Fanatismus der iranischen Führung
Der amerikanische Politikwissenschaftler Vali Nasr analysiert Irans Großstrategie und räumt mit westlichen Fehlwahrnehmungen auf: Das Handeln der Führung in Teheran sei nicht durch religiösen Eifer, sondern durch pragmatisches Kalkül bestimmt.
„Das Wissen im Westen über Irans strategisches Kalkül ist hoffnungslos unzulänglich und gefährlich veraltet“, schreibt Nasr gleich zu Anfang seines Buches. Nicht die Revolution von 1979, sondern der Krieg gegen den Irak (1980 bis 1988) präge laut Nasr die Weltsicht der Führung. Khamenei sah „sich als Turban tragender Oberbefehlshaber, der über einen von Sicherheitskräften dominierten Staat herrscht“, schreibt Nasr. Unsere Rezensentin Friederike Böge hebt hervor: „Interessant wird es in dem Buch immer dann, wenn Nasr das Ineinandergreifen von Innen- und Außenpolitik beschreibt.“ Aus Erfahrungen mit dem Westen habe Khamenei den Schluss gezogen, „dass jegliche Signale der Versöhnung vom Westen als Schwäche interpretiert werden würden“.
Vali Nasr: „Iran’s Grand Strategy“. A Political History. Princeton University Press, Princeton 2025. 408 S., 35,– €.
Wie die Islamische Revolution den iranischen Alltag zersetzte
Der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan rekonstruiert in seinen Erinnerungen die Islamische Revolution von 1979 aus der Perspektive eines mittelständischen Teheraner Viertels – und zeigt, wie aus Nachbarn Revolutionäre und aus Bürgern Vollstrecker wurden.
Unsere Rezensentin Verena Lueken hebt hervor, dass sich Cheheltan „aufs Neue als vielschichtiger, ironieversierter Beobachter und Erzähler“ erweist. Der damals zweiundzwanzigjährige Autor beobachtete die Ereignisse aus seinem Viertel, „einem mittelständischen Stadtteil mit Händlern und Handwerkern, einige gläubig, andere weniger, die meisten geschmeidig, wenn es um ihre politischen Sympathien ging“. Cheheltan zeigt, dass „der Klerus durch Nachbarschaftsvereine, Nothilfen und schließlich brutale Herrschaft aus jedem religiösen Anlass ein politisches Ereignis“ machte. Lueken resümiert: „Eine wahre Geschichte des Horrors, auf eine Weise erzählt, in der aufscheint, dass es auch anders hätte kommen können.“
Amir Hassan Cheheltan: „Der standhafte Papagei“. Erinnerungen an Teheran 1979. Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018. 197 S., geb., 22,– €.
Wenn die postrevolutionäre Generation aufbegehrt
Der deutsche Politikwissenschaftler Cornelius Adebahr, der während der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadineschad in Teheran lebte, analysiert den Generationenkonflikt in Iran – und zeigt, warum zukünftiger Wandel von innen kommen muss.
Adebahr richtet den Blick auf die iranischen Millennials und die postrevolutionären Generationen. Adebahr zeige, so unser Rezensent Rainer Hermann, „wie sich die iranischen Millennials nicht mehr mit den Zuständen in ihrem Land zufriedengeben und wie sich ein Generationenkonflikt zwischen den Revolutionären von 1979, die es sich im System bequem gemacht haben, und der Jugend, die ohne Zukunftsaussicht bleibt, zuspitzt“. Der Wandel werde in Iran entschieden werden, nicht aber durch ausländische Politiker und Staaten, so Adebahr.
Cornelius Adebahr: „Inside Iran“. Alte Nation, neue Macht? Verlag J.W.H. Dietz Nachf., Bonn 2018. 248 S., 22,– €.
Der lange Weg der islamischen Modernisierung
Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze hat sein Standardwerk „Geschichte der islamischen Welt“ in aktualisierter und erweiterter Fassung vorgelegt. Seine These: Die Entwicklungen seit 1900 sind ein widersprüchlicher Modernisierungsprozess, der durch den Westen zugleich stimuliert und behindert wurde.
Schulze deutet die historischen Entwicklungen in der islamischen Welt als „einen schmerzhaften, zutiefst widersprüchlichen Prozess der Auseinandersetzung mit einer unausweichlichen (Selbst-)Modernisierung“, wie Wolfgang Günter Lerch schreibt. Der Autor bietet eine „Tour d’Horizon der Geistes-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte sowie der politischen Geschichte der islamischen Länder seit 1900“ und analysiert unter anderem die „Erosion der islamischen Öffentlichkeit“ zwischen 1979 und 1989. „In einer Zeit, da zahlreiche Publikationen sich zwangsläufig einseitig mit den radikalsten ‚islamischen‘ Ideologien befassen, kommt eine solche Tiefenbohrung, die auch die wachsende Interdependenz der Kulturen aufzeigt, genau zur rechten Zeit.“
Reinhard Schulze: „Geschichte der islamischen Welt von 1900 bis zur Gegenwart“. Verlag C.H. Beck, München 2016. 760 S., geb., 34,95 €.
