Die Journalistin und Autorin Anna Prizkau erzählt in ihrem Buch „Frauen im Sanatorium“ von Klinikfluren, Wodka trinkenden Soldaten und einem seltsamen Vogel im Kurpark
Die Schriftellerin Anne Prizkau
Foto: Valeria Mitelman
Eigentlich sind wir es so gewohnt: die Kranken drinnen und die Gesunden draußen. Doch die Literaturgeschichte hat sich seit jeher einen Spaß daraus gemacht, die Ordnung der Psychiatrie auf den Kopf zu stellen. Am eindrucksvollsten zu beobachten in Friedrich Dürrenmatts Bühnenklassiker Die Physiker, in dem sich Naturwissenschaftler verrückt benehmen, um ihren Bauplan zu einer Bombe in einer Heilanstalt vor Politik und Öffentlichkeit geheim zu halten.
Auch in Anna Prizkaus erstem Roman Frauen im Sanatorium lässt sich die konventionelle Trennung zwischen den vermeintlich Unbelasteten in der Alltagswelt und den Patienten im Inneren nicht klar ausmachen. Im Gegenteil, allen voran die Welt jenseits der Einrichtung scheint von Gewalt gezeichnet, sowohl in Familien als auch in einer von Kriegen erschütterten Gesellschaft. Und da manche jene Lasten kaum mehr auf ihren Schultern tragen können, erhoffen sie sich wie die Protagonistin dieses Prosawerks Hilfe im therapeutischen Setting.
Eingewiesen nach einem zu vermutenden Suizidversuch, verbringt Anna ihre Zeit mit den anderen Patienten, von deren Hintergründen sie nach und nach erfährt. Neben deutschen Soldaten, die die Spuren ihrer Einsätze mit Wodka wegzuwischen versuchen, sowie Marija, die stets vom harten Leben ihrer Mutter, einer Oppositionellen in der ehemaligen Sowjetunion, berichtet, zieht sie der rätselhafte David in den Bann. Nachdem die Ich-Erzählerin mit ihm eine Liebelei eingegangen ist, erlangt sie auch Kenntnis über seine, sodann auch einiges erklärende Diagnose, nämlich Schizophrenie. Krasse Biografien also, ihre Form wirkt dagegen beinah etwas zu brav.
Anna Prizkau war lange bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“
Ungeachtet einer durchaus noch spannenden Erzählweise, die die einzelnen Storys abwechselnd aufgreift, wählt die 1986 in Moskau geborene Autorin einen weitestgehend einfachen Stil. Die entrückte Kulisse in eine avantgardistische Komposition einzubetten, ist somit nicht Prizkaus Anspruch. Möglicherweise hat sie selbst zu viel Tragik in ihrem Leben gesehen, um es mit falschen Metaphern zu überladen.
Viele Jahre hat sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gearbeitet, mitunter als Reporterin in den ukrainischen Kampfgebieten. Ihr viel beachteter Erzählungsband Fast ein neues Leben erschien vor fünf Jahren. Auch wenn sich ihr schnörkellos gehaltener Roman dadurch stellenweise zäh liest, birgt er ein Raffinement: Mit fortschreitender Lektüre fragt man sich, ob die Erzählung der Protagonistin überhaupt stimmt. Schließlich nimmt sie ihre Tabletten nicht und auf den letzten Seiten taucht, um nur eine von vielen ominösen Wendungen zu erwähnen, noch ein merkwürdiger Bruder Davids auf, der diesem verblüffend ähnlich sieht.
Haben wir es nun mit Einbildung oder doch Realität zu tun? Kurzum: Wie verlässlich ist die Protagonistin? Eines erweist sich in diesem Roman jedenfalls als gewiss: die Vorstellung, dass das Schreiben einer Überlebensstrategie gleicht. Denn Anna hält die Begebenheiten auf Papier fest und versucht damit zugleich zu rekonstruieren, wie sie die wurde, die sie ist. Dieses Manöver erinnert ein wenig an die Märchenfigur Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht, die eine Geschichte an die andere reiht, wodurch sie der Sultan aus Tausendundeiner Nacht jeden Tag vorm Tod verschont. Er stellt zugleich den Zuhörer dar, in dem die Tochter des Wesirs paradoxerweise Stabilität findet
Und Anna? Auch sie verfügt über ein Gegenüber, ein durchaus kurioses! Die Rede ist von dem das Cover schmückenden Flamingo, der sich ein zartrosa Negligé geschnappt hat. Inmitten des Kurparks bildet er die tägliche Anlaufstelle für Anna. Auf einem Bein stehend versinnbildlicht er das Gleichgewicht, wonach sich alle oft verlorenen Figuren dieses Textes sehnen. Hätten sie doch nur seine Leichtigkeit!
Frauen im Sanatorium Anna Prizkau Rowohlt 2025, 304 S., 24 €