Buch | Philosophie im Suppentopf: Jens Sparschuhs Roman „Der Waldmeister“

Mit sächsischer Hausmannskost und viel Ironie würzt Jens Sparschuh seinen neuen Roman „Der Waldmeister“ über einen ehemaligen Gastrokritiker, der in der DDR zum Koch augebildet wurde. Das hat großen Unterhaltungswert


Man fühlt sich als Leser von Küchendünsten umgegeben, ohne darin zu ersticken

Foto: Vladimir Gladkov


Wer schon zwei seiner Bücher gelesen hat, erkennt einen Roman von Jens Sparschuh mühelos. Man glaubt einen unverfänglichen Plauderton zu hören und hat sich doch mir nichts, dir nichts in einem Netz aus Ironie und Hintersinn verfangen. Die Banales nicht auslassende Erzählung der Gegenwart öffnet plötzlich ein Loch und führt zu überraschenden Fundstücken des Autors.

Sie verschaffen dem Leser ungeahnte Begegnungen: in Lavaters Maske (1999) mit dem Begründer der Physiognomie, Johann Caspar Lavater, der Freund-Feind Goethes; in Ende der Sommerzeit (2014) geisterte die Skizze vom Schauplatz eines Kriminalromans von Vladimir Nabokovs Hand durch den Roman. Und zuletzt schließlich war es unter dem Titel Nicht wirklich (2023) der vergessene Philosoph Hans Vaihinger mit seinem programmatischen Satz „Die Wahrheit ist nur der zweckmäßigste Irrtum“. Von wegen: unverfänglich! Sparschuh-Lektüre ist immer verfänglich.

Odo Weingaertner, der Protagonist seines neuen Romans Der Waldmeister, war mehr als 20 Jahre Gastrokritiker für einen Berliner Radiosender. Die Altersgrenze zwingt ihn zum Ausscheiden. Als letzte Amtshandlung will er noch die Beschwerde der Betreiberin des Gasthauses Dubrower Mühle beantworten, der er in seiner Sendung die schlechteste Note ausgestellt hatte.

Der Gastrokritiker hat große Pläne

Wie das manchmal so ist, aus Hund und Katze wird ein Paar. Weil Weingaertner aus seiner Wohnung wegen Eigenbedarfs des Vermieters ausziehen muss, nimmt er sich in der Dubrower Mühle ein Zimmer. Die idyllische Lage des Gasthofes an einem See in Brandenburg spiegelt sich leider nicht in der Zahl der Gäste wider. Der Gastrokritiker, der einstmals in der DDR zum Koch ausgebildet wurde, wechselt die Seiten und macht Senta, der Chefin, den Vorschlag, die Küche zu übernehmen. Aber so, dass das Geschäft brummt. Und schafft es.

An der Figur des Weingaertner hätte man ebenfalls den Sparschuh-Stil erkennen können. Mit Hinrich Lobeck als Anti-Helden im Roman Der Zimmerspringbrunnen, der wie ein Schwejk von Erfolg zu Erfolg stürmt, hat Sparschuh diese Figur vom Typ naiver, aber beherzt handelnder Held etabliert. Als Weingaertner Senta dabei beobachtet, wie sie im eiskalten See untertaucht, glaubt er an Suizid und macht sich bereit, sie zu retten. Wochen später badet er selbst im See und erlebt das kalte Wasser als Jungbrunnen. So hat er es bei Friedrich Eduard Bilz gelesen, der vor fast 200 Jahren in seiner sächsischen Heimat geboren wurde und ein Naturheilkundler und Lebensreformer wurde. Wie wäre es, aus dem Gasthof samt leer stehendem Tanzsaal eine Bäderklinik zu machen? Weingaertner fasst große Pläne und hat Senta längst auf seiner (Bett-)Seite.

Dass Sparschuh sich in die Welt des Kochens und der Küche begibt, ist nicht ohne Risiko. Das muss mit allerlei Details und Fachwissen bedient werden, ohne dass sich beides vor die Figuren schiebt. Die Balance gelingt. Man fühlt sich als Leser von Küchendünsten umgegeben, ohne darin zu ersticken. Und Sparschuh hat gut recherchiert: „Eingefrorener Fisch, zum Beispiel, wenn man ihn nur behutsam genug auftaute, ihm also einen längeren Zwischenaufenthalt im Kühlschrank gönnte, bevor man ihn der Raumtemperatur aussetzte, war oft viel frischer als sogenannter Frischfisch.“

Ein Handbuch für den Asketen ist Jens Sparschuhs Roman nicht

Mit Eintritt der historischen Figur, des Lebensreformers Friedrich Eduard Bilz, in den Roman, wird der Weg zur heutigen Lebens- und Esskultur gegangen. Zunächst stellt Odo Weingaertner die Verpflegung der Kurgäste ganz elementar vor und denkt an das Einmaleins der Küche mit Kohlsuppe, Kartoffeln, Quark und Leinöl. Aber reizarme Schonkost ist nicht für jeden attraktiv. Deshalb hatte er einen Plan B. Er beginnt mit gehobener sächsischer Hausmannskost nach Rezepten aus Großmutter Tildas Kochbuch. Da kann sich bei Böhmischer Fleckensuppe, farciertem Hecht und Hirschgulasch das Wasser im Mund sammeln.

Ein Handbuch für den Asketen ist der Roman nicht. Der studierte Philosoph Sparschuh kann es nicht lassen und will sich im Verlauf des Romans immerhin als Lebensphilosoph beweisen. Es gelingt ihm mit großem Unterhaltungswert. Dass es einen Zusammenhang zwischen Schmecken und Erzählen gibt, entnimmt Sparschuh einem Roman seines Kollegen Uwe Timm. Timm ist es, dem das Verdienst zukommt, literarisch die Currywurst entdeckt zu haben.

Der Waldmeister Jens Sparschuh Kiepenheuer & Witsch 2026, 368 S., 24 €

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