Seit diesem Wochenende steht es fest: Rumänien wird 2028 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Dieser Auftritt wird Aufmerksamkeit auf Kultur, Sprache und Literatur eines historisch vielfach mit Deutschland verbundenen Landes lenken, dessen Literatur trotz einiger bekannter Namen jedoch immer noch ein unangemessenes Schattendasein führt. Häufig genannte Namen wie Norman Manea, Mircea Cărtărescu oder Gabriela Adameșteanu bestimmen die Wahrnehmung in Publikumsverlagen. Aber die in Rumänien als klassisch betrachteten Werke von Rebreanu, Papadat-Bengescu, Petrescu, Caragiale, Arghezi, die in der DDR noch (nach Plan) mustergültige Bearbeitung durch gründlich ausgebildete Übersetzerinnen und Übersetzer erfuhren, fehlen; die aktuelle Bücherlandschaft unter den Bedingungen eines in Konzernverlagen von Umsatz- und Gewinnmaximierung dominierten Marktes tut sich schwer damit, das sich verändernde Rumänien als kulturellen Raum in deutscher Sprache lesbar zu machen.
Gerade die jüngere Generation rumänischer Publizierender – globalisiert, aktivistisch und digitalisiert, wie sie vor zwei Jahren das Berliner Literaturhaus lebendig unter dem Motto „Don’t look back“ zeigte – findet offenbar kaum den Weg in die großen deutschen Verlagshäuser. Selbst die große Trilogie von Gabriela Adameșteanu über ihr Alter Ego Laetiția Branea erschien hierzulande in drei verschiedenen Verlagen, ihr neues, nun stärker autofiktionales Buch kommt wiederum bei einem vierten heraus.
Für deutsches Publikum und deutsche Universitäten ist viel zu entdecken
Solche symptomatische Zersplitterung hat viele Gründe. Dazu gehört die für große deutschsprachige Verlage als notwendig vorgegebene Auflagenhöhe, von der an sich ein Buch erst ökonomisch lohnt. Die Vorsicht bei unbekannten, nicht bereits in vielen anderen Ländern erfolgreichen Titeln ist dementsprechend groß, die für eine lebendige Verlagslandschaft notwendige Risikobereitschaft dementsprechend gering: „Kleine“ Sprachen und Literaturen scheinen in dieser Perspektive zu wenig zu bieten, als dass sie als kultureller Reichtum erkannt und ins literarische Kommerzium integriert würden.
Nicht unähnlich dem Buchmarkt, zeigt sich die für die lesende Öffentlichkeit wichtige bundesdeutsche Universitätslandschaft mit ihren Milliardenetats. Bis auf eine Juniorprofessur in Jena und eine Münchner Privatdozentur ist etwa die von mehr als zwanzig Millionen Menschen (drei Millionen davon in der Republik Moldau) gesprochene rumänische Sprache und die damit verbundene Kultur in der kriselnden bundesdeutschen Romanistik nur noch auf der Ebene von Lektorinnen- und Doktorandinnen vertreten. In Tiefe und Breite reichende akademische Debatten finden so kaum mehr einen Weg in eine größere Leseöffentlichkeit – wenn auch ein kleiner Wissenschaftsverlag wie Frank & Timme (Berlin) eine auf mittlerweile stattliche 51 Bände angewachsene Reihe „Forum: Rumänien“ betreut, in der auch – Rarissimum! – rumänische Geisteswissenschaften in Übersetzung zu finden sind.
Es sind Einzelkämpfer, die bislang für Vermittlung sorgen
In die Zukunft gedacht, stellen sich nicht wenige die Frage, wo die Übersetzerinnen und Übersetzer herkommen sollen, wenn sich die Romanistik offensichtlich für nicht zuständig erklärt. Brachte der Exodus der deutschen Minderheiten aus Rumänien unter anderen den mittlerweile verstorbenen Gerhardt Csejka, den Siebenbürger Sachsen Georg Aescht und den Banater Lyriker Ernest Wichner nach Westdeutschland und damit dort zuvor nicht vorhandene hervorragende literarische Übersetzer aus dem Rumänischen ins Geschäft, so ist dieser „Kollateralgewinn“ der Auswanderung längst beendet (wenn man von dem jungen Lyriker und Übersetzer Alexandru Bulucz absieht).