Chronik des iranischen Widerstands
Die Journalistin und Ärztin Gilda Sahebi dokumentiert die feministische Revolte in Iran zwischen September und Dezember 2022 – und appelliert an die Welt, das Interesse an der Oppositionsbewegung nicht zu verlieren.
Sahebi leitet die Leser „zunächst versiert durch den Strom der Ereignisse“, stellt die wichtigsten Akteure vor und zeichnet „den frechen und bunten Protest der Frauen, Künstler, Musiker, Jugendlichen und Schülerinnen nach“, die 2022 gegen das Regime auf die Straße gegangen sind, so Monika Remé. Die Brutalität der Mullahs und der Mut der Protestierenden sind die dominanten Stränge des Buches. „‚Unser Schwert ist Liebe‘ erfüllt damit einen Auftrag, den Sahebi an sich selbst stellt: diese Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren“, schreibt die Rezensentin. Remé resümiert: Das Buch ist „sehr zu empfehlen, um die Ereignisse in Iran zu verfolgen, ihre Bedeutung zu begreifen und sich immer wieder von der Hoffnung anstecken zu lassen“.
Gilda Sahebi: „Unser Schwert ist Liebe“. Die feministische Revolte im Iran. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023. 256 S., 24,– €.
Wahre Geschichten aus der Stadt der Lügen
Die britisch-iranische Journalistin Ramita Navai porträtiert acht Teheraner, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Regime arrangieren – und räumt mit falschen Vorstellungen über Iran auf.
Navai nutzt ihre Protagonisten – eine Prostituierte, einen Basidsch-Milizionär, einen Aktivisten –, um das Milieu auszuleuchten, das sie umgibt. Die acht Teheraner sind reale Personen, die die Autorin als Korrespondentin interviewt hat; das Buch montiert ihre Geschichten zu Kurzerzählungen. Friederike Böge betont: „Die Stärke des Buches liegt darin, dass Navai das schwer zu greifende iranische System mit all seinen Widersprüchen in den Lebensgeschichten ihrer Figuren sichtbar macht.“ Navais Thema ist die Scheinheiligkeit und Heuchelei, die das System befördert. Ihre Figuren sind weder gut noch böse – „Kategorien, die im Zusammenhang mit Iran sonst allzu schnell bei der Hand sind“. Dem Vorwurf, die Brutalität des Regimes zu verniedlichen, begegne Navai mit Sätzen wie: „Doch sie blieb nicht lange im Gefängnis. Es war ein wunderbarer Frühlingstag, an dem Leyla gehängt wurde.“
Ramita Navai: „Stadt der Lügen“. Liebe, Sex und Tod in Teheran. Aus dem Englischen von Yamin von Rauch. Verlag Kein & Aber, Zürich 2016. 288 S., geb., 22,– €.
Zeugnis aus dem abgeschnittenen Teheran
Die iranische Autorin und Aktivistin Nila schreibt unter Lebensgefahr und Internetsperre aus Teheran. Ihr neues Buch dokumentiert die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung – und zeigt die Zerrissenheit der Opposition.
Mehr als zwei Wochen lang war das Internet in Iran vollständig abgeschaltet. Dann erreichte die F.A.Z. ein Text von Nila, Autorin und vor allem „Zeugin“, wie sie in ihrem Buch betont, „dessen, was iranischen Frauen und Demonstrierenden von dem mörderischen Regime angetan wird“. Sie dokumentiert die jüngsten Massenproteste, bei denen nach verschiedenen Schätzungen zwischen 12.000 und 30.000 Menschen getötet wurden. Erstmals schlossen sich auch die Basaris – traditionell eine Hauptstütze des Regimes – den Protesten an: „Das war der Moment, als sich zum ersten Mal alle Schichten, Klassen und Gruppen, die keinerlei Verbindung zum Regime hatten, zu diesem Aufstand vereinten.“ Nila beschreibt aber auch die tiefe Spaltung der Opposition zwischen Monarchisten, die „Pahlavi kehrt zurück“ rufen, und jenen, die „Frau, Leben, Freiheit“ fordern.
Nila: „Auf den Straßen Teherans“. Aus dem Persischen von Asal Dardan. Pfaueninsel Verlag, Berlin 2026. 144 S., 20,– €.
Source: faz.net