Burgtheater | Der Herr am Ring: Intendant Stefan Bachmann feiert 250 Jahre Burgtheater

Wenn man anfängt, in die 250-jährige Geschichte des Burgtheaters in Wien einzutauchen, findet man vieles, was von den Altvorderen gut durchdacht, und manches, was überhaupt nicht durchdacht war.

So etwas ereignet sich zu allen Zeiten. Der erste Vorgängerbau des Burgtheaters stand noch vis-à-vis der Hofburg am Michaelerplatz. Dieses Nächst-der-Hofburg samt kaiserlicher Einflussnahme ist Gott sei Dank vorbei. Kaiser Joseph II. hatte bei Gründung des Hauses 1776 nämlich schriftlich verlangt, auf der Bühne keine traurigen Ereignisse zu behandeln. Wollte man damals Romeo und Julia, Hamlet oder gar Richard III. spielen, gab man den Stücken einen „Wiener Schluss“. Gewünscht war ein Happy End. Gut, das scheint vorbei zu sein, solange nicht die rechtspopulistische FPÖ regiert.

Das heutige Burgtheater hat seit 1888 seinen Platz am Ring, vis-à-vis vom Wiener Rathaus. Übrigens miterbaut von Gottfried Semper, weshalb es auch architektonisch Ähnlichkeiten mit der Dresdner Semperoper aufweist. Zwischen den Standorten am Michaelerplatz und dem heutigen an der Ringstraße gab es noch einen weiteren Vorgängerbau, dessen Lebenszeit 1881 mit einem schrecklichen Brand endete. Weil die Türen sich nicht nach außen, sondern nur nach innen öffnen ließen, kam es infolge panischen Drängelns zu mehr als 384 Toten. Aus der Dummheit hat man gelernt. Seitdem lassen sich die Türen, die aus den Räumen führen, nur nach außen öffnen.

Das Große im Kleinen

Zu den noch nicht lange zurückliegenden Bildern, die das Burgtheater gemacht hat, gehört die Beerdigung des früheren Intendanten Claus Peymann im Herbst 2025. Der Tote wurde erst auf der sogenannten Feststiege aufgebahrt und anschließend im Sarg um das Haus getragen. Eine aus 250 Jahren Tradition stammende Ehre für eine prägende Figur des Hauses. Peymann, der Piefke, also der Deutsche, war Direktor von 1986 bis 1999. Er hat in seiner Zeit die Stücke von Thomas Bernhard inszeniert. 1988 Bernhards Anklage des vergangenheitsvergessenen Österreich in Heldenplatz. Über das Künstlerische hinaus hat er aus dem Haus ein Politikum gemacht. Seine Gegner sahen ihn als Störfall und waren froh, dass sein Vertrag 1999 nicht verlängert wurde.

Ob das Burgtheater von Kürzungen, wie sie an nahezu allen Orten der Kultur vorgenommen werden, verschont bleibt, davon war noch nichts zu hören. Vermutlich muss der derzeitige Direktor Stefan Bachmann, der seit der Spielzeit 2024/25 amtiert, nicht für das Geld Sorge tragen (üppig wird es nie sein), sondern seine Sorge darf der Qualität von etwa 50 Neuproduktionen pro Spielzeit gelten. Sie wurden in den vier Spielstätten des Hauses fast 1.650 Mal gespielt. Die Platzauslastung im Burgtheater lag in der ersten Spielzeit seiner Intendanz bei 79 Prozent. Inzwischen liegt sie bei über 80 Prozent.

Das macht Bachmann – hier zeichnet sich vorsichtig ein Programm ab – mit vielen kleineren Projekten: Nicholas Ofczarek liest Thomas Bernhards Roman Holzfällen, und das Tiroler Kammerensemble Musicbanda Franui begleitet ihn dabei, Stefanie Reinsperger spielt die Sisi in Mareike Fallwickls Elisabeth!, und in Peter Handkes Selbstbezichtigung ist sie ebenfalls die einzige Darstellerin. Der vielseitige Nils Strunk bietet Stefan Zweigs Schachnovelle als Monodrama mit Musik. All diese Produktionen laufen auf der großen Bühne der Burg und sind oft lange im Vorfeld ausverkauft. Sie haben sich herumgesprochen: Muss man gesehen haben! Gut so. Aber besser wäre es, wenn auch die großen Produktionen die Theatergänger der österreichischen Hauptstadt um den Schlaf brächten oder die Juroren vom Berliner Theatertreffen. Dahin war man 2024, 2025, 2026 nämlich nicht eingeladen.

Hohe Erwartungen

Die großen Inszenierungen mit großem Ensemble sind gut, manchmal besser und auch mal sehr gut, aber kein Stern am Theaterhimmel. Zu denen mit dem höchsten Prädikat gehört sicher Stefan Bachmanns Theaterfassung des Romans Johann Holtrop von Rainald Goetz, die er aus Köln – seiner vorherigen Arbeitsstelle – mitgebracht hat. Der Abriss der Gesellschaft, wie der Roman im Untertitel heißt, wird vom Regisseur in Frauenhände gelegt. Alle Figuren aus der Führungsetage eines Großkonzerns sind mit Schauspielerinnen besetzt. Dasselbe Prinzip, das Bastian Kraft für die Dramatisierung und Regie von Die verlorene Ehre der Katharina Blum nach Heinrich Böll angewandt hat. Auch das eine überzeugende Inszenierung, die ihre Premiere in Köln hatte.

