Bücher zum Weltfrauentag: Drei Leseempfehlungen zum Weltfrauentag

Frauen als Hirngespinste im Kopf der Männer

Die Schweizer Autorin Alice Ceresa arbeitete von den Siebzigern bis zu ihrem Tod 2001 an einem „Kleinen Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit“ – 47 Einträge von A wie „Abtreibung“ bis W wie „Weiblichkeit“. Sie versucht eine feministische Dekonstruktion von Sprache, Literatur und Wissenschaft.

Alice Ceresa: „Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit“Diaphanes

Für Ceresa sind Sprache und Literatur durch patriarchale Mechanismen korrumpiert: Das Wort „uomo“ oder „homo“ erkläre den Mann zum Repräsentanten der Gattung Mensch. Einige „literarische Frauenfiguren“, die von männlichen Schriftstellern erschaffen würden, seien „im besten Fall als Transvestit zu betrachten, im schlechtesten Fall als bloße Hirngespinste“. Anders als prominente Vertreterinnen des Differenzfeminismus laufe Ceresas Ansatz, so unsere Rezensentin, aber niemals Gefahr, eine neue Essenz des „Weiblichen“ einzuklagen. Marianna Lieder zufolge gelingt ihr ein „nur schwer zu überschätzendes Kunststück: radikal subversiv zu schreiben, ohne dass die Subversion zur wohlfeilen Geste verkommt“.

Alice Ceresa: „Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit“. Mit einem Vorwort von M. Glassl und einem Nachwort von T. Crivelli. Aus dem Italienischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, Zürich 2025. 136 S., br., 18,– €.

Der lange Kampf gegen Vergewaltigung in der Ehe

Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar. Die Zeithistorikerin Hannah Catherine Davies hat den zwanzigjährigen Kampf um den Paragraphen 177 dokumentiert – mit all den kruden Argumenten, mit denen ein männliches Gewaltprivileg verteidigt wurde.

Hannah Catherine Davies: „Rechtsstaat und Patriarchat“. Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997Hamburger Edition

Petra Gehring ist beeindruckt, wie gründlich Davies die widrigen Verhältnisse nachzeichnet. Die Verteidiger des geltenden Rechts argumentierten damals, wie etwa der Kriminologe Hans-Joachim Schneider 1975, die meisten „Frauen und Mädchen“ wollten „bewusst oder unbewusst zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden“. Noch 1995 verteidigte der CDU-Politiker Wolfgang von Stetten den Status quo mit den Worten, es gehöre in einer Ehe dazu, die „‚Unlust‘ des Partners zu überwinden“. Ohne die autonome Frauenbewegung, ohne Notruftelefone und Frauenhäuser, ohne fraktionsübergreifende Frauenbündnisse wäre die Reform nicht zustande gekommen, so Gehring.

Hannah Catherine Davies: „Rechtsstaat und Patriarchat“. Eine Geschichte sexueller Gewalt in der Bundesrepublik 1973 bis 1997. Hamburger Edition, Hamburg 2025. 520 S., Abb., geb., 40,– €.

Eine Karriere als Künstlerin – mit neunundachtzig

„Männer werden weise, Frauen werden alt“? Die Journalistin Verena Lueken widmet sich elf Frauen über achtzig – Malerinnen, Schriftstellerinnen, Choreographinnen – und stellt der ungleichen Betrachtung des Alters bei Männern und Frauen Porträts entgegen, die hergebrachte Klischees zu überwinden versuchen.

Verena Lueken: „Alte Frauen“Ullstein Verlag

Lueken hat ihre Gesprächspartnerinnen an deren Wohn- und Wirkungsorten besucht, in Berlin, Rom, New York. Diese Nähe macht die Qualität der Porträts aus. Da ist Isabella Ducrot, die ihr erstes Bild mit Mitte fünfzig malte und drei Jahrzehnte später das erste Mal in einer Galerie ausstellte. Oder Carmen Herrera, die ihr Leben lang Künstlerin war, aber erst mit 89 Jahren ihr erstes Werk verkaufte. Die britische Autorin Jane Campbell schreibt Kurzgeschichten über alte Frauen, die Sex haben, streiten und manipulieren – „die eben all das machen, was Frauen im Alter oft abgesprochen wird“. Und die Choreographin Katharine Sehnert performt mit Mitte achtzig vor überraschten Passanten „am Laternenmast“. Lueken gelingt es, so unsere Rezensentin Vanessa Fatho, „auf kluge, unsentimentale Weise elf Porträts dieser ‚alten Frauen‘ zu zeichnen, die weise und sinnlich zugleich sein können“.

Verena Lueken: „Alte Frauen“. Ullstein Verlag, Berlin 2025. 320 S., Abb., geb., 24,99 €.

Source: faz.net