Der Mut und die Standhaftigkeit, mit der Gisèle Pelicot ihren Vergewaltigern im Gerichtssaal entgegentrat, hat sie zu einer weltweiten Ikone der Frauenbewegung gemacht. Nun hat die Französin ihre Memoiren veröffentlicht.
Dieses Buch ist ein Akt des Widerstandes. Mit ihrer Lebensfreude trotzt Gisèle Pelicot ihrem Schicksal und ihren Peinigern. Sie wolle eine Botschaft der Hoffnung senden: Man könne trotz schwerer Prüfungen in sich selbst die Kraftquellen finden, um wiederaufzustehen und weiterzumachen, sagt sie und setzt im Gespräch mit dem Radio-Sender France Inter hinzu: „Man muss sich selbst Vertrauen schenken und sich erlauben, glücklich zu sein.“
Das wird ihr tatsächlich wieder gelingen – am Ende des Buches mit dem Titel „Eine Hymne an das Leben“. Doch zunächst beschreibt Gisèle Pelicot auf 255 ebenso packenden wie erschütternden Seiten, was sie durchgemacht hat: Sie beschreibt den Tag im November 2020, als man ihr auf dem Kommissariat im südfranzösischen Carpentras die ersten Beweisfotos vorlegte. Bilder ihrer eigenen Vergewaltigung.
Ich erkannte diese Männer nicht. Und auch nicht die Frau. Ihr Gesicht war so schlaff. Ihr Mund ebenfalls. Eine Stoffpuppe.
50 Jahre auf den Müll?
Gisèle Pelicot erzählt, wie ihre Familie angesichts des Grauens zu zerbrechen droht, sie die Trauer auseinander reißt. Sie spricht vom Unverständnis ihrer Tochter darüber, dass die Mutter sich weigert, die 50 Ehejahre mit dem Vergewaltiger Dominique Pelicot zu verteufeln. Doch das hätte bedeutet, ihr gesamtes Leben einfach in den Müll zu werfen, erklärt Gisèle Pelicot: „Ich musste daran glauben, dass diese 50 Jahre nicht ausschließlich aus Lüge bestanden hatten. Sonst wäre ich gestorben. Der Mensch besteht doch aus Erinnerungen.“
Deshalb berichtet Gisèle Pelicot mit großer Zärtlichkeit auch von den schönen Momenten mit ihrem früheren Ehemann, in den sie sich als junge Frau unsterblich verliebt hatte. Dominique und sie hätten sich gegenseitig „gerettet“ – aus einer düsteren Kindheit voller Hartherzigkeit, Gewalt und Traurigkeit.
Die frühe Begegnung mit Dominique Pelicot wurde für die junge Gisèle zum Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben.
Niemand sah mich so an wie er, so intensiv und errötend. Ich war nicht länger das hässliche stämmige Mädchen, das von der Stiefmutter herabgesetzt wurde.
„Ich werde nicht nachgeben“
Vom ersten Augenblick an habe sie ihren Mann vor allem und jedem in Schutz genommen. Ihre unerschütterliche Kraft, an das Gute im Menschen zu glauben, trug letztlich dazu bei, dass sie die Warnzeichen nicht deutete, dass sie zum Opfer wurde: „Diese Scham klebt einem auf der Haut. Das ist eine doppelte Strafe.“ Diese Scham zu empfinden, sei wie ein Leid, das man sich selbst zufüge, erklärt Pelicot in France Inter.
Doch sie befreit sich aus der Ohnmacht des Opferstatus und beschließt kurz vor Beginn des Prozesses auf einem ihrer vielen einsamen Spaziergänge am Strand, dass das Verfahren gegen die 51 Angeklagten öffentlich stattfinden müsse. Tränenüberströmt habe sie da an der Düne gestanden und beschlossen: „Diese Männer werden es teuer bezahlen. Ich werde ihnen begegnen und in die Augen schauen. Ich werde nicht nachgeben.“
Ein Prozess mit Folgen
Dieser Prozess hat viele Menschen in Frankreich wachgerüttelt. Frauenorganisationen berichten von mehr Zulauf. Die Kosten für Drogen- und Medikamententests beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch werden inzwischen vom Staat übernommen. Außerdem wurde die lang geplante Reform des Strafrechts umgesetzt. Nun ist jede sexuelle Handlung, der die Frau nicht frei, explizit, bei vollem Bewusstsein und im Vorfeld zugestimmt hat, strafbar.
Doch nach Angaben des Innenministeriums führen immer noch die wenigsten Anzeigen zu einer Verurteilung. Ärztinnen und Ärzte – etwa des Frauenhauses „Maison des femmes“ in Saint Denis – warnen vor Nachahmern. Auf die fingierte Anzeige einer Journalistin von RTL France, die der von Dominique Pelicot seinerzeit ähnelte, meldeten sich im Januar binnen 48 Stunden 30 Interessenten. Und Psychologinnen berichten aus Gesprächen mit Betroffenen, dass die Scham keineswegs die Seite gewechselt habe.
Es ist also noch ein weiter Weg für die Gesellschaft, und Gisèle Pelicot will ihn mit den Frauen gemeinsam gehen. Denn ohne ihre Solidarität und lautstarke Unterstützung während des viermonatigen Prozesses im Herbst 2024 hätte sie diese schwere Prüfung nicht überstanden, sagt Gisèle Pelicot heute.
Ihr Buch ist keine Abrechnung und auch keine Heldinnengeschichte. Es ist die berührende Bilanz einer Frau, die in sich die Kraft gefunden hat, die Scham zu überwinden, Gerechtigkeit einzufordern und sich aus den Ruinen ihres Lebens neu zu erfinden. Gisèle Pelicot, die ungeplant zur Feministin wurde, will keine Ikone sein, sondern einfach eine Frau, die mit ihrem Kampf und mit diesem Buch anderen Frauen Mut macht.
Source: tagesschau.de