Auf dem Weg zur Einsatztauglichkeit genießt derzeit die Panzerbrigade 45 höchste Priorität. Die sogenannte Litauen-Brigade der Bundeswehr soll bis Ende 2027 mit etwa 5000 Soldaten an der NATO-Ostflanke im Baltikum stationiert werden. Die künftige Speerspitze des Heeres bekommt dafür in der andauernden Mangelphase Material aus anderen Teilen der Bundeswehr. Das soll dann im Laufe der Zeit durch Nachproduktionen aus der Industrie ersetzt werden.
Das Projekt ist auch eine Prestigeangelegenheit für seinen Erfinder und Initiator, Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Zwei große Baustellen gibt es momentan: Erstens gewinnt die Bundeswehr nicht genug Freiwillige, die bereit wären, mit Partnern oder Familien nach Vilnius und Umgebung zu ziehen. Zweitens fehlt es der Truppe an Drohnen, jenes Einsatzmittel, das gegenwärtig das Frontgeschehen in der Ukraine dominiert.
Wie katastrophal sich das im Falle eines Krieges der NATO mit Russland auswirken könnte, zeigte jüngst ein Manöverbericht von 2025, nach dem es einer Handvoll ukrainischer Drohnenpiloten gelungen war, an einem Vormittag beachtliche Teile zweier britischer und estnischer Bataillone auszuschalten. Zum Glück nur übungshalber.
Drohnen werden in großem Stil bestellt
Verglichen mit Esten und Briten liegt das deutsche Heer technologisch noch weiter zurück. Das soll sich allerdings ändern. Drohnen und Produktionskapazitäten werden in großem Stil bestellt, entsprechend groß ist die Nachfrage in diesem Markt. Die Anbieter, oft Start-ups mit ein paar Dutzend Mitarbeitern, aber drastisch wachsendem Risikokapital, überbieten sich mit Ankündigungen und Zielfantasien.
Da will Helsing, gegründet von einem ehemaligen Zivilbeschäftigten des Ministeriums, „souveräner europäischer Technologieführer“ werden. Ein Konkurrent behauptet: „Quantum hat ab sofort die Ambition, der führende Multi-Domain-Player im Bereich unbemannter Systeme zu werden.“
Und ein dritter Neuanbieter versucht es mit dem Kleinreden der Konkurrenz, indem er sagt: „Wir beobachten im Markt zunehmend Ankündigungen und Positionierungen, die stark auf Wahrnehmung am Kapitalmarkt einzahlen.“ Man selbst aber habe ausschließlich die Streitkräfte und deren Bedürfnisse im Blick.
Zur gegenseitigen Schlechtmacherei gehört auch das Verbreiten von Misserfolgsnachrichten von der Front, oder der Verweis auf angeblich politisch zweifelhafte Investoren, wie dem in Amerika erfolgreichen Peter Thiel, der als Trump-Unterstützer gilt. Der Wettlauf um die Ausstatter-Verträge erinnert an den Masken-Wettlauf zu Corona-Zeiten. Man wird sich nicht wundern, wenn irgendwann herauskommt, dass heiße Luft eines der Treibmittel auf dem Drohnen-Markt war.
Milliardenschwere Investitionen
Um welche schwindelerregenden Summen es geht, zeigen zwei Rahmenverträge für bewaffnete Drohnen (Loitering Munition), die in dieser Woche den Bundestag passieren sollen. Sie haben einen Gesamtauftragswert von mehr als vier Milliarden Euro. Begünstigt würden zwei Firmen, Stark (2,6 Milliarden) und Helsing (1,5 Milliarden), 268 Millionen Euro fließen quasi sofort im Rahmen einer Festbeauftragung.
Wie es im Branchendienst „Griephan“ heißt, sind Vertragsgegenstände „die Herstellung und Lieferung von Einsatz-Sets und Simulatoren mit dem Ziel, der Panzerbrigade 45 in Litauen für ihren großräumigen Schutz, zur Erhöhung ihrer Kampfkraft und zur Wahrung ihrer taktischen Handlungsfreiheit als Ergänzung zu den vorhandenen Mitteln im Bereich indirektes Feuer sog. „Loitering Munition“ bereitzustellen“. Das Ministerium beabsichtige, „zur Schließung einer bestehenden Fähigkeitslücke am neuen Standort in Litauen mit den Unternehmen Stark und Helsing Germany zeit- und inhaltsgleiche Verträge zu schließen“.
Allerdings gab es gegen einen Investor der Firma Stark zumindest bei Minister Pistorius selbst noch Vorbehalte. Dort nämlich hält Thiel einen Zehntel-Anteil. Pistorius hatte vorige Woche bei einem Truppenbesuch gesagt, es gebe Bedenken, die er ausdrücklich teile und die jetzt zu einer Überprüfung der operativen Bedeutung der Anteile dieses Investors an Stark führen werde.
Eine Sprecherin sagte dazu: „Insgesamt ist für uns wichtig, und zwar unabhängig von dieser Einzelpersonalie, dass ein möglicher Einfluss von Investoren auf Rüstungsprojekte und Rüstungsprodukte sehr ernst genommen wird und wir uns das vor Vertragsschluss wirklich sehr genau anschauen.“ Es gehe auch um eine Sicherheitsmaßnahme, „damit eben einzelne Investoren keinen Einfluss auf das operative Geschäft und auf Technologie- bzw. Forschungs- und Entwicklungsentscheidungen nehmen können“.
Und Regierungssprecher Stefan Kornelius ergänzte: „Die Bundesregierung achtet prinzipiell darauf, dass sie gerade auch in rüstungssensiblen Fragen Elemente der Souveränität behält und dass sie auch die Kontrolle über Kooperationen behält.“ Pistorius‘ Äußerungen über Thiel habe er „nichts hinzuzufügen“.
Zum Angebot von Stark zählt die Virtus-Kamikazedrohne, die mit einem bis zu fünf Kilogramm schweren Sprengkopf senkrecht starten kann und bei 100 Kilometern Reichweite eine Flugzeit von einer Stunde hat. Inzwischen wurde vom Ministerium klargestellt: „Für den beabsichtigten Vertragsschluss stellen Geheimhaltungsklauseln sicher, dass nur das im Rahmen der Realisierung betroffene Personal innerhalb des Unternehmens über vertrauliche Informationen Kenntnis erhält.“
Die Grünen fordern, Einfluss und Investment Thiels genauer zu prüfen. Man brauche, sagte die Verteidigungspolitikerin Sara Nanni, einen „gesetzlichen Schutzschirm“ gegen Einfluss von außen. Sie hielt Pistorius vor, sich bislang „auf die Selbstauskünfte des Unternehmens“ zu verlassen, wonach Thiel keinen direkten Einfluss bei Stark Defence ausübe. Das reiche bei weitem nicht aus. Der Fall Thiel zeige, dass vollständige Transparenz nötig sei, um zu verhindern, dass deutsche Steuergelder indirekt und direkt bei der Trump-Bewegung landeten.
Source: faz.net