Dabei sind mittlerweile durchaus jüngere Übersetzende am Werk, die an die „native speakers“ anknüpfen wollen. Einige wie die Preisträgerin der Leipziger Buchmesse, Eva Ruth Wemme, haben Rumänistik studiert, Anke Pfeifer hat noch in der DDR bei Eva Behring ihr Handwerk begonnen. Peter Groth kam zum Rumänischen durch mehrjährige Lehrtätigkeit in Rumänien und legt gerade eine Reihe von Übersetzungen vor, darunter das bewegende Memoir der Rockmusikjournalistin Alexandra Furnea, die 2015 die Club-Brandkatastrophe von Bukarest überlebte. Nicht zu übergehen ist auch das große Angebot rumänischer Literatur im Ludwigsburger Pop-Verlag, das der frühere Ingenieur und Schriftsteller Traian Pop in konsequenter Arbeit (und Selbstausbeutung) seit Jahren geschaffen hat.
Warum die rumänische Kulturpolitik bislang zögerlich agiert hat
Unübersehbar bleibt, dass es kleine Verlage sind, die hier Großes leisten. Das Dilemma besteht darin, dass die, die übersetzen wollen, mehr leisten müssen als nur die kreative Spracharbeit am Text. Sie sind zugleich Literatur-Scouts, die geeignete rumänische Bücher ausfindig machen, Verlage dafür finden, sich um Förderungen bewerben und hoffen, dass ihre Übersetzung irgendwann dann auch erscheint und entlohnt wird. Dennoch webt gerade die junge Szene der neu entstehenden kreativen kleinen Verlage im deutsche Sprachraum auch ein Netz junger rumänischer Literatur, in dem hervorragende Lyrik wie die von Moni Stănilă und Livia Ștefan oder die Romane von Lavinia Braniște aufgefangen werden können.
Zu hören ist, dass der amtierende rumänische Kulturminister, der Schauspieler András Demeter, mit der Unterschrift zum Vertrag mit der Frankfurter Messe zunächst zögerte. Die volatile zentralistische Politik Rumäniens bringt jedes Jahr ein neues Haupt des Ministeriums hervor; entsprechend sind Verzögerungen und Unterbrechungen unvermeidbar. Sollten etwaige Koalitionsverhandlungen noch hinzukommen, hätte dies auch Auswirkungen auf den Etat des ICR, des Rumänischen Kulturinstituts, das zum Beispiel auch die Übersetzungsförderung finanziert. Langfristige Planungen werden dadurch nicht gerade erleichtert. Vielleicht war es auch die strenge Sparpolitik zur Verringerung des Staatsdefizits, die auf kulturellem Feld keine großen Sprünge erlauben dürfte und deshalb die Unterzeichnung wohlüberlegt sein ließ – und verschleppte.
Dennoch hat das Land durchaus gute Erfahrungen gemacht mit seinen Auftritten auf Buchmessen in Paris oder in Leipzig. Dort war Rumänien vor acht Jahren Partnerland und hatte von der Architektur des Messestands bis zur Präsenz seiner Autorinnen und Autoren ein positives Echo erfahren. Der Frankfurter Auftritt wird allerdings mehr verlangen und große Anstrengungen erfordern, wie sie etwa das Beispiel Georgiens vorgibt. Das sehr viel kleinere Nachbarland am Schwarzen Meer legte 2018 zur Frankfurter Messe fast hundert Übersetzungen vor und hat sich seitdem nachhaltig in der deutschen Literaturszene etabliert. Buchmarkt, Verlagswesen, Förderinstitutionen in Deutschland und Rumänien haben jetzt zwei Jahre lang Zeit, sich vorzubereiten, um den eigentlichen Zweck des Status als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse zu erfüllen: eine angemessene Präsenz der literarischen Vielfalt Rumäniens in Übersetzungen zu ermöglichen.
Source: faz.net