Für den 20. März nun stand die Premiere von Thornton Wilders Wir sind noch einmal davongekommen schon vom Datum her auf dem Jubiläumsplatz. Auch wenn man sagen muss, dass das Jubiläum im Spielplan ziemlich zugebuddelt war. Auf jeden Fall handelte es sich um Bachmanns zweite Arbeit als Direktor in dieser Spielzeit, und sie war schon deshalb mit besonderen Erwartungen verbunden. Ob der Burgtheaterdirektor als Regisseur bei der Kritik damit davonkommen wird, war die bestimmende Frage.

Die Wahl des 1942 verfassten Stücks – die USA waren gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten – scheint so richtig in unsere Zeit zu passen. Erzählt wird von der Familie Antrobus – Vater, Mutter und zwei schwer zu bändigende Kinder –, stellvertretend für die gesamte Menschheit. Eine Parabel auf alle möglichen Katastrophen – im Stück sind es Eiszeit, Sintflut und Krieg –, die mit Abgrund und Apokalypse drohen, aber immer wieder mit Überlebenswillen beiseitegeschoben werden. Wir sind noch mal davongekommen und machen weiter.

Bachmann positioniert sich

Passt das auf uns, denen pausenlos neue Nachrichten von Kriegen und Umweltkatastrophen ins Wohnzimmer flimmern? Können wir uns hinter den Satz stellen: Wir sind noch mal davongekommen? Ob wir davonkommen werden oder nicht, ist noch nicht entschieden! An dieser Frage, ob Thornton Wilders Stück in die Weltlage 2026 passt oder nicht, entzündet sich in Wien gerade die Aufnahme der Inszenierung. Bachmann hat sich auf „Es passt!“ festgelegt. Der Regisseur lässt der Familie Antrobus ihre unkaputtbare Hoffnung und folgt ihrem Willen zum Überleben. Er hätte mit einer anderen Lesart gegen den Text inszenieren können.

Weil wir in Zeiten von Katastrophen, Krisen und Kriegen leben müssen, wird Ermutigung ersehnt. Thornton Wilder bietet aber gar nicht so viel davon. Er lässt das Dienstmädchen Sabina, gespielt vom aktuellen Publikumsliebling Stefanie Reinsperger, im dritten Akt lediglich sagen: „Das ist alles, was wir tun können – immer wieder von vorn anfangen!“ Stefan Bachmanns Inszenierung in Starbesetzung – neben Reinsperger spielen Caroline Peters (Mrs Antrobus) und Nicholas Ofczarek (Mr Antrobus) – stellt sich hinter diesen Gedanken und leitet daraus ihre Berechtigung ab. Kritiker halten ihm Kleinmütigkeit vor. Er hätte die Welt, da, wo sie diese Untergangsszenarien produziert, angreifen sollen. Wirklich? Überschätzt sich das Theater als Weltenrichter nicht? Im Text des Stückes heißt es aus dem Mund von Sabina: „Wir sollten ein großes Loch ausheben und in dieses den Krieg werfen, dass er für immer verschwindet.“ Von hier aus führt Stefan Bachmanns Inszenierung weg vom Weltuntergang und hin zum Weltweitergang.

Wenn im dritten Akt wieder weltanschauliche Dispute geführt und die Autoren der schlauen Sätze genannt werden – dies sagte Ernst Bloch, jenes schrieb Hannah Arendt – und die Darsteller ihren Sätzen mit dem Zeigefinger Nachdruck verleihen, wenn an Texten aus dem Stegreif, die der Autor als Spielprinzip im Sinn hatte, gespart und der Ernst der Lage hochgefahren wird, wenn Niels Strunk als souveräner Moderator am Ende nur noch einmal auf die Bühne darf, um mit dem Finger zu schnipsen, fallen an der Inszenierung einige handwerkliche Schwächen auf. Man möchte sagen: Da war mehr möglich.

Wohin kippt die Lage in Österreich?

Aber es war auch weniger möglich. Zumindest Teile des Publikums waren überzeugt von Bachmanns Theaterverständnis, auf der Bühne immer die Wirklichkeit der Zuschauer im Blick zu behalten. Dieser Teil wird es gewesen sein, der am Ende des dreistündigen Theaterabends „Bravi“ rief und lange applaudierte. Als Regisseur bewegt sich Bachmann nicht in der Blase derer, für die das Theater ihr Weltersatz ist, sondern sucht den Dialog. Mit seinem Publikum und mit den Mitarbeitern.

Das zeigte er am Ende der Premiere von Wir sind noch einmal davongekommen. Ein ambitioniertes Ensemble von rund einem Dutzend Darstellerinnen und Darstellern und die mindestens dreifache Zahl an mithelfenden Akteurinnen und Akteuren hinter den Kulissen durften sich gemeinsam den Beifall des Publikums teilen. Nicht vergessen zu sein, wird dem Klima im Haus guttun.

Zu politischen Statements à la Peymann sieht sich ein Vierteljahrhundert später der Schweizer Stefan Bachmann nicht herausgefordert. Vielleicht auch: noch nicht. Wer weiß, wohin die Lage in Österreich eines Tages kippt? Die Inszenierung von Wir sind noch einmal davongekommen war sicher nicht in jeder Beziehung jubiläumslike, aber zur Premiere fand sie ihr Publikum. Schauen wir, wie die nächsten 250 Jahre verlaufen werden.

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