstand, setzt die Überlebensfähigkeit der menschlichen Spezies im Angesicht aller möglichen Katastrophen humoristisch in Szene. Im Zentrum steht die Familie Antrobus, die stellvertretend für die gesamte konventionelle Menschheit große Krisen überlebt. So groß sind diese Krisen dann allerdings auch wieder nicht, als dass sie den Umfang eines Aktes sprengen würden.
Von denen hat das Stück drei, und jeder hält eine besondere Herausforderung für die Familienmitglieder bereit, und zwar in dem Sinne, als wären Eiszeit, Sintflut und Krieg kleine Hindernisse bei der Schatzsuche auf einem Kindergeburtstag. Und wie kommentiert man solche Aufgaben als anwesender Erwachsener am besten? Natürlich mit jovialem Humor und Zitaten aus der Odyssee.
Schon in der Anordnung wirkt das Ganze ein wenig beschaulich. So revolutionär die allegorische Mischung aus Komödie und Katastrophe, so progressiv die eingeschobenen Selbstreflexionen über die Machart des Theaters Anfang der Vierzigerjahre gewirkt haben mögen, so bieder und arglos wirken sie heute. Jedenfalls wenn man sie so vom Blatt spielen lässt, wie es Regisseur und Burg-Intendant Stefan Bachmann seinem Starensemble aufträgt.
Ein My zu routiniert
Die inzwischen ein My zu routiniert raffinierte Stefanie Reinsperger, die aus Berlin nach Wien zurückgekehrt ist, um die Burgfesten mit ihrer anarchistischen Spielwucht zu erschüttern, tritt hier als hysterische Haushälterin Lily auf, um das Stück, den Autor und seine Rollenmuster mit dem Staubsauger in der Hand zu beschimpfen – sie tut das so nachdrücklich, dass man ihr die angebliche Doppelbödigkeit nicht ganz abnehmen will. Und auch ihre wütenden Ausfälle gegen die Regie, gegen „den Stefan“, kann man durchaus auch anders als nur ironisch verstehen.
Diese humorvoll gedachte Sache ist ernsthaft schiefgegangen, so denkt man schon nach der ersten halben Stunde – und da kommen dann noch zweieinhalb weitere. Schiefgegangen, weil weder die grell glitzernden Kostüme noch der Versuch, mit Musikeinlagen und Dinosaurierkostümen revuehaft Tempo zu machen, etwas an dem Eindruck ändern können, hier würde ein Stück im schlechtesten Sinne vorgeführt, also aus seiner historischen Prägnanz herausgerissen und gedankenlos in eine Gegenwart hineinkopiert, die von gänzlich anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen und dramaturgischen Gegebenheiten ausgeht. Dagegen kann auch die hochklassige Spielkunst des Ensembles – zu der auch etwa der wunderbar wackere Branko Samarovski und die zärtlich aufmüpfige Elisabeth Augustin gehören – nichts ausrichten.
Genauso wenig wie das ausdrucksstarke Bühnenbild von Olaf Altmann, der versucht hat, seinem Regisseur mit einer monumentalen Setzung den Weg in eine bedeutungsoffene Abstraktion zu ebnen. Altman hat Wilders kammerspielartige Szenerie nämlich ins Innere eines riesigen Flugzeugbauchs verlegt und damit eine geschickte Übertragung der Arche-Noah-Stimmung angeboten. Aber der Regie fehlt an diesem Abend die inszenatorische Vorstellungskraft, um ein solches Angebot anzunehmen – alle Fellini-Hoffnung geht am Wiener Burgtheater ins Leere. Was bleibt, ist eine schon aus Bachmanns Kölner Intendanz bekannte Schmalspur-Slapstick-Attitüde. Der Abend wirkt wie eine theatrale Antäuschung – so wie die Kostüme nur golden glitzern, aber nicht golden sind, so klingen auch die meisten Sätze: hohl und falsch. Nicht einmal die mythischen Referenzen, die Wilder aus Homer und den Büchern Moses herbeizitiert, wirken zweideutig, sondern einfach nur bildungshubernd profan.
Sie scheint sich selbst zu langweilen
Das alles führt dazu, dass selbst ein sonst so szenensicherer Schauspieler wie Nichoas Ofczarek von der allgemeinen Arglosigkeit angesteckt wird und zum Abziehbild eines allegorischen Gedankens degradiert. Und auch die könnensbewusste Caroline Peters scheint von den Sätzen, die sie als Mrs. Antrobus sagen muss, selbst am meisten gelangweilt.
Ein Abend, von dem man gut davonkommt, ohne sich darüber größere Gedanken machen zu müssen. „Im Krieg hoffen die Menschen auf ein besseres, im Frieden auf ein bequemeres Leben“, heißt es einmal im Stück. Davon hätte man ausgehen, damit hätte man einen Schlag ins Gesicht auch unserer Gegenwart versuchen können. Das Parfüm vertreiben, die Gewissen beunruhigen – aber der Satz verklingt wirkungslos im Ungefähren einer leidlich lustigen Unterhaltungsatmosphäre.
Dass uns wirklich etwas drohen könnte, von dem wir davonkommen müssten – dieses Bewusstsein wird hier an keiner Stelle geweckt. Die Heuschreckenschwäre und Vulkanausbrüche, von denen die Rede ist, bleiben besinnlicher Konversationsstoff. Und so passt die Inszenierung am Ende eben vielleicht wirklich ganz gut zu diesem Premierenpublikum, das die Gefahr nicht kennt. Ihm vertraut geblieben ist allein die Gefährdung seines Gefühls: Ein junges Paar steht nach Vorstellungsschluss draußen an der Burg-Mauer und küsst sich leidenschaftlich zum Abschied. Er hält mit der Hand ihren Rücken, sie hat den Arm um seine Schultern gelegt – ein Stillleben zum großen Schwur: „Was immer geschieht“. Und vielleicht ist das am Ende ja die angemessenere Übersetzung des Wilder’schen Themas, des Davonkommens aus der Katastrophe: dass wir uns halten und aushalten über alle Trennung hinweg.
Source: faz